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Dem Evangelium die Türe offenhalten

Wertkonservative Christen haben es schwer. Ihnen wird schnell Fundamentalismus und Rechtsradikalismus unterstellt. Gender-Expertin Gabriele Kuby, Lebensrechtlerin Cornelia Kaminski und ADF-Anwalt Felix Böllmann sehen trotzdem keinen Grund, aufzugeben. Von Oliver Maksan
Hass in der Berliner Schaubühne
Foto: dpa | Hass in der Berliner Schaubühne: Regisseur Falk Richter bezeichnete Gabriele Kuby in seinem Stück „Fear“ wegen ihres Einsatzes für die Familie als Zombie, dem man ins Gehirn schießen müsse.

Herr Böllmann, Europa ist sehr stolz auf seine verbrieften Freiheitsrechte. Ihre Organisation ADF International müsste deshalb sehr wenig zu tun haben?

Es wäre schön, wenn das so wäre. Ja, es stimmt: Wir haben verbriefte Rechte in Europa – nehmen Sie die Europäische Menschenrechtskonvention oder auch das deutsche Grundgesetz. Und das ist gut so! Aber diese Rechte wollen natürlich gelebt werden. Wenn man die Freiheit nicht nutzt, dann geht sie verloren. Dabei entstehen Konflikte: Denn die Freiheit des Einen ist möglicherweise ein Eingriff in die Freiheit des Anderen. Und diese Konfliktlinien müssen ausbalanciert werden. Dem Betroffenen steht im Streitfall der Weg zu den Gerichten bis hin zum Bundesverfassungsgericht oder zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrecht in Straßburg offen und deswegen haben wir durchaus einiges zu tun.

Was genau treibt Sie um?

Wir beobachten mit Sorge zum Beispiel die Debatte um die sogenannte „Hassrede“ (hate speech). In Deutschland wurde im Sommer 2017 das Netzwerkdurchsetzungsgesetz vom Bundestag verabschiedet. Es verpflichtet Internet-Unternehmen, Kommentare innerhalb relativ kurzer Zeit zu löschen, wenn sie die Grenze zum Hass überschreiten. Aber wo verläuft diese Grenze? In der Praxis bedeutet das, dass sie sehr wenig Zeit haben, weil natürlich viel kommentiert wird. Es besteht dabei die Gefahr, dass mehr gelöscht wird als nötig wäre. Meinungsfreiheit ist für eine lebendige Demokratie aber existenziell wichtig. Wenn man Angst haben muss, dass man nicht sagen darf, was man sagen will, wird man sich vielleicht selbst zensieren. Wir sehen hier die Einführung einer Art Zensur, die wir auch als Christen natürlich nicht begrüßen können.

Frau Kuby, Sie sind seit vielen Jahren sehr präsent vor allem zum Thema Gender. Bewegen Sie sich in dem Freiheitsrahmen, den die europäischen Verfassungen bieten, völlig frei, oder stoßen Sie da manchmal an Ihre Grenzen?

Kuby: Ich stoße massiv an Grenzen. Die Gesetze sind nicht das Problem. Es sind Probleme in der Gesellschaft. Diffamierungskampagnen begleiten einen, wenn man ausspricht, was eigentlich selbstverständlich ist. Ich hatte schon 200 Leute im Saal und 200 Leute auf der Straße. Es gibt auch Politiker, die da mitgehen. Die Vizepräsidentin des Bayerischen Landtags stand vor meinem Veranstaltungsraum mit einem Schild „Wehret den Anfängen“. Das zeigt die Stoßrichtung. Konservative Christen werden zunächst als radikal diffamiert, dann als rechtsradikal. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt, als Nazi tituliert zu werden. Und wenn man das nicht nachweisen kann, dann heißt es, man habe eben eine Scharnierfunktion zu den Nazis. Der Bayerische Rundfunk hat das so verbreitet.

In Wien stießen Sie kürzlich ja auch auf Widerstand.

