„German Angst“ – Sind wir ein Volk von Angsthasen?

Die Furcht vor Säbelrasseln und Attacke ist wohl auch eine vor den Dämonen im eigenen Inneren. Von Burkhardt Gorissen
Foto: dpa | „Wer hat Angst vor'm schwarzen Mann?“ – „Niemand“: Das Spiel, das Kinder früher auf dem Schulhof spielten, ist Geschichte, Ängste haben sich verschoben.
Foto: dpa | „Wer hat Angst vor'm schwarzen Mann?“ – „Niemand“: Das Spiel, das Kinder früher auf dem Schulhof spielten, ist Geschichte, Ängste haben sich verschoben.

Gegenwärtig haben Angsthasen Konjunktur. Nicht nur wegen Ostern. Der Osterhase ist natürlich kein Angsthase, er trägt mutig hoppelnd seine Kiepe voller Süßigkeiten auf dem Rücken, um die Osternester zu füllen. Das weiß auch der deutsche Michel, der Normalo also, der voll krass gar keine Angst haben will. Besonders dann nicht, wenn die Fußball-EM kurz vor der Tür steht. Immerhin, wir sind Weltmeister. Wir. Und da wird man ja wohl noch davon ausgehen dürfen, dass Jogis Jungs den europäischen Titel holen. Wir also. Aber wenn Boateng verletzt ist und Schweini und Heini … Nein, den gibt?s nicht. Himmel, wen sollen wir 7:1 schlagen, wenn Brasilien nicht dabei ist? Einem Aufnahmeantrag in die EU wird wohl so schnell nicht stattgegeben, dass es noch bis zur EM reicht. Da kann Merkel noch so oft sagen: „Wir schaffen das“. Vielleicht, wenn die Färöer-Inseln ins Endspiel kommen. Aber die spielen gar nicht mit. Gedanken sind das!

Mit ihrem untrüglichen Gespür für das Provinzielle haben amerikanische Journalisten in den achtziger Jahren eine merkwürdige Zukunftsangst bei den Deutschen diagnostiziert. Rasch war das passende Schlagwort geboren: German Angst. Ob hier nun die Betrachtungsweise korrekt genannt werden kann oder Vorurteile Hase und Igel spielen, bleibt Denksportaufgabe für den Betrachter.

Auf dem internationalen Parkett hat sich jedoch der deutsche Begriff Angst, ähnlich wie der Begriff Weltschmerz rasch in den englischen Sprachschatz eingebürgert. Leichterdings ist damit entweder eine generalisierte Angststörung gemeint oder jene unbegründete diffuse Furcht, die Erich Fried im poetischen Grundgefühl von der Angst vor der Angst schreiben ließ: „Zweifle nicht / an dem / der dir sagt / er hat Angst / aber hab Angst / vor dem / der dir sagt / er kennt keinen Zweifel“.

Hingegen ist nicht sicher, ob damit verbunden ist, den Deutschen flugs eine rettende Therapie anzubieten – oder wenigstens einen Schluck Jubelbrause aus der pharmakologischen Wundertüte. Immerhin lässt sich mit solchen Charakterisierungen einfach und treffend der Hang der Deutschen bezeichnen, sich zu Allem tiefschürfende Gedanken zu machen und seien sie noch so überflüssig. German Angst, das bezieht sich auch auf die Hemmung, neue Technologien mit lautem Jubelschall zu feiern. Kollektive Angstschübe gegen Atomkraftwerke, Gen-Tomaten, Gen-Mais und anderem manipulierten Plunder, all das stellte die Deutschen in das Licht eines hasenfüßigen Fortschrittmuffels. Menschen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten sehen das naturgemäß anders. Herman Kahn, zu Zeiten des Kalten Krieges der amerikanische Superstar der Zukunftsforscher, meinte zum Atomkrieg: „Selbst wenn die Hälfte oder ein Viertel der Nation den Tod fände, die Überlebenden würden sich dennoch nicht hinlegen, um zu sterben. Das Leben würde weitergehen.“ Nicht ganz unverständlich, dass uns Deutschen bei so viel halsbrecherischem Lebensmut die Knie schlottern. Liegt das an der German Angst? Wenn auch die Trennlinie zwischen kybernetischer Intelligenz und neurotischem Fortschrittsglauben fließend ist, Kahns Provokationen haben keine Konjunktur mehr. Seit Tschernobyl und Fukushima hat die bittere Realität den kruden Wissenschaftsoptimismus ausgebremst.

Das Rätselraten über die Quellen der German Angst hält an. Waren die Deutschen immer Angsthasen? Wenn es etwas Typisierendes gibt, das den deutschen Charakter im 19. Jahrhundert prägte, war es die weltschmerzgeschwängerte Romantik. Deren Hypersensibilität drückte sich einerseits in Weltfremdheit aus, andererseits, weitaus weniger sensibel, in der patriotischen Naseweisheit eines Emanuel Geibel, der den Begriff des deutschen Wesens prägte: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“ Zu seiner Verteidigung sei gesagt, Geibel, der Goethe-Verehrer, der zeitlebens unter epigonalem Verschleiß litt, meinte mit diesem Wesen nicht das Seelenkostüm des germanischen Haudrauf, sondern das zerfledderte deutsche Staatswesen, das zu einem harmonischen Ganzen gefügt werden sollte.

