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Reform ja - aber welche?

Wer die Lösung der deutschen Kirchenkrise in Dialogprozessen sieht, für den stellt Papst Benedikt eine Herausforderung dar. Von Guido Horst
Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken
Foto: dpa | Völlig unterschiedliche Auffassung von den „ausstehenden Reformen“ bestimmen die innerkirchliche Diskussion: Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Die katholische Kirche in Deutschland sucht Wege aus einer Krise, die die aufgedeckten Missbrauchsskandale vor über einem Jahr vielleicht offengelegt haben, deren Ursachen aber, wie die deutschen Bischöfe im März dieses Jahres an die Gemeinden schrieben, tiefer liegen. Wenn der Papst in wenigen Tagen Berlin, Erfurt und Freiburg besucht, wird es ihm ein Herzensanliegen sein, diesen Aufbruch kräftig zu befördern. Doch eine Schwierigkeit ist jetzt schon abzusehen: Die Bischöfe, die den in Mannheim begonnenen vierjährigen Reformprozess unterstützen und mittragen, hoffen darauf, dass der gewünschte Aufschwung von unten kommt, dass er aus einem Dialog erwächst, der sich vornehmlich in den Kreisen des Verbands- und Gremienkatholizismus abspielen soll.

Die Stimmung dort ist aber allgemein bekannt: Sie fand ihren Ausdruck in dem Theologen-Memorandum, in dem offenen Brief von Unions-Abgeordneten an die Bischöfe, in zahlreichen Äußerungen führender Vertreter des Gremienkatholizismus. Es geht meistens um die üblichen Reizthemen wie Zölibat, Frauenweihe, wiederverheiratete Geschiedene, homosexuelle Partnerschaften, Mitspracherechte der Laien. Und zudem ist diese Stimmung latent, aber deutlich papstkritisch eingefärbt. So war in Mannheim eine große, alte Dame des Zentralkomitees der deutschen Katholiken froh darüber, dass das Wort „Rom“ dort nicht ein einziges Mal gefallen sei. Wie aber soll Papst Benedikt jetzt in Deutschland den von der deutschen Bischofskonferenz beziehungsweise ihrem Vorsitzenden angestoßenen Dialogprozess befördern und beflügeln, wenn der deutsche Gremienkatholizismus diesen Dialog für sich gepachtet hat?

Den Hunderttausenden, die dem Papst in den kommenden Tagen begegnen und mit ihm die großen Gottesdienste feiern werden, dürfte diese Frage ziemlich gleichgültig sein. Was ein Diözesanrat ist, ein Zentralkomitee oder jener in Mannheim eröffnete Dialogprozess, ist selbst treuen Kirchgängern in der Regel völlig unbekannt. Anders steht es um die Medien, die es gewohnt sind, irgendetwas vor die Linse oder das Mikrophon zu bekommen, was eine Etikette trägt: kfd, ZdK, WSK oder BDKJ – und auf dem Umweg über das gedruckte oder gesendete Wort schaffen sie dann doch die im Lande so diffus verbreitete Kirchen-Stimmung.

Und die ist vor allem durch einen Begriff geprägt: durch den von den „ausstehenden Reformen“. Dass es dabei letztlich um die soeben genannten Reizthemen geht, die nichts mit Reformen im kirchlichen Sinn, sondern mit Zugeständnissen an die gesellschaftlichen Entwicklungen von heute zu tun haben, ändert nichts an der Tatsache, dass derjenige, der „Reformen“ fordert, die Nase vorn zu haben scheint. Aber auch Papst Benedikt spricht von Reformen, als Kardinal bereits hat er sich ausführlich mit der „ecclesia semper reformanda“, der sich immer reformierenden Kirche, befasst – und das im eigentlichen Sinn: dem der Wegnahme des Überflüssigen und der Rückkehr zum Wesentlichen. Dass also zwei ganz unterschiedliche Auffassungen von Reform innerhalb der Kirche auch beim kommenden Papstbesuch im Raume stehen, macht das argumentative Verwirrspiel, aber auch den Reiz dieser Tage aus.

Das Schweigen der Hirten im kirchlichen Kampfgetümmel

Neu ist das nicht. Ganz im Gegenteil. Das ganze Spiel dauert schon über vierzig Jahre. Als der Doyen der katholischen Kirchengeschichtsforschung, Hubert Jedin, am 16. September 1968 gemeinsam mit seinem jüngeren Fachkollegen Konrad Repgen beim Münchener Kardinal Julius Döpfner eine Eingabe an die Deutsche Bischofskonferenz einreichte, um auf die Gefährlichkeit der Krise innerhalb der katholischen Kirche und deren Vergleichbarkeit mit den Zuständen während der Reformation hinzuweisen – eine Eingabe, die von dem Konferenzvorsitzenden Döpfner nie beantwortet wurde –, beschrieb er die Zustände in Deutschland, wie sie sich auf dem Katholikentag in Essen von 1968 zugespitzt hatten, in einer Weise, die man eins zu eins auf die heutige Polarisierung innerhalb der Kirche deutscher Zunge (Österreich und die Deutsch-Schweiz eingeschlossen) übertragen könnte. Nur einzelne Wendungen müsste man austauschen, so dass etwa die Krise heute nicht durch „Humanae vitae“, sondern durch die „Missbrauchsskandale“ ausgelöst wurde. Ansonsten aber könnte jene Eingabe auch in den vergangenen Wochen oder Monaten entstanden sein.

Jedin und sein Kollege Repgen analysieren nicht nur, sondern fragen auch nach dem „Was ist zu tun?“. Auch wenn es ein längeres Zitat ist, sei die entsprechende Antwort hier vollständig wiedergegeben: „Wir glauben nicht, dass die Gründung und Unterstützung konservativer, traditionalistischer Gruppen und Bewegungen der richtige Weg ist, um die drohende Kirchenspaltung oder den Kirchenabfall zu verhindern. Einer kirchlichen ,Rechten‘ den Kampf gegen die Auswüchse der kirchlichen ,Linken‘ zu überlassen, wäre eine grundsätzliche Abdikation (Abdankung, A.d.R.) der Autoritäten, welche die katholische Kirche im Unterschied von den protestantischen Kirchengemeinschaften dank ihrer auf göttlichem Recht beruhenden Struktur besitzt. Sie müssen selbst vernehmlich sprechen und entschieden handeln, und zwar ohne Rücksicht auf ihre Popularität. Wenn sie es tun, und zwar bald tun, wird sich zeigen, dass sie die große Masse des noch katholischen Kirchenvolkes hinter sich haben. Hätten sich die deutschen Bischöfe in den ersten Jahren der Glaubensspaltung des sechzehnten Jahrhunderts zu gemeinsamem Handeln aufgerafft, ehe die Reformation ein Politikum wurde, hätte die Kirchenspaltung wenn auch kaum ganz verhindert, wohl aber vielleicht auf eine bloße Absplitterung reduziert werden können. Der heutige Episkopat ist nicht mehr durch mangelhafte theologische Ausbildung sowie durch seine soziale Stellung und die daraus resultierenden Verstrickungen in die Politik belastet und gehemmt. Die Konstitution ,Lumen gentium‘ hat ihm weitergehende Rechte und Möglichkeiten, aber auch eine höhere Verantwortung für die Integrität des Glaubens als je zuvor verliehen. Sie dürfen nicht auf das Eingreifen der obersten Glaubensbehörde warten, sondern müssen selbst handeln. Wo die öffentlichen Kommunikationsmittel Mauern des Schweigens aufbauen oder die tatsächlichen Vorgänge nur durch verzerrende Linsen zu beobachten gestatten, ist ihr klärendes Wort und ihr entsprechendes Handeln doppelt unerlässlich. Jedem Katholiken und Nicht-Katholiken muss deutlich werden, dass die Bischöfe die unverkürzte Wahrung und Bewahrung des Glaubensgutes als ihre erste und höchste Pflicht betrachten.“ (Aus: Hubert Jedin. Lebensbericht. Hrsg. von Konrad Repgen, Grünewald-Verlag Main. Seite 269f.).

Der Papst kommt nicht als Moderator

Aber genau das, wovor Jedin und Repgen warnten, ist in den vergangenen Jahrzehnten geschehen. Nicht die berufenen Hirten der Kirche, die auch die nötige Amtsgnade dafür haben, geben die unverhandelbaren Eckdaten der kirchlichen Lehre und Disziplin vor, sondern alles, was in der Kirche wichtig ist, wird einem – medial angeheizten – Kampfgetümmel überlassen. Bricht das Zentralkomitee der deutschen Katholiken nach links aus, gründet sich rechts das Forum Deutscher Katholiken. Gehen Pfarrer der 68er-Generation liturgisch und lehrmäßig ihre eigenen Wege, entstehen auf der anderen Seite des innerkirchlichen Spektrums romtreue Priesterkreise. Entstellen liturgische Arbeitskreise das Geschehen am Altar bis zur Unkenntlichkeit, treten andere Vereinigungen – oft mit lateinischem Namen – für die Bewahrung des festgeschriebenen Ritus ein. Formulieren Theologen ein protestantisierendes Memorandum, vernetzen sich engagierte Katholiken auf der anderen Seite und klopfen das Ganze wieder in einer „Petition Pro Ecclesia“ fest. Bischöfe, so scheint es, sind dann nur noch ominöse Stellen, wo man Memoranden und Petitionen abgeben kann. Und dann kommt der Papst und soll den ganzen Schlamassel wieder richten.

Die deutschen Bischöfe haben sich dafür entschieden, dem ewigen Hin und Her zwischen unterschiedlichen Positionen, das nun schon über vierzig Jahre währt, einen institutionellen Rahmen zu geben. Der moderierte Dialog, der im Sommer in Mannheim begann, soll der Kirche in Deutschland vier Jahre lang erhalten bleiben. Bis dahin wird er viele Energien binden. Die einen hegen hohe Erwartungen und arbeiten sich an deren Verbreitung ab, die anderen können in den erwünschten „Reformen“ keine wirklichen Reformen sehen und halten dagegen. Innerkirchliche Selbstbeschäftigung nennt man das und aus den vierzig werden wohl auch noch fünfzig Jahre werden. Fünfzig Jahre haben übrigens den Reformatoren – die ja am Anfang keine Kirchenspaltung wollten – gereicht, um aus dem Unbehagen an der Kirche einen verfestigten Bruch zu machen, dem dann die „aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften“ erwachsen sind.

Der Papst dagegen kommt nicht als Moderator, sondern wendet die Methode des Evangeliums an: Hören – Staunen – Nachfolgen. Benedikt XVI. ist der festen Überzeugung, dass die Begegnung mit dem, dem er sein jüngsten Buch in zwei Bänden gewidmet hat, die einzig wahre und rettende Antwort ist, um dem armen, schwachen, sündigen und dem sicheren Tod entgegengehenden Menschen Freude und Hoffnung zu geben. Dass Jesus Christus in der katholischen Kirche nur zu haben ist, wenn die Nachfolger der Apostel geeint und in der apostolischen Tradition zu Hause sind, das hat nicht ein Konzil formuliert, sondern das hat der Auferstandene selbst gesagt. Einem „deutschen Sonderweg“ kann der Papst deshalb nie seinen Segen geben. Da bleibt er eine nicht zu umgehende Herausforderung.

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