Kirche des Credo?

Der Glaube, dass Gott Mensch geworden und zu unserem Heil in die Welt gekommen ist, bezeugen getaufte Christen bis heute. Von Johannes Grohe
Die Weihnachtsbotschaft hat zunächst die Herzen einfacher Hirten erreicht.
Foto: dpa | Die Weihnachtsbotschaft hat zunächst die Herzen einfacher Hirten erreicht.

In der Weihnachtsnacht vernehmen wir aufs Neue den Ruf des Engels, der sich an die Hirten wendet: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr“ (Lk 2,10–11). Diese Botschaft hat die Welt mit Freude erfüllt, die Herzen der Hirten und einiger weniger Menschen zunächst, die den Herrn mit bereitem Herzen aufgenommen haben, um dann ihren Siegeszug durch die ganze Welt anzutreten. Wo immer Menschen damals wie heute mit dem Evangelium in Berührung kommen, spüren sie, dass es sich um Heilslehre handelt, sie nehmen die Botschaft, die fortan ihren Lebensweg bestimmen wird, mit Freude auf. So etwa in der Begegnung des Diakons Philippus mit dem Kämmerer der Königin der Äthiopier (Apg 8, 26-40), der nach einer kurzen, intensiven Unterweisung die Taufe empfängt und voll Freude weiterzieht (Apg 8,39). Zuvor heißt es zur Bitte des Kämmerers nach der Taufe: „Wenn du aus ganzem Herzen glaubst, ist es möglich. Er antwortete: Ich glaube, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist“ (Apg 8,37). Es handelt sich bei diesem Vers zwar um eine spätere Einfügung zum Text, doch bringt er die Überzeugung der Kirche der Frühzeit zum Ausdruck, dass der Glaube an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der zu unserem Heil in die Welt gekommen ist, notwendig zur Taufe gehört.

Taufsymbola und das feierliche Bekenntnis

In der Katechese der Kirche wird, je länger je mehr, in kurzen Aussagen das Wesentliche dieses christlichen Glaubens formuliert. Die Taufsymbola entstehen. Deren bekanntestes, das sogenannte Apostolische Glaubensbekenntnis, das auf das Taufsymbol der römischen Kirche zurückgeht, ist uns bis heute bekannt und wird für gewöhnlich beim Sonntagsgottesdienst gebetet (im Wechsel mit dem Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis bei besonderen Anlässen). Beim Gottesdienst sind wir gewohnt, uns zum Glaubensbekenntnis zu erheben. Wir drücken damit unsere Achtung und Wertschätzung vor der Heilslehre aus, verneigen uns zur zentralen Aussage „empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“ und knien gar an Weihnachten und dem Fest der Verkündigung des Herrn (25. März) dazu nieder. Das incarnatus est … des Großen Glaubensbekenntnisses hat im liturgischen Gesang der lateinischen Kirche größte Bedeutung erlangt und zahllose Komponisten zu bewegenden Interpretationen inspiriert. In der nachkonstantinischen Zeit, in der sich die Katechese der Kirche für die Taufbewerber frei entfalten konnte, kannte man – etwa in Jerusalem, Mailand und Karthago – in der Vorbereitung der Katechumenen während der Fastenzeit den Moment, an dem ihnen das Glaubensbekenntnis nach intensiver Einführung übergeben wurde (traditio symboli). Sie nahmen es zum Lernen und Bekennen entgegen. Eine Woche später rezitierten dann Taufbewerber und ihre Paten vor dem Bischof das Glaubensbekenntnis (redditio symboli). Im Zuge der Liturgiereform hat man die traditio und reddito bei erwachsenen Taufbewerbern erneuert. Die Freude über die empfangene Heilslehre kommt zum Ausdruck, wenn bei der Taufe auf die dreimalige Frage nach dem Credo und der Antwort „ich glaube“ auch heute der Zelebrant feierlich spricht: „Das ist unser Glaube, der Glaube der Kirche, zu dem wir uns in Jesus Christus bekennen“ (Haec est fides nostra. Haec est fides Ecclesiae, quam profiteri gloriamur, in Christo Iesu Domino nostro).

Es schwingt Stolz in dieser Aussage mit, nicht eingebildeter Stolz, sondern Freude über die Erlösung und die empfangene Heilslehre, aus der der getaufte Christ lebt: „Erkenne deine Würde! Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden, kehre nicht zu der alten Erbärmlichkeit zurück und lebe nicht unter deiner Würde. Denk an das Haupt und den Leib, dem du als Glied angehörst! Bedenke, dass du der Macht der Finsternis entrissen und in das Licht und das Reich Gottes aufgenommen bist“ (Leo der Große, aus einer Weihnachtspredigt).