Vielleicht liegt auch darin ein Urgrund für German Angst, dass sich der nationale deutsche Staat erst 1871 Dank des Bismarck?schen Draufgängertums bildete. Seither galt die preußische Schneidigkeit als Kernstück deutschen Wesens. Die preußischen Tugenden ließen jenen soldatischen Helden entstehen, der mit Todesverachtung und dem Übermut Jung-Siegfrieds alles angriff, was er für einen Drachen hielt, ohne den inneren Drachen auch nur im Entferntesten ins Auge zu fassen. Daraus entwickelte sich ein Golem von Gefühllosigkeit, der die Chuzpe besaß, vorwiegend Weltmachtpläne zu schmieden.

Kurz gesagt, der reichsgewordene Teutone führte sich in Europa auf, wie ein Parvenü mit gewaltigen Ego-Problemen. Heinrich Mann ließ sich mit literarischer Finesse in „Der Untertan“ darüber aus. Spätestens seit „Preußens Gloria“ im Schlachtfeldlärm von Stalingrad und den Todeskammern von Auschwitz endete, ist die German Angst vor Säbelrasseln und Attacke wohl auch eine Angst vor den Dämonen im eigenen Inneren.

Doch heißt das No future? In einem Land mit einer ungemein starken Wirtschaft, einem ausgeprägten Sozialsystem und einem Wohlstand, der verglichen mit dem Rest der Welt nur als überaus hoch gewertet werden kann, soll alles nur Zähneklappern und Knieschlottern sein? Was ängstigt uns Deutsche? Brot- und Butterinteressen? Haben wir Angst, dass uns hilflose Migranten unser viertes Schnitzel beim Grillabend anknabbern könnten? Oder fürchten wir, jetzt nur noch an zwei verlängerten Wochenenden im Jahr einen Städtetrip per Flieger machen können, weil das Flugbenzin höher besteuert werden könnte? Also, lieber Dreck in die Luft pusten, statt an Weihnachten oder Ostern zur Messe zu gehen? Warum versuchen wir unsere Ängste nicht zu überwinden? Warten wir, bis der Hund in der Pfanne verrückt wird oder der Osterhase mit den Wölfen heult? Vielleicht fehlt es uns ganz einfach an Humor?

Während der schwarzbrotfeindliche Franzose Mut zur Lücke beweist und auch noch breit grinst, wenn er sich am Baguette von letzter Woche die Zähne ausgebissen hat, flüchtet der Deutsche nach einem Zahncremewerbespot in die zahnärztliche Notfallpraxis aus panischer Angst vor Karies.

Bei so viel immer wieder recycelter Angst nimmt es nicht Wunder, dass der distinguierte Brite seit Jahrhunderten, teeverwöhnt, seinen Darjeeling nur trinkt, weil er ihm einfach schmeckt. Ein deutscher Tee-Importeur hingegen muss mindestens zehn ökologische Unbedenklichkeitsstempel auf die Verpackung drucken, um eine Verkaufschance zu haben. Während der stressfreie Holländer sein Wohnwagengespann vor der verstrubbelten Frittenbude neben der Schwermetallgießerei parkt, hört der Deutsche aus Angst und Ekel lieber Heavy Metal aus der Konserve und sucht die Gegend solange ab, bis er ein appetitliches Schnellrestaurant in einem Grüngürtel findet. Ob aber nicht auch dort die Portion eingeschrumpelter Pommes aus träg blubberndem Altöl gezogen wird, scheint nicht weiter wichtig, weil das gourmethafte Ambiente den unwiderstehlichen Charme einer Zahnarztpraxis besitzt, die jedes Jahr das Hygienezertifikat der IHK bekommt. Historisch betrachtet stammt dieser atavistische Angstreflex aus den 50er Jahren, als Meister Proper und Klementine das Regiment in deutschen Haushalten übernahmen und der Unterschied zwischen „sauber und rein“ definiert wurde, weil alles „weißer als weiß“ sein musste, da man rein gedanklich noch voll brauner Flecken war. Zu dieser porentiefen Reinheit gesellte sich eine unleugbare männliche Hybris, die heute eher peinlich als empfunden würde. Damals teilte die Dr. Oetker-Werbung mit, dass eine Frau zwei Lebensfragen hat: „Was soll ich anziehen und was soll ich kochen?“ Heute kocht der weichgespülte Feminist lieber selbst und murmelt, ins Selbstgespräch vertieft, das neudeutsche „Wir-schaffen-das-Mantra“, um die Zeit bis zur nächsten Therapiestunde zu überbrücken, wo er sein männliches Rollenbild durchdeklinieren lässt. So haben sich die Ängste verschoben. Aber ist das typisch deutsch?

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