Fatima

Fatima für Fortgeschrittene

Hundert Jahre Marienerscheinungen: Manfred Hauke legt einen Aufsatzband vor.
Fatima: Hundert Jahre Marienerscheinungen

Den Marienerscheinungen in der Cova da Iria im Jahr 1917 gänzlich unbekannte Seiten abzugewinnen, dürfte hundert Jahre später nahezu ausgeschlossen sein. Unzählige Male wurde die Geschichte erzählt und dokumentiert. Als der Vatikan im Jahr 2000 das Dritte Geheimnis veröffentlichte, wirkte diese Entscheidung wie ein Schlussstrich unter eine mit Leidenschaft geführte Diskussion über eine kirchlich anerkannte Privatoffenbarung. Als sich die deutsche Sprachsektion im September 2016 beim 24. Internationalen Mariologisch-Marianischen Kongress in Fatima mit Geschichte, Botschaft und Aktualität der Erscheinungen befasste, standen die geschichtliche Vergewisserung, eine zuverlässige theologische Auslegung und die Rezeption im Leben der Kirche im Vordergrund. Der in Lugano lehrende Dogmatiker Manfred Hauke hat nun eine vollständige schriftliche Fassung der Kurzvorträge vorgelegt, die während des von der Internationalen Päpstlichen Marianischen Akademie mit dem Heiligtum von Fatima veranstalteten Kongresses gehalten wurden. Einer der kürzesten Beiträge bringt das Ereignis von Fatima am präzisesten auf den Punkt: Peter Helmut Görg verweist auf die Auseinandersetzung des Theologen Leo Scheffczyk (1920–2005) mit der Botschaft und ihre bis heute gültige Interpretation: Als Prophetin habe Maria durch die Seherkinder den Blick auf das Schwinden des Sündenbewusstseins gelenkt, dieses „Grundübels der modernen Welt, das die Wurzel aller anderen geistigen und leiblichen Schäden ist“. Hier raste die Botschaft in das Gefüge der Zeit unserer Zeit ein und decke die tiefsten Abgründe der modernen Lebenslandschaft auf, in denen die Selbstherrlichkeit des Menschen, die Unbußfertigkeit und die Gottesblindheit nisten.

Eine detailgenaue Beschreibung der Rolle Fatimas im Leben des heiligen Johannes Paul II. bietet der Beitrag von Manfred Hauke. Seltenheitswert im deutschen Sprachraum haben die fundierten Auslegungen über die Rolle Mariens als Miterlöserin. Es gebe, so der Dogmatiker, einen „tiefgründigen Gleichklang“ zwischen der Botschaft Fatimas über die Miterlösung und dem päpstlichen Lehramt. Aus Haukes Sicht stellt die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens das eigentliche Zentrum der Botschaft von Fatima dar. Dass Letztere in der Tradition der kirchlichen Frömmigkeit steht, unterstreicht er mit Blick auf die „Theologie der Marienweihe, die sich auf das Werk des heiligen Ludwig Maria Grignion von Montfort stützt und schon im päpstlichen Wappen mit den Worten Totus tuus sichtbar ist.“

Zu den geistlichen Wegbereitern der Botschaft von Fatima werden ebenfalls zwei für den Orden der Schwestern von Guten Hirten prägende Gestalten gezählt: Der heilige Johannes Eudes (1601–80), der neben der Herz-Jesu-Verehrung auch die davon nicht abzukoppelnde Verehrung des Herzens Mariens förderte, sowie die selige Maria Droste zu Vischering (1863–1899). Zwei Kernelemente der Fatimabotschaft, das Sühneleisten und das „Trösten Jesu“, finden sich bereits im geistlichen Erbe der westfälischen Adeligen. Christa Bisang widmet ihr einen lesenswerten Beitrag, der aufzeigt, wie stark die spirituelle Basis war, auf deren Grundlage sich das tätige Apostolat im 19. Jahrhundert entfaltete.

Der Band spart knifflige Fragen nicht aus. Inwieweit die von der Gottesmutter gewünschte Weihe Russlands nun tatsächlich vollzogen wurde oder nicht. Haukes Darstellung zufolge fiel das Urteil Schwester Lucias in dieser Frage nicht eindeutig aus, da der Name Russland in den Weihetexten nicht expressis verbis genannt wurde. Nicht minder regen Anton Ziegenaus Ausführungen über die offizielle Dokumentation der Botschaft von Fatima zum Nachdenken an. Ein Schlüsselbegriff, das „Unbefleckte Herz Mariens“ fehlt in entscheidenden Texten. Lucia dos Santos, die einzige der Fatima-Seher, die das Erwachsenenalter erreichte, empfing nach ihrem Klostereintritt weitere Botschaften in Puy und Pontevedra und schrieb Jahrzehnte nach den Erscheinungen ihre „Erinnerungen“ nieder. Das daraus entstandene Spannungsfeld aus Dokumentation, Erinnerung und persönlichem Zeugnis rief Zweifler auf den Plan: Die von dem Jesuiten Dhanis geführte Kontroverse um Fatima I und II beleuchtet Ziegenaus sachlich und mit ausführlichen Quellenangaben.

Ein aufschlussreicher Beitrag von Rudolf Kirchgrabner erläutert, wieviel die Rezeption der Botschaft von Fatima über die beklemmende Lage der Theologie in Deutschland vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil verriet. In seinem Porträt des Bamberger Kirchenhistorikers Ludwig Fischer (1890–1957) schildert der Verfasser die massiven Widerstände im Klerus gegen die Verbreitung der Botschaft von Fatima in Deutschland. Vogel pilgerte 1929 als erster deutscher Priester in das portugiesische Marienheiligtum und schrieb die ersten Bücher in deutscher Sprache über die Ereignisse an der Cova da Iria. Er lernte Schwester Lucia kennen und gründete 1933 die Zeitschrift „Bote von Fatima“. Kirchgrabner würdigt Vogels Leistung über den Kreis der Fatimaverehrer hinaus: Dieser habe die Grundlage für die vielen marianischen Laienorganisationen gelegt.

Ein Glanzlicht setzt Imre von Gáal mit seiner Spurensuche über den Namen Fatima im Rahmen einer Untersuchung zum Verhältnis von Maria und Fatima im Koran. Wie ein basso continuo zieht sich eine unpolemische Haltung gerade in der Behandlung kontroverser Themen durch den Band. Vor allem vermeiden die Verfasser es, Wasser auf die Mühlen der Eiferer zu leiten und alte Streitthemen neu aufzuwärmen. Das betrifft auch die in einschlägigen Kreisen heiß diskutierte Frage, ob der Vatikan im Jahr 2000 tatsächlich den kompletten Text des Dritten Geheimnisses veröffentlichte. Einer „Hermeneutik des Verdachts“ erteilt der Band eine klare Absage.


Manfred Hauke: Fatima – 100 Jahre danach. Geschichte, Botschaft, Relevanz. Mariologische Studien, Band XXV, Pustet Verlag, Regensburg,
336 Seiten, ISBN-13: 978-3791728827, EUR 24,95

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