Familie als Gefängnis?

In vielen islamischen Familien fehlt es Frauen und Kindern an Rechten und Freiheit. Ein Interview mit Necla Kelek Von Karl Heinz van Lier

Frau Kelek, Sie sind in einer islamischen Kultur aufgewachsen. Wenn Sie von Familie sprechen, welchen Maßstab legen Sie zugrunde?

„Die Familie ist die natürliche Grundeinheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat.“ Unsere Verfassung schützt die Ehe und Familie in Art. 6 GG in besonderem Maße. Der Staat vertraut das Wohl der Kinder der Familie an, übergibt den Eltern das Recht auf Erziehung der Nachkommen. Es ist eine Art Vertrauensvorschuss in der Erwartung, dass den Mitgliedern Dinge wie Fürsorge, Ehrlichkeit, Freundlichkeit, Freude, Halt und Hilfe, Grund- und Freiheitsrechte entgegengebracht werden.

Gilt der Schutz der Institution Familie auch, wenn in ihr Grundrechte außer Kraft gesetzt werden?

Bisher scheint Ihre Fragestellung ein Tabu gewesen zu sein. Denn obwohl bekannt ist, dass zum Beispiel die orientalische, dabei besonders die islamisch strukturierte Familie aufgrund ihrer weltanschaulichen und religiösen Wertvorstellungen dazu neigt, den Frauen und Kindern ihre Freiheit und Entwicklungsmöglichkeiten vorzuenthalten, beschäftigen sich weder die Politik, noch die Sozialwissenschaften mit diesem Thema.

Welche Folgen hat das?

Die Folgen sind verheerend – so zum Beispiel: Frauen und Mädchen besonders aus muslimischen Familien entscheiden oft nicht selbst, ob, wen und wann sie heiraten. Sie haben eine schlechtere oder gar keine Berufsausbildung, sind entsprechend weniger oder prekär beschäftigt. Die überwiegende Zahl der Frauen, die wegen häuslicher Gewalt Zuflucht in Frauenhäusern suchen, kommt aus dem muslimischen Kulturkreis. Die prägenden Elemente der islamischen Leitkultur sind ?as-sabia, der Korpsgeist des Kollektivs beziehungsweise der Gemeinschaft der Gläubigen, und ?aqida, die Ethik des Islam. Beide manifestieren sich im Familienrecht des Islam. Die (Groß-)Familie, das Kollektiv, der Clan, der Stamm bestimmen und nicht der Einzelne. Der Mensch ist kein Individuum, sondern ein Sozialwesen, das sich der Gemeinschaft zu unterwerfen hat. Dieses Welt- und Menschenbild stellt die Grundpfeiler des autoritären patriarchalen Systems der orientalischen Gemeinschaft dar, konkret heißt dies: Die Familie ist das Haus des Islam.

Können Sie uns dieses Bild genauer erklären…

Ohne die autoritären Familienstrukturen, ohne die Kontrolle und Beherrschung der Frau in der Familie, könnte der Islam, und ganz besonders der politische Islam, in dieser Form nicht fortbestehen. Die Männer, Väter, Brüder und Söhne werden zu Wächtern von Frauen und Jüngeren erzogen und ernannt. Ihre Aufgabe besteht darin, den Status quo aufrechtzuerhalten. Die Legitimation dafür erhalten sie neben Stammestraditionen, seit Jahrhunderten auch über die autoritativen Schriften des Islam, die Worte und Taten des Propheten und durch die Exegeten aller Zeiten als gottgefällig betrachteten Mittel: Es ist eine Gewaltherrschaft!

Wird auch hier und heute noch nach den autoritativen Schriften des Islam gelebt und wenn ja, wer tut dies und wie? Treffen Ihre Behauptungen tatsächlich auf die islamische Identität und die Lebenswirklichkeit der muslimischen Bevölkerung in unserem Land zu?

Der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban schreibt: „Das Familienrecht ist der Faktor, der eine islamische Gesellschaft am stärksten prägt. Es gestaltet den Alltag der Muslime, verfestigt die Herrschaft des Mannes über seine Kinder, seine Frauen und seine Sklavinnen.“ Es gibt viele in Deutschland lebende muslimisch sozialisierte Männer und Frauen, die diese Auffassung für sich und ihre Familie ablehnen, die bewusst säkular und in Freiheit leben wollen und dies tun. Aber es gibt ebenso viele strenggläubige, konvertierte, in Traditionen und Sitten verhaftete Musliminnen und Muslime, die, von konservativen Moscheevereinen unterstützt, dies als ihre Richtschnur ansehen und danach leben.