Konzilien können nicht irren

Für alle Konzilien nach den großen ökumenischen Synoden von Nizäa 325 und Konstantinopel 381 ist das dort beschlossene Glaubensbekenntnis Richtschnur für die Beratungen. Die Konzilien im katholischen Westgotenreich demonstrieren dies auf besonders eindrucksvolle Weise. Man widmete für gewöhnlich die ersten drei Tage der synodalen Beratungen dem Geheimnis der Dreifaltigkeit, ausgehend vom Glaubensbekenntnis der beiden ersten Konzilien sowie den Beschlüssen von Ephesus (431) und Chalkedon (451). Dabei war es das III. Konzil von Toledo (589), das die Lehre vom Hervorgang des Heiligen Geistes aus dem Vater und dem Sohn formulierte, was dann auf dem VIII. Toledanum (653) zur Einfügung des „filioque“ in das Glaubensbekenntnis und dessen Proklamation während des Sonntagsgottesdienstes führte. Dieser Vorgang wurde dann im Frankenreich rezipiert und auch von der Römischen Kirche 1014 mit der Einfügung des „filioque“ übernommen. Da im Mittelalter die Taufe überwiegend Kindertaufe war, entfiel die aus der Alten Kirche bekannte Unterweisung erwachsener Katechumenen. Dennoch gibt es das Bemühen um katechetische Darlegung des Glaubens. In der Gliederung der Unterweisung gelten die Auslegungen des Credo und Pater noster aus der Feder des Petrus Abälardus († 1142), die Auslegung des Credo, Pater noster, Angelus und der Sakramente des Thomas von Aquin († 1274) oder auch die katechetischen Werke des Johannes Gerson († 1429) als Vorbild. Provinzialsynoden in England, Frankreich und anderswo legen die in der Verkündigung zu behandelnden Themen fest, darunter immer das Credo. Das Konzil von Tortosa 1429 (für die Kirchenprovinzen der Krone Aragón), ist vielleicht das erste, das direkt die Abfassung eines Katechismus für die Pfarrer zur Unterweisung der Gläubigen fordert. Die große Zeit der Katechismen beginnt aber erst mit dem 16. Jahrhundert, für die Katholische Kirche mit Petrus Canisius (1554), dem Katechismus des Konzils von Trient (1566) und anderen katechetischen Werken – wobei immer die Erläuterung des Credo einen wesentlichen Anteil hat. Auf das Credo als Norm kann man die bekannte Formel des Vincenz von Lerins († nach 434) anwenden, nach der der katholische Glaube das ist, „was überall, was immer, was von allen geglaubt wurde“ (Commonitorium 2,5). Ganz im Sinne der Ekklesiologie der Kirche seit der Antike bis heute repräsentieren die Bischöfe des Erdkreises in Einheit mit dem Nachfolger Petri die Katholizität: das, was überall und von allen, und – weil sie in der apostolischen Sukzession stehen – immer geglaubt wird. Davon wird man auch heute nicht Abstand nehmen können. Der biblisch grundgelegte und in der Lehrtradition der Kirche dargelegte Glaube kann nicht regional verschieden ausgelegt werden, schon gar nicht unter Einfluss von mehr oder weniger erfolgreichen „pressure groups“. Er kann auch nicht vom Konsens mit der authentischen Lehrverkündigung früherer Zeiten Abstand nehmen. Als sich etwa Thomas Morus 1534 wegen seines angeblichen Hochverrats rechtfertigen musste, und ihm vorgehalten wurde, er habe die Voten der Bischöfe, der Gelehrten und der Universitäten des Königreichs gegen sich, entgegnete er: „Ich bin im Zweifel darüber, ob, zwar nicht in diesem Reiche, aber doch in der ganzen Christenheit, nicht der größere Teil jener hochgelehrten Bischöfe und tugendhaften Männer, die noch leben, in dieser Sache die gleiche Meinung hat wie ich. Sollte ich aber von denen sprechen, die schon tot sind, so wäre ich ganz sicher, dass weitaus die meisten von ihnen genau so gedacht haben, wie ich jetzt denke. Deshalb bin ich nicht verpflichtet, mein Gewissen, gegen das allgemeine Konzil der Christenheit, dem Konzil eines einzigen Reiches anzupassen. Denn von den besagten Bischöfen kann ich jedem Eurer Bischöfe mehr als hundert entgegenstellen; und gegen dieses, Euer Konzil, oder Parlament … stehen alle Konzile, die seit tausend Jahren stattgefunden haben …“.

Zeitgemäße Verkündigung und traditionelle Lehre

Gewiss gilt es, den Glauben der Kirche in die jeweilige Kultur des Landes, in dem sich die Evangelisierung ereignet, mit Respekt vor den Menschen und ihrer jeweiligen Kultur zu verkünden, doch kann es nicht um den Preis der Verminderung der empfangenen Lehre geschehen. Dies ist auch das Anliegen des Papstes in seiner Videobotschaft für Dezember 2018: „Beten wir gemeinsam darum, dass diejenigen, die den Glauben verkündigen, eine zeitgemäße Sprache finden: Im Dialog mit der Kultur, mit den Herzen und vor allem durch aufmerksames Zuhören.“ Da mag jemand gerade an Weihnachten, wie der Kämmerer, den Glauben der Kirche empfangen von jemandem, der zuzuhören und zu verkündigen versteht, und dann voll Freude weiterziehen (Apg 8,39).

Der Autor ist katholischer Theologe und Opus-Dei-Priester und lehrt Kirchengeschichte an der Päpstlichen Universität „Santa Croce“ in Rom.

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