Der Ritter als geläuterter Narzisst

Der Wiener Psychiater und Psychotherapeut Raphael M. Bonelli zeigt, warum immer mehr Männer in sich selbst verliebt sind, und was man dagegen tun kann. Von Stephan Baier
Foto: IN | Man wird nicht als Narzisst geboren, sondern dazu gemacht: Alles „Nichtgrandiose“ an sich blendet er aus, sein Scheitern, seine Fehler und die eigene Schuld.

In seinem neuen Buch geht es dem bekannten Wiener Psychiater, Neurologen und Psychotherapeuten Raphael Bonelli nicht bloß um eine psychiatrische Diagnose. Es geht ihm um die Liebe, insbesondere um die Liebesfähigkeit des Mannes. Dem aufmerksamen Leser wird rasch bewusst, dass der von Bonelli anschaulich und in vielen Fallbeispielen treffend porträtierte Narzissmus nur die therapiebedürftige Extremform eines Problems ist, das wir alle – in unterschiedlicher Ausprägung – kennen: „Der Mann ist eben so gestrickt, dass ihm das Hemd näher ist als der Rock und er mehr ,Selbstempathie‘ als ,Fremdempathie‘ aufzubringen vermag.“ Damit ist Bonellis Buch letztlich für jedermann geschrieben, denn es zeigt am verhaltensauffälligen Narzissten, dass das maßlos überzogene Selbstwertgefühl, die permanente Fremdabwertung und die fehlende Selbsttranszendenz weder frei noch glücklich machen, sondern einsam, krank und bitter.

Bei den meisten Menschen blieben die narzisstischen Charaktereigenschaften „hinter einer Fassade der Freundlichkeit und des Mitgefühls verschämt versteckt“, schamlos entfaltet würden sie nur bei der manifesten Persönlichkeitsstörung sichtbar, bekennt der Autor. Solche Fälle schildert der Psychiater aus seiner therapeutischen Praxis: stets verfremdet und damit anonymisiert, nicht moralisierend, sondern mit analytischem Klarblick. Dass in vielen geschilderten Fällen nicht nur das Drama der narzisstischen Persönlichkeit überdeutlich zum Vorschein kommt, sondern auch Wege aus dieser Sackgasse der männlichen Selbstverliebtheit, gibt Zuversicht.

Nachdem Bonellis jüngster Bestseller über „Perfektionismus“ (erschienen 2014 im Münchner Pattloch Verlag) ein auf den ersten Blick verwechselbares Phänomen ins Visier nahm, grenzt der Autor zunächst Perfektionismus und Narzissmus ab: Der Perfektionist kreise angstvoll um sich selbst, der Narzisst dagegen angstfrei und selbstverliebt. Während der Perfektionist meine, er müsse etwas Besonderes sein und leisten, damit ihn die anderen achten und wertschätzen, sei der Narzisst ganz davon überzeugt, „dass er etwas Besonderes ist und dass es deswegen auch ganz natürlich, legitim und stimmig ist, wenn ihn die anderen lieben, wertschätzen – und bewundern“. Der männliche Narzisst habe – im Gegensatz zum Perfektionisten – keine Selbstzweifel und kein Problem mit der Angst, wohl aber mit der Liebe.

Bonelli scheut sich nicht, gesellschaftliche Ursachen des – wie er meint – wachsenden Phänomens zu benennen, attestiert etwa der 68-er Bewegung „stark egozentrische Züge“. Zum Narzissmus trage bei, wenn Kinder von ihren Eltern pausenlos gesagt bekommen, wie großartig, fehlerlos und schön sie seien. Um gesund zu bleiben, brauche ein Kind Selbstkontrolle, Kooperationsfähigkeit und Selbsttranszendenz, nicht die überschäumend-maßlose Bewunderung der Eltern. „Durch eine extrem inflationär lobende Erziehung und den Zeitgeist der ,Generation Ego‘ weisen mittlerweile immer mehr Menschen in der westlichen Welt ein überhöhtes Selbstwertgefühl auf. Und die entsprechenden Umfragewerte auf den Narzissmus-Fragebögen steigen, insbesondere bei jüngeren Menschen.“ Facebook sei hier als „Bühne für narzisstische Selbstdarstellung die Versuchung des kleinen Mannes“. Die wirklich Prominenten nutzen noch ganz andere Bühnen, wie Bonelli ausführlich an den Beispielen des Fußballers Cristiano Ronaldo oder der römischen Kaiser Caligula und Nero zeigt.