Welche Rolle oder welche Einflussfaktoren hat denn der demokratische Staat?

Wenn es stimmt, wie Erziehungswissenschaftler meinen, dass Kinder in der Familie zu Demokraten oder Diktatoren, zu Sklaven oder freien Bürgern erzogen werden, dann müssen wir uns darum kümmern, was in diesen Familien für Werte vermittelt werden. Denn das Patriarchat und die autoritäre Familie, ihre Bedeutung für die Demokratie, die Rechte und die Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten von Frauen und Kindern, sind durch Migration und das Wachstum der muslimischen Bevölkerung in Europa längst innenpolitisch relevant. Salopp gesagt: „Andere Länder, andere Sitten“ funktioniert nicht mehr. Durch Zuwanderung werden kulturelle und religiöse Unterschiede unmittelbar erfahrbar. Sie spielen eine Rolle für die gesamte Gesellschaft in Deutschland, deren integraler und ständig wachsender Teil die Muslime sind.

Welche weiteren Fragestellungen tun sich denn für Sie auf?

Für mich ist es noch vielschichtiger: Was ist, wenn der Vater der Auffassung ist, Frau (oder seine Frauen) und Kinder seien sein Besitz und hätten ihm zu dienen? Wenn er der Auffassung ist, die weiblichen Mitglieder seiner Familie dürften ohne seine Genehmigung nicht das Haus verlassen oder dies nur in männlicher Begleitung tun? Wenn er der Meinung ist, er könne darüber bestimmen, ob seine Tochter Kopftuch trägt, wie lange sie zur Schule geht, ob sie schwimmen lernt oder wen und wann sie heiratet? Gilt der Schutz der Familie nach dem Grundgesetz auch dann? Und wie setzen wir die Grundrechte der Frauen und Kinder durch? Wird das kontrolliert? Sind Kindergärten, Schulen, Jugendämter auf diese Aufgabe vorbereitet? Ich beobachte Folgendes: Seit 2015 hat sich die Aufgabe der Integration erneut verändert, weil wir es mit einem anderen Typus von MigrantInnen als vorher zu tun haben: Die meisten „neuen Flüchtlinge“ kommen aus Gesellschaften des Orients, in denen Unterordnung, Gewalt und schwarze Pädagogik dominieren, denen weder Freiheit noch Verantwortung gewährt wurde. Wir müssten deshalb den Schutz und die Rechte besonders von Frauen und Kindern in diesen Familien stärken. Sie müssen Gelegenheit bekommen, „Freiheit“ zu lernen.

Wie erreichen wir das?

Es geht um Empowerment und Schutz vor allem der Frauen und Kinder. Daher sollten Zwangsehen konsequent verfolgt, Kinderehen dürfen unter keinen Umständen anerkannt werden. Familienzusammenführungen von Männern mit mehreren Ehefrauen darf es nicht geben. Flüchtlingsfrauen und Migrantinnen brauchen einen eigenen Aufenthaltsstatus, eine eigene Kontobefugnis, die Mitunterschrift im Mietvertrag und Anspruch auf einen Teil des Kindergeldes. Ganz wichtig ist auch ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14, damit sie nicht schon früh auf ihre unterwürfige Rolle als Frau reduziert wird. Die Schule muss ein neutraler Raum sein, wo das Kind den Kopf frei hat und zu einem selbstständig denkenden Menschen wird.

Frau Kelek, Ihr Fazit?

Grundsätzlich geht es um eine notwendige Debatte um den Wert und die Funktion der Familie für den Zusammenhalt und die Zukunft unserer Gesellschaft. Es geht um das Wohl, die Grund- und Freiheitsrechte aller seiner Mitglieder, den Schutz vor Unterdrückung und den Sturm auf das Familiengefängnis.

Necla Kelek, 1957 in Istanbul geboren, kam mit zehn Jahren nach Deutschland. Sie hat in Hamburg und Greifswald Volkswirtschaft und Soziologie studiert und wurde über das Thema „Islam im Alltag“ zum Dr. phil promoviert. Kelek ist eine der prominentesten islamischen Stimmen in Deutschland und hat sich als Menschenrechtlerin und Kritikerin des autoritären Frauenbilds im traditionellen Islam einen Namen gemacht. Dieser Text ist ein von ihr überarbeiteter Auszug aus ihrem neuen Buch „Die unheilige Familie – Wie die islamische Tradition Frauen und Kinder entrechtet.“ (Droemer)

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