Kuby: Ja. Ich war neulich in Wien von der TU zu einer Podiumsdiskussion eingeladen worden. Zum ersten Mal überhaupt wurde versucht, eine echte Debatte zwischen einer Vertreterin der Gender-Theorie und mir zu veranstalten. Die Atmosphäre im Kuppelsaal der TU war aufgeregt. Kurz vor Beginn zogen überwiegend schwarz gekleidete Menschen ein. Sie begannen zu brüllen und die Veranstaltung zu stören. Das hat mich stark an die 68-er Zeiten erinnert. Auch wurden Schilder hochgehoben, die mich der Lüge ziehen. Als ich dann an die Reihe kam, ein Statement abzugeben, gingen die Feuersirenen los. Die Aktivisten hatten die Feuermelder auf beiden Seiten des Saales eingeschlagen. Die Aufpasser wussten natürlich, dass das inszeniert war, sodass der Saal nicht geräumt wurde. Schon erstaunlich: Sirenen gehen los, wenn sich jemand für die Grundlagen der Schöpfungsordnung ausspricht: Mann und Frau, Ehe und Familie. Das hat eine gute Seite: Die Zuhörer merken, was die Stunde geschlagen hat. Hier werden terroristische Methoden angewandt, um demokratische Rechte, zu denen die öffentliche Debatte ja zentral gehört, auszuhebeln.

Hatte dieser konkrete Fall in Wien denn strafrechtliche Folgen?

Kuby: Absolut nicht. Es hätte sofort die Polizei gerufen werden müssen. Schließlich ist es strafbar, Feuermelder ohne Grund einzuschlagen. Aber es ist nichts passiert.

Wo läuft Ihrer Meinung nach die Grenze zwischen legitimem Widerspruch zu Ihren Positionen und Diffamierung? Wer so pointiert wie Sie Stellung bezieht, muss mit Kritik rechnen. Sie kennen das Sprichwort: Wem es in der Küche zu heiß ist, darf nicht Koch werden.

Kuby: Ich bin Koch und bleibe Koch, wie heiß es auch sein mag, weil ich das als meinen Auftrag sehe. Ich wäre ja froh, es gäbe Debatten. Aber diese Debatte wird erst gar nicht möglich gemacht, weil eine Ideologie, die mit Manipulation und Lüge arbeitet, das Tageslicht scheut. Die einzige Möglichkeit ist dann, Leute, die dieser Ideologie widersprechen, mundtot zu machen, zu diffamieren, sie auszugrenzen und ihre Existenz zu bedrohen. Für einen Publizisten ist der Nazi-Vorwurf ein Killer, wie haltlos er auch sein mag. Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel: 2015 ist ein Stück namens „Fear“ in der Schaubühne Berlin auf die Bühne gekommen. In diesem Stück werden fünf Frauen, die in Deutschland aktiv sind, auf der Bühne mit großen Fotos dargestellt. Außerdem wird mein Gesicht über den ganzen Hintergrund der Bühne ausgebreitet und mit dämonischen Krallen versehen. Die Aussage des Stückes ist: Hier stehen Zombies, von denen wir dachten, sie seien 1945 begraben worden, aus den Gräbern auf und treiben weiter ihr Unwesen. Und diese Zombies müssen bekämpft werden. Wie kann man Zombies erledigen? „Indem man ihnen ins Gehirn schießt.“ Das ist O-Ton aus diesem Stück. Den Fotos der Frauen werden auf der Bühne von den Schauspielern die Augen ausgestochen. Minutenlang hört man eine Rede von mir im O-Ton und meine Stimme sagen: „Wir brauchen Faschisten und Faschistinnen“ und „Wir brauchen einen totalitären Staat“. Natürlich habe ich das nie gesagt. Ein Hauptanliegen meiner Arbeit ist es, diesen neuen Totalitarismus zu entlarven und Menschen zum Widerstand zu ermutigen. Der italienische Schriftsteller Ignazio Silone sagte: „Der neue Faschismus wird nicht sagen, ich bin der Faschismus, er wird sagen, ich bin der Anti-Faschismus.“ Genau das passiert heute. Deswegen hat mein Buch „Die globale sexuelle Revolution“ den Untertitel „Zerstörung der Freiheit im Namen der Freiheit“. Deswegen erkennen wir diesen neuen Totalitarismus so schwer, weil er sich als Freiheit ausgibt. Falk Richter, Verfasser und Regisseur des Stückes „Fear“, hat aber manipuliert und sinnentstellend Worte aus meinem Vortrag zusammengeschnitten. Wir haben den Rechtsweg eingeschlagen. Leider hat das Landgericht Berlin festgestellt, diese manipulative Fabrikation von „Zitaten“ sei durch die Kunstfreiheit gedeckt. Das Publikum wisse ja schließlich, dass ich die Sprache nicht „gendern“ würde, folglich wisse es auch, dass das nur eine satirische Volte des Regisseurs Falk Richter sein könne. Eine irrwitzige Argumentation.

Herr Böllmann: Sie sagten, im Konfliktfall entscheiden die Gerichte. Aber offenbar versagen die an dieser Stelle.

Böllmann: Das Verfahren läuft ja noch. Tatsächlich sieht es danach aus, als versteckten sich hier gezielte Verunglimpfungen hinter der Kunstfreiheit. Wir werden mit Spannung beobachten, wie die Sache ausgeht. Ich finde es aber wunderbar, dass Frau Kuby den Mut hat, den Rechtsweg zu beschreiten. Viele Mitchristen haben in der Regel keine Vorstellung davon, wie angefochten solche Positionen sind und was passiert, wenn man an die Öffentlichkeit geht. Da steht man dann als Christ schnell im Feuer. Deswegen macht ADF International auch Schulungen von Anwälten, um sie für solche Themen zu sensibilisieren. Wir dürfen den Gegnern der Freiheit und des christlichen Menschenbildes nicht das Feld überlassen. Christen sollten vor allem keine Scheu haben, für ihre Rechte einzutreten.

Frau Kaminski, Sie engagieren sich seit vielen Jahren im Bereich Lebensschutz. Haben Sie als Lebensrechtlerin bei ALfA Ähnliches wie Frau Kuby erlebt?

Kaminski: Wenn ich höre, was Frau Kuby alles widerfährt, dann geht es mir dagegen richtig gut. Aber unangenehm kann es trotzdem werden. Ich hatte im November einen Auftritt in der besagten Berliner Schaubühne. Eingeladen waren zahlreiche Aktivisten aus allen möglichen Bereichen: Umwelt- und Tierschutz, Menschenrechte – es war eine Art Generalversammlung all derjenigen, die in der Politik, speziell der Bundesrepublik Deutschland, keine Stimme haben und nicht vertreten sind. Wir wussten natürlich, was Frau Kuby dort widerfahren ist. Aber wir dachten uns, dass man diese Chance nicht ungenutzt lassen darf. Der Empfang war nett. Ich habe mich aber gewundert, als es während meines Vortrags unruhig wurde. Ein Freund hat mir hinterher erzählt, dass ich auf einer Anzeige als Cornelia Kaminski vorgestellt wurde, die mit rechtsradikalen Kreisen kooperiere. Ich habe mich sofort beschwert. Der Text ist auch geändert worden – allerdings waren da die meisten Zuschauer schon weg. Aber man sieht, wie versucht wird, ungenehme Positionen zu diffamieren. Unser Verein ALfA kam auch schon ins Visier der Medien. Sie erinnern sich an Markus Hollemann, der 2015 der Favorit der CSU für die Stelle des Münchener Gesundheitsreferenten war. Die Süddeutsche schrieb damals, „wer einem Verein radikaler Abtreibungsgegner angehört, kann nicht Münchner Gesundheitsreferent werden. Wer mit christlichen Rechtsradikalen sympathisiert, darf kein politisches Amt in dieser Stadt besetzen.“ Das hat dazu geführt, dass er seine Kandidatur zurückziehen musste. Die Medien haben eine unheimliche Macht über das, was Wahrheit ist in Deutschland und was nicht.

Was kritisieren Sie genau? Dass eine Zeitung einen Kandidaten für ein politisches Amt ausleuchtet? Das ist eigentlich ihr Job.

Kaminski: Ja, aber hier gab es von vorneherein den Willen zur Skandalisierung. Das ist ein Prinzip, nach dem Berichterstattung heute funktioniert: Es wird zuerst skandalisiert: deine Mitgliedschaft bei Aktion Lebensrecht für Alle ist plötzlich die Mitgliedschaft in einem christlich-fundamentalistischen Verein, im nächsten Satz ist dann von christlichen Rechtsradikalen die Rede. Die Gerichte bewerten den Begriff des Rechtsradikalismus mittlerweile gar nicht mehr als problematisch. Das wird als freie Meinungsäußerung betrachtet und nicht als Tatsachenbehauptung. Somit kann jeder als rechtsradikal beschimpft werden. Wie Frau Kuby gerade sagte, ist dann der Weg zum Nazi-Vorwurf nur noch sehr kurz. Aus einem völlig verfassungskonformen Verhalten – dem Einsatz für die Würde und das Lebensrecht eines jeden Menschen – wird dann eine rechtsradikale Position gemacht. Das kann man ungeschützt behaupten und wird von den Medien entsprechend aufgegriffen und skandalisiert. Proteste und Gerichtsverfahren werden hingegen nicht erwähnt, besonders dann nicht, wenn sie von den so Verleumdeten gewonnen werden. Das ist die Vorgehensweise einiger Redaktionen. Wie anders kann man sich erklären, dass die Süddeutsche Zeitung keinen einzigen der zahlreichen sachlichen Leserbriefe zur Causa Hollermann veröffentlicht hat?

Aber warum geht diese Rechtsradikalismusgleichung so regelmäßig auf?

Kaminski: Das hat natürlich mit der deutschen Geschichte zu tun. Der Nationalsozialismus hat furchtbares Unheil über die Welt gebracht. Ich glaube, es gibt kaum einen Tatbestand, der so in den Köpfen der Menschen in Deutschland verankert ist. Wir sind uns einig, dass das nie wieder passieren darf. Das ist grundsätzlich gut. Das Problem entsteht, wenn dann im Einzelfall das Denken ausgeschaltet wird. Heute wird bereits groteskerweise jede wertorientierte, konservative Haltung zu Ehe, Familie und Lebensschutz sofort als rechtsradikal stigmatisiert. In dem Moment, in dem jemandem das Etikett rechtsradikal angeheftet wird, wird das gar nicht mehr hinterfragt. Der Hebel wird automatisch umgelegt. Dazu kommt, dass wir in Deutschland leider viele Journalisten haben, die Übertreibungen zur Beseitigung von Missständen für völlig vertretbar halten. Selbiges gilt für die selektive Instrumentalisierung bestimmter polemischer Begriffe. Ein Drittel der Journalisten hält das für durchaus vertretbar, jeder Zehnte hält das für völlig akzeptabel. Viele Redakteure sagen nicht: Wir haben einen Informationsauftrag, sondern sagen, wir haben einen Meinungsbildungsauftrag.

Woher haben Sie diese Zahlen?

Kaminski: Aus dem Buch „Skandalisiert und totgeschwiegen“ von Hans Matthias Kepplinger. Er ist Professor für Empirische Kommunikationsforschung und hat 332 repräsentativ ausgewählte Tageszeitungs-Redakteure dazu befragt, wie sie zu Fällen von erwiesenermaßen tendenziöser Berichterstattung stehen. Diese Zahlen sind dabei herausgekommen.

Diese Schärfe der Auseinandersetzungen: Kann das nicht einfach damit zu tun haben, dass da offenbar zwei sich völlig ausschließende Weltbilder aufeinanderprallen und von daher vielleicht auch verständlich ist, dass Menschen sehr erregt reagieren?

Kaminski: Natürlich prallen da Welten aufeinander. Das ist gar keine Frage. Aber in einer Demokratie und in einer Gesellschaft, die mitmenschlich miteinander umgeht und die sich selber natürlich immer wieder Toleranz und Akzeptanz auf die Fahnen schreibt, muss man andere Meinungen aushalten können. Da muss ich Positionen, mit denen ich nicht 100-prozentig oder gar nicht einverstanden bin, ertragen – das gehört zu einer pluralistischen Demokratie unbedingt dazu. Und ich finde es ganz merkwürdig, dass wir hier mit zweierlei Maß messen. Dass eine Firma wie Mattel jetzt eine Barbie mit Hidschab verkauft, ist in Ordnung. Da wird Toleranz und Akzeptanz eingefordert, obwohl hier nach unserem Verständnis eigentlich ein frauenfeindliches Weltbild vermittelt wird. Wenn man aber sagt, dass ein Kind ein Recht auf Leben hat und ein Ungeborenes genauso Mensch ist wie ein geborener Mensch, dann sind Toleranz und Akzeptanz kein Thema mehr. Diese Diskrepanz finde ich ganz schwer auszuhalten. Und leider lassen manche Kirchenvertreter engagierte Christen im Stich.

Was meinen Sie?

Kaminski: Schauen Sie, wenn zum Beispiel Medien vom Marsch für das Leben in Berlin berichten, dann wird häufig davon gesprochen, da marschierten christliche Fundamentalisten. Weil das Wort christlich noch immer positiv besetzt ist, muss es mit dem Fundamentalismusvorwurf gekoppelt werden, um uns zu schaden. Das funktioniert nach dem Schema des Rechtsradikalismusvorwurfs. Manche Kirchenvertreter schweigen aber zu solchen Vorwürfen leider. Man steht dann als Christ fast allein da. Mein Eindruck ist heute diesbezüglich zwar viel positiver als noch vor einigen Jahren. Aber es ist immer noch schwer, die Kirchen zu mobilisieren. Es gibt ja auch direkte Ablehnung: Manche Gremien schwingen die Fundamentalismus-Keule gerne mit den Medien zusammen.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Kaminski: Etwa die Weigerung des BDKJ, mit uns überhaupt ein Gespräch zu führen. Ich habe das in Berlin mit der BDKJ-Referentin für Mädchen- und Frauenpolitik, Yvonne Everhartz, versucht. Sie hat schlicht jede Gesprächsaufnahme mit uns vollständig abgelehnt. Oder nehmen Sie den Diözesanrat der Katholiken in Berlin, der sich weigert, den Marsch für das Leben zu unterstützen.

Nun sind das nachgeordnete Gremien, wenn auch zweifelsohne wichtige. Von bischöflicher Seite dürfte Ihnen das nicht widerfahren sein. Oder?

Kaminski: Wir bitten jedes Jahr um Teilnahme und laden Bischöfe ein, am Marsch für das Leben teilzunehmen und mit uns in Berlin Zeugnis für den Wert des Lebens zu geben. Mittlerweile gibt es einige, die kommen, und viele, die uns ein Grußwort schreiben. Wir sind sehr dankbar dafür, dass sie tatsächlich da sind. Eine klare Ablehnung nach dem Motto „nein, da machen wir auf gar keinen Fall mit“, die hat es nicht gegeben. Aber mehr Unterstützung, mehr Präsenz würde ich mir natürlich trotzdem noch wünschen!

Kuby: Es gibt innerhalb unserer konservativen Reihen eine Entwicklung, die ich für sehr problematisch halte. Stünden sich zwei Lager geschlossen gegenüber, sähe die Lage anders aus. Leider ist es nicht so, sondern es gibt eine andere Dynamik, die ich sehr deutlich erfahre. Viele Leute aus unserem Lager mögen uns zwar innerlich zustimmen, fürchten aber die öffentlichen Folgen, sich mit uns zu solidarisieren. Ich höre immer wieder, dass Leute, auch christliche Medien, über mich sagen: Ja, ja, sie hat schon recht. Oft wird mir auch gesagt, wie wichtig es sei, dass ich diesen Kampf führe. Aber mit ihr wollen wir nicht in Verbindung gebracht werden, denn ansonsten könnte man selbst oder das gute Werk, das man betreibt, ähnlichen Angriffen ausgesetzt werden und Schaden nehmen. Das ist die Dynamik des Totalitarismus. Bei den Nazis wurden die Juden ja auch nicht sofort vernichtet, sondern sie wurden erst ausgegrenzt und diffamiert. Zunächst gab es Karikaturen im Stürmer. Wir sind jetzt in dieser Vorphase. Wir entsolidarisieren uns und unsere Gegner stoßen sofort in diese Lücke. Sie merken, dass hier Schwäche ist und dass die, die an der Front kämpfen, von den eigenen Leuten ausgegrenzt werden. Wir Christen müssen in diesem sich verschärfenden Kampf Prinzipien treu bleiben, nämlich dem, dass der gute Zweck niemals schlechte Mittel heiligt.

Böllmann: Das ist ein wichtiger Punkt und auch eine Erfahrung, die wir in unserer Arbeit machen. ADF International setzt ja sehr stark auf Partnerschaften. Zum einen verbinden wir uns mit Anwälten und helfen ihnen, Handwerkszeug für den Umgang mit solchen Fragestellungen zu entwickeln. Sie vertreten bedrängte Christen auf der ganzen Welt. Zum anderen sind wir im Austausch mit Organisationen, die ähnliche Ziele verfolgen. In den Bereichen Religionsfreiheit, Ehe und Familie und Lebensschutz machen wir gute Erfahrungen, wenn wir Entscheider in der Politik oder auch in den Kirchen für aktuelle Entwicklungen und deren absehbare Konsequenzen sensibilisieren. Wir setzen auch stark auf sachliche Information. Damit kann man innerhalb und außerhalb der Kirche viel anstoßen. Nehmen Sie das Thema Christenverfolgung in Syrien und im Nordirak: Nicht zuletzt durch unsere Lobbyarbeit wurde das Thema bis in den UN-Sicherheitsrat in New York getragen.

Das heißt, aus Ihrer Sicht besteht kein Grund zum Defätismus?

Böllmann: Dazu besteht nie Grund. Wer sich dem hingibt, der hat schon aufgegeben – obwohl ich verstehe, wenn jemand manchmal abends nach Hause kommt und sagt: nein, ich kann nicht mehr. Was Frau Kuby widerfahren ist, ist verurteilenswert und persönlich sehr zermürbend. Aber auf der anderen Seite ist das kein Grund, jetzt die Segel zu streichen und zu sagen: Wir stehen nicht mehr für das ein, was wir richtig finden. Lesen Sie in der Bibel: Wir sind keine Mehrheit, wir haben keine Macht, aber wir sind Salz und Licht – und das sollen wir auch sein.

Kaminski: Letztlich darf für uns als Christen nicht Richtschnur sein, was wir erreichen werden und wieviel Erfolg wir haben werden. Wir kämpfen im Moment mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln für den Erhalt des Paragrafen 219a – das Werbeverbot für Abtreibung. Wir wissen, dass wir dafür eigentlich keine Mehrheit im Bundestag finden werden. Trotzdem setzen wir uns nach besten Kräften ein und schreiben alle Abgeordneten und alle Bischöfe an. Wir tun, was wir tun können. Das Ziel ist sagen zu können: Wir haben es versucht, wir haben die Stimme erhoben für die Ungeborenen. Ihr könnt nicht sagen, ihr hättet es nicht gewusst. Auch wenn es euch egal ist, dass demnächst in jeder Brigitte, jeder Emma für Mifegyne und jede andere Abtreibungsform geworben werden kann. Ihr müsst zur Kenntnis nehmen, dass viele Menschen sagen: für die Tötung eines Menschen darf in Deutschland nicht geworben werden.

Kuby: Ich bin völlig Ihrer Meinung. Nicola Gomez Davila sagt: „Weder Erfolg noch Scheitern sind für die wahre Berufung von Bedeutung.“ Wir machen unsere Arbeit, weil wir eine Berufung haben, sonst könnten wir das gar nicht aushalten. Wir sind alle in der Position Davids im Kampf gegen Goliath. David kämpft für Prinzipien, er kämpft dafür, dass sein Volk nicht entweiht wird, dafür gibt er sein Leben – und er sagt: „Der Kampf gehört dem Herrn.“ Unser Kampf gehört dem Herrn. Egal, wie er ausgeht. Spätere Generationen werden mit Stolz auf uns schauen. Ich wundere mich immer über unsere Bischöfe: Ja sehen sie denn nicht, wir kurzlebig der Genderwahnsinn ist, in dem wir jetzt leben? Das hat doch keinen Bestand. In nicht allzu ferner Zeit wird man zurückschauen und sich fragen: Wie ist es denn möglich gewesen, dass die Bewohner der Erde betrunken geworden sind vom Wein der Hure Babylon? Wie war es denn möglich, der Menschheit weiszumachen, dass jeder sein Geschlecht selber wählen könne?

Aber wenn Sie ganz realistisch in die Zukunft schauen: Glauben Sie, dass sich der Aktionsradius, den Lebensrechtler, Anti-Gender-Aktivisten und andere haben, künftig weiter einschränkt wird? Oder ist das noch gar nicht ausgemacht?

Kuby: Ich bin überzeugt, dass sich unsere Spielräume weiter verkleinern. Ich bin gerade in Australien gewesen, wo 62 Prozent in einem Plebiszit für die Homo-„Ehe“ gestimmt haben, die inzwischen vom Parlament mit vier Gegenstimmen legalisiert wurde. Wie auch in Irland wurde der Kampf pro Homo-„Ehe“ mit riesigen Geldsummen und Terrorisierung der Gegner geführt. Der nächste Schritt, sobald die Same-Sex-Marriage beschlossen ist, ist der Transgender-Tsunami und der Kampf gegen die Religionsfreiheit, denn sie steht der völligen Auflösung der Geschlechterordnung im Wege. Netzwerke reicher Spender, zum Beispiel das Center for American Progress, sind dabei, die Religionsfreiheit umzudefinieren. Sie arbeiten schon daran, das in das öffentliche Bewusstsein einzuspeisen. Den Rückhalt der Mainstream-Medien haben sie ja. Sie sagen: Religionsfreiheit ist ein im Kern progressiver amerikanischer Wert, der LGBT-Gleichberechtigung und die reproduktiven Rechte von Frauen – damit ist die Abtreibung gemeint – beinhaltet. Das ist natürlich eine komplette Perversion der Religionsfreiheit. Das passiert mit allen großen Begriffen wie Freiheit, Toleranz, Gerechtigkeit, Menschenrechte. Jeder von uns – eher früher als später – wird in Entscheidungssituationen kommen, wo es uns viel kosten wird, uns für Jesus Christus zu entscheiden. Wir sollten anfangen zu üben, diesen Preis jetzt zu zahlen, solange er noch nicht so hoch ist, wie er werden wird. Mut macht mir dabei, dass es ADF International gibt. Das ist eine Organisation, in der überzeugte Christen für den Erhalt demokratischer Freiheiten kämpfen – und das in einem hochprofessionellen Rahmen mit sehr gut ausgebildeten Juristen. Das brauchen wir unbedingt.

Frau Kaminski, wie sehen Sie das? Wird es künftig noch schwieriger für Lebensrechtler?

Kaminski: Leichter wird es vermutlich nicht. Was ich weiß ist, dass immer mehr Menschen unter den Zuständen, wie sie sich im Moment darstellen, leiden. Ich weiß, dass es immer mehr Ärzte gibt, die im Gewissen leiden, dass sie abtreiben müssen. Genau deshalb wird jetzt übrigens mit solcher Aggressivität zugunsten der Abtreibungswerbung vorgegangen. Man merkt, dass es nicht mehr genug Ärzte gibt, die diese Abtreibungen eigentlich durchführen wollen. Das andere ist, dass wir merken, dass die Zustimmung zu unserer Arbeit in der Bevölkerung zunimmt. Wir bekommen erfreulicherweise auch verstärkten Rückenwind von unseren Bischöfen. Wir hatten noch nie so viele Bischöfe und Priester beim Marsch für das Leben wie in diesem Jahr. Insgesamt spüre ich eine Aufbruchstimmung in der Lebenrechtsbewegung in Deutschland. Die Menschen, die sich bei uns engagieren wissen, dass sie für die wahre und gute Sache eintreten. Das ist ein harter Kampf, der nicht leicht werden wird. Aber wir geben uns nicht geschlagen. Wir machen weiter und hoffen, dass wir in ein paar Jahren überflüssig sein werden.

Herr Böllmann, müssen wir damit rechnen, dass der Aktionsradius für Christen und andere wertsensible Menschen künftig weiter eingeschränkt wird?

Böllmann: Wir sehen natürlich mit Beunruhigung diese Tendenzen, von denen Frau Kuby vorhin sprach. Wir sehen ideologisch motivierte Versuche, tief in das Leben der Menschen einzugreifen – mit weitreichenden Konsequenzen. Zum Teil wird mit den Mitteln der Lüge gearbeitet; das ist etwas, womit wir uns nicht abfinden können: Wir haben ein anderes Menschenbild. Wir sind zur Freiheit berufen. Wir haben in Jesus Christus ein Vorbild, das furchtlos ist auch angesichts persönlicher Verfolgung. Deshalb müssen wir uns solchen Versuchen mutig widersetzen. Und das tun wir. Unser institutioneller Auftrag als ADF International ist nichts anderes, als die Tür für das Evangelium offenzuhalten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wir stehen dafür, solchen Tendenzen entgegenzuwirken und wir erfahren dabei sehr viel Unterstützung. Die rechtliche Arbeit, die wir machen, wenn wir zum Beispiel Antragsteller vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vertreten, wird den Rechtssuchenden nicht in Rechnung gestellt. Sie ist spendenfinanziert, was umgekehrt ein Ausdruck des Wohlwollens und der Großzügigkeit ist, die viele Spender uns entgegenbringen. Ohne diese Unterstützung wäre unsere Arbeit nicht möglich. Ich persönlich bin der Überzeugung, dass wir die Hoffnung nie aufgeben sollen. Jede Generation von Christen musste auf die eine oder andere Weise für ihren Glauben eintreten und mutig auftreten. Nun sind wir dran.

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