Wenn sich Bonellis neues Werk ganz dem männlichen Narzissmus widmet, dann nicht, weil es dieses Phänomen nicht auch in weiblicher Gestalt gäbe. Allerdings sei es gesichertes Wissen und nicht stereotypes Vorurteil, dass Narzissmus wesentlich häufiger bei Männern auftritt. Mit Blick auf jüngere Studien meint der Autor: „Viele psychiatrische Störbilder sind zwischen den Geschlechtern asymmetrisch verteilt.“ So litten Frauen häufiger an Bulimie, Anorexie, Angsterkrankungen, Depressionen und der Borderline-Störung, während bei Männern häufiger Asperger, Autismus, Opiatesucht, Alkoholismus, Sexualstörungen, aggressive Verhaltensstörungen und eben Narzissmus diagnostiziert werde.

Narzisstische Verhaltensweisen seien unabhängig vom angeborenen Temperament, man werde also nicht als Narzisst geboren, sondern dazu gemacht. Der Narzisst blende „alles Nichtgrandiose an sich selbst“ aus, also etwa Scheitern, Fehler und eigene Schuld. Er nehme die Bewunderung und Liebe anderer Menschen als selbstverständlich an und sehe andere – auch die eigene Ehefrau – grundsätzlich nicht auf Augenhöhe. Der Narzisst sei eingenommen von den Fantasien seines grenzenlosen Erfolgs und seiner eigenen Brillanz, wähne sich einzigartig, brauche die exzessive Bewunderung anderer und lege ein erstaunliches Anspruchsdenken an den Tag, so Bonelli.

Darum seien Narzissten häufig auf Kurzfristigkeit programmiert, gerade in ihren Beziehungen, und deshalb vielfach promiskuid. Zur selbstlosen Liebe und Selbsthingabe sei der selbstverliebte Narzisst nicht fähig. Sein augenscheinlicher Empathiemangel beruhe nicht auf Unfähigkeit zur Empathie, sondern auf deren Verweigerung: „Er hat im Herzen die Entscheidung getroffen, dass die Gefühle und Bedürfnisse anderer unwesentlich sind.“ Jede Kritik an der eigenen Person dagegen werte er als Majestätsbeleidigung, und sei es die pubertäre Infragestellung durch die eigenen Kinder.

Bonellis Buch ist weit über den Kreis der psychotherapeutisch Interessierten hinaus zu empfehlen, weil er zahlreiche Fallbeispiele schildert, die – in Abstufungen freilich – vielen Lesern aus ihrem Bekanntenkreis irgendwie vertraut scheinen könnten. Er greift zugleich souverän und kundig auf das Erfahrungswissen der abendländischen Geschichte, vieler klassischer wie moderner Literaten und der großen Religionen zurück. So zeigt der Autor die Einordnung von Hochmut und Stolz in den Weltreligionen und deren Einhegung durch eine lebendige Gottesbeziehung.

Der Wiener Psychiater zeigt nicht nur in seinen Fallbeispielen, wie Menschen den Weg aus der Selbstverliebtheit gefunden haben, sondern analysiert auch die Wegweiser dazu. So plädiert er für eine Wiederentdeckung der Väterlichkeit und der Ritterlichkeit: „Der Ritter verspürt den Narzissmus in sich. Doch er kann ihn reiten, er hat ihn gezähmt und seine Kraft für einen guten Dienst nutzbar gemacht.“ Als geläuterter Narzisst habe er die Fesseln von Selbstidealisierung, Fremdabwertung und Selbstimmanenz zerrissen. Solche Herzensumkehr könne auf vielen Wegen geschehen: „durch eine Krise, durch die menschliche Liebe, durch eine Lektüre, durch Erkenntnis, durch eine Weltanschauung, die dem Narzissmus entgegengesetzt ist, oder durch die Religion“. Nur wenn der narzisstische Mann seine Fesseln sprengt, wird er frei für Beziehungen auf Augenhöhe, wie auch für das Schöne, Wahre und Gute.

Raphael M. Bonelli: Männlicher Narzissmus. Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist. Kösel Verlag, München 2016, 272 Seiten, ISBN 978-3-46634-

639-4, EUR 19,99

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