Abtei St. Hildegard - Ein Ort der Begegnung und Einkaufsparadies zugleich

Wo der Kunde nicht nur Käufer, sondern Gast sein darf: Der neue Klosterladen der Benediktinerinnen-Abtei St. Hildegard in Rüdesheim
Abtei St. Hildegard in Rüdesheim mit neuem Klosterladen
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Seit einigen Wochen verfügt die imposante Abtei St. Hildegard in den Weinbergen oberhalb von Rüdesheim über einen neuen attraktiven Anziehungspunkt. Auf mehr als 180 Quadratmeter Fläche haben die 58 Benediktinerinnen einen lichterfüllten und transparenten Klosterladen gebaut, der es in sich hat. Hier können Kunden und Besucher in aller Ruhe stöbern und genießen, ausruhen und Gespräche führen über Gott und die Welt. Ein Ort der Begegnung ist hier entstanden und ein Einkaufsparadies zugleich.

Klosterläden erfreuen sich nicht umsonst in den letzten Jahren zunehmender Beliebtheit. Hier geht es nicht darum, nur Waren zu verkaufen und Geschäfte zu machen. Die Menschen, die mit ihren Wünschen und oft auch mit ihrem Suchen und ihrer Sehnsucht zur Abtei und in den Klosterladen kommen, werden hier ernst genommen - und das mit Leib und Seele. Sie sollen konkret erfahren, was benediktinische Gastfreundschaft bedeutet, die in jedem Gast - wie der heilige Benedikt es in seiner Klosterregel sagt - Christus selbst aufnimmt. Und sie sollen spüren, worauf es der heiligen Hildegard von Bingen so sehr ankam: Dass der Mensch nur dann wirklich gesund und damit auch heil werden kann, wenn er im Einklang mit seinem Schöpfer, mit der Welt und mit sich selbst lebt.

Vor dem Hintergrund eines solchen christlichen Welt- und Menschenbildes verstehen die Schwestern im Klosterladen ihre tägliche Arbeit. Auch die "weltlichen" Mitarbeiterinnen Marianne Stadermann und Anna Walter stehen auf diesem benediktinischen Fundament. Dieses spannt einen weiten Bogen und findet seinen Niederschlag in der Vielfalt des angebotenen Sortiments: anspruchsvolle geistige und geistliche Literatur, gute Kinder- und Jugendbücher, ebenso schöne wie niveauvolle Karten, Kerzen und CDs sind die eine Seite der breiten Angebotspalette im neuen Klosterladen.

Viel Wert wird auf die individuelle Beratung der Kunden gelegt, die sich heute oft nur noch schwer im Dschungel der Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt zurechtfinden und nach Orientierung und Rat suchen. Schwester Anastasia, die für den Bereich Buch und Kunst verantwortlich ist, geht es dabei neben der Kundennähe vor allem auch um die Vermittlung des Schönen und Guten, der Werte und des Wertbewusstseins in unsere Gesellschaft hinein. Insofern steht dahinter durchaus auch ein pädagogisches Konzept.

Klosterläden, sagt sie, hätten Wegweiserfunktion und könnten Menschen helfen, sich neu zu verankern, ihr Leben neu auszurichten und sinnvoll zu gestalten. Einen besonderen Stellenwert nimmt hierbei die große Gründergestalt der Abtei St. Hildegard, die heilige Hildegard von Bingen (1098 - 1179) ein, die seit mehr als 25 Jahren eine wahre Renaissance erlebt. Eine schier unüberschaubare Anzahl an Büchern gibt es inzwischen über sie. Sich in diesem "Wald" zurechtzufinden, fällt heute selbst ausgewiesenen Kennern schwer. Deshalb war und ist die Hildegard-Literatur ein wichtiger Schwerpunkt im Buch-Sortiment des neuen Klosterladens. Schwester Anastasia und Schwester Michaela beraten gern und versuchen dabei, die "Spreu vom Weizen" zu trennen. Denn nicht jedes Buch mit dem Namen Hildegard im Titel hat auch wirklich etwas mit dieser großen Frau des Mittelalters zu tun.

Solche Kunst der Unterscheidung der Geister muss vor allem auch Schwester Thekla beherrschen, die für die Abteilung "Dinkelprodukte" verantwortlich ist. "Bei den Dinkelprodukten geht es uns nicht darum, vordergründig auf der Öko-Welle mitzuschwimmen, sondern vielmehr, etwas vom Menschen- und Weltbild der heiligen Hildegard zu vermitteln", sagt Schwester Thekla. "Körperliche Gesundheit und seelisches Heil waren für Hildegard eine Einheit; erst der Mensch der Neuzeit hat diese Einheit zerstört und die einzelnen Aspekte in verschiedene Schubladen sortiert. Es geht also immer darum, den weiten Horizont zu eröffnen und den Kunden wieder neu diese untrennbare Einheit in Hildegards Welt- und Menschenbild zu vermitteln." In diesem Dienst stehen auch die 63 verschiedenen Dinkelprodukte, die die Schwestern der Abtei in ihrem Klosterladen anbieten.

In diesem Dienst stehen aber auch die Produkte aus biologischem Anbau, die seit neuestem aus befreundeten benediktinischen Klöstern, vor allem aus der Abtei Plankstetten in der Oberpfalz, im Klosterladen von St. Hildegard angeboten werden. Der Mensch ist bekanntlich, was er isst - und das scheinen immer mehr Menschen heute verstanden zu haben. Deshalb steht die breite Palette an Dinkelprodukten jeder Geschmacksrichtung bei den Kundinnen und Kunden hoch im Kurs.

"Dinkel ist das beste Getreide". Hildegard von Bingen

Die moderne Ernährungsphysiologie hat im übrigen längst nachgewiesen, dass die heilige Hildegard recht hatte mit ihrem berühmten Diktum: "Dinkel ist das beste Getreide". Das Spektrum und die Menge an essentiellen Aminosäuren ist im Dinkel höher als in anderen Getreidearten; auch Vitamine und Mineralstoffe sind darin reichlich vorhanden - und was besonders schwer wiegt: Der Dinkel ist durch seinen harten Spelz deutlich resistenter gegen negative Umwelteinflüsse als alle anderen Getreidesorten. Geradezu überlebensnotwendig sind die Dinkelprodukte für viele Allergiker, allen voran für Menschen, die an Neurodermitis leiden. Ihnen gegenüber fühlen sich die Schwestern von St. Hildegard ganz besonders in die Pflicht genommen. So kommen denn auch viele Kunden von weit her, um ihre Vorratskammer regelmäßig aufzufüllen. Andere bestellen per Internet und lassen sich ihre Ware direkt ins Haus liefern.

Dasselbe gilt auch für die Weine des Klosterweinguts, die versandt werden, die aber vