Die Königin des Friedens

In Neviges wird in diesem Jahr der 50. Kirchweihtag des Mariendoms gefeiert. Von Heinrich Wullhorst
Gnadenbild in Neviges
Foto: KNA | Eine moderne Steinsäule umhüllt das Gnadenbild von Neviges.
Gnadenbild in Neviges
Foto: KNA | Eine moderne Steinsäule umhüllt das Gnadenbild von Neviges.

Ein Haus voll Glorie schauet“, heißt es in einem bekannten Kirchenlied. Der Mariendom in Neviges, der in diesem Jahr seinen 50. Kirchweihtag feiert, ist nicht für jeden Betrachter auf den ersten Blick ein solches Haus voll Glorie. Die riesige Skulptur aus Stahl und Beton provoziert eher, gibt Raum zum Nachdenken. Ein Zelt, eine Burg, das Abbild der Stadt Gottes? Viele Interpretationsmöglichkeiten hat der Architekt des Gotteshauses, der bekannte Kölner Kirchenbauarchitekt Gottfried Böhm, dort eröffnet.

Die Wallfahrtskirche mit dem Namen „Maria Königin des Friedens“ gehört zu den bedeutenden Monumenten des Brutalismus. Dieser Architekturstil hat nicht nur etwas mit dem französischen Begriff für rohen Beton zu tun. Der Baustil wirkt auf Viele tatsächlich brutal erdrückend und grenzt sich ab von den Schmuckfassaden vieler anderer Epochen. Mit diesem Pfund der Besonderheit wuchern die Stadt Velbert, zu der der Ortsteil Neviges gehört und die Franziskaner, die die Wallfahrt hierhin seit dem Jahre 1676 betreuen im Jubiläumsjahr ganz besonders. Und so hat man eine Fülle interessanter Veranstaltungen geplant, die den Menschen den Dom als Gotteshaus, aber auch seine Architektur näherbringen soll. „Ich weiß, dass viele eine Erklärung brauchen, um die Gedanken, die hinter dieser Kirche stehen, zu verinnerlichen“, weiß Bruder Frank Krampf. Der Franziskaner ist der Leiter der Wallfahrt in Neviges.

Imposant ist der Mariendom, der sich auf einer Grundfläche von 2 000 Quadratmetern und mit einem Bauvolumen von 30 000 Kubikmetern in der nevigeser Berg- und Hügellandschaft auftürmt alle Male. 6 000 Menschen finden Platz in dem Gotteshaus, das damit nach dem Kölner Dom das zweitgrößte in der Erzdiözese Köln ist. In die Kirche gelangen sie über die ebenfalls von Böhm entworfene Pilgerstraße. Ihre Pflasterung mit Backsteinen findet sich im Gotteshaus mit einem anderen Muster wieder. In der Kirche öffnet sich die Straße gleichsam zu einem Platz, der wie ein Marktplatz wahrgenommen werden kann. Im Inneren des Mariendoms findet man dann Elemente, die wie Fensterfronten und Balkone wirken.

Die Fenster in dem Gotteshaus werden geprägt vom Bild der Rose, die die Gottesmutter symbolisiert. Zentraler Ort der Verehrung ist die Mariensäule, in die das Gnadenbild, das einst aus Dorsten den Weg nach Hardenberg gefunden hat, integriert ist.

Zu der Entscheidung für den Architekten Gottfried Böhm gibt es übrigens eine nette Geschichte. Nach einer ersten Ausschreibung war Böhms Idee nicht der Favorit der eingesetzten Auswahlkommission. Der damalige Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings konnte sich mit der Wahl der Jury nicht anfreunden und so wurden einige Architekten zur Nacharbeit aufgefordert. Gemutmaßt wird, dass der zu diesem Zeitpunkt schon stark sehgeschwächte Kardinal die Idee der Kirche aus dem Werkmodell Böhms am besten erfühlen konnte und er es deshalb den anderen Entwürfen vorzog.

Neben vielen Ereignissen, die über das ganze Jubiläumsjahr unter dem Motto „Wenn Gott sich ein Haus baut – der Mariendom lebt“, verteilt sind, gibt es zwei imposante Höhepunkte. Das eine ist das offizielle Domweihfest, das vom 10. bis zum 13. Mai dieses Jahres gefeiert wird. Es beginnt mit einem Pontifikalamt mit dem Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki am 10. Mai um 10 Uhr. Im Anschluss daran startet das Domweihfest auf dem Pilgerplatz und im Pilgersaal.

Am 11. Mai steht dann die Architektur des Gotteshauses im Mittelpunkt des Interesses. Nach einer „etwas anderen Kirchenführung“, die die Besucher von 16 bis 18 Uhr erwartet, freut sich Bruder Frank Krampf auf den Vortrag eines besonderen Gastes. Peter Böhm, der Sohn des Erbauers des Mariendoms, wird um 18.30 Uhr einen Vortrag über die Kirchenbauten der Familie Böhm halten.

Am letzten Tag der Jubiläumsfestivitäten geht es dann um die neue geistliche Musik. Auch hier wird der Sakralbau einen würdigen Rahmen bieten.

Damit aber nicht genug. Am 8., 10. und 11. November, jeweils um 20 Uhr erwartet die Besucher des Mariendoms ein weiterer Höhepunkt. Dann präsentiert die Düsseldorfer Künstlergruppe „Area Composer“ zusammen mit der Göttinger Lichtkünstlerin Uta von Schenk eine Medieninstallation mit einer Mischung aus Klängen, Bildern und Lichteffekten. Das Klangprojekt mit dem Namen „Pharus“ beschreibt vier Stationen einer Wallfahrt zum Mariendom. Pharus ist lateinisch und bedeutet Leuchtturm. „Wir wollen den Dom zum Leuchten bringen“, beschreiben die Verantwortlichen der Künstlergruppe. Die außergewöhnliche Architektur, die farbintensiven Fenster und die Bedeutung des Wallfahrtsortes haben sie inspiriert, sich mit dem Bauwerk intensiv auseinanderzusetzen. Den Künstlern hilft bei ihrem Projekt die schnörkellose Bauweise der Kirche. So können sie die zwanzig Meter hohe und 36 Meter breite gefaltete Wand des Altarraums als Projektionsfläche nutzen. Hier werden die aus mehr als fünftausend Einzelfotos komponierten Bilder langsam ineinanderfließen. So entstehen sich ständig verändernde Bildformen, die durch die begleitenden Tonaufnahmen unterstützt werden. „Unsere Absicht ist es, dass die Besucher durch unsere Installation den Mariendom auf eine ganz neue Weise entdecken können“, beschreibt die Künstlergruppe. „Durch Pharus wird der Dom zu einer einzigartigen Begegnungsstätte zwischen Mensch und Kirche, auch im Austausch der Menschen untereinander.“

„Der Mariendom lebt dann, wenn die Gläubigen, die ihn besuchen und sich hier sammeln, sich selbst senden lassen als lebendige Steine“, macht der Kölner Erzbischof in einer Grußbotschaft zum Jubiläum deutlich, dass jede Architektur letztlich nur einen dienenden Zweck hat. „Keine der Mauern ist allein schon eine Kirche“, weiß der Kardinal. „Kirche sind sie nur im Gefüge des Ganzen.“

Bruder Frank Krampf weiß um die besondere Bedeutung des Doms in dem kleinen Ort Neviges, in dem die Mehrheit der Bewohner zwar nicht katholisch ist, sich aber dennoch mit ihrem Dom identifiziert: „Die Menschen wissen, wir haben hier in Neviges nicht nur eine Kirche, sondern ein Stück Weltarchitektur.“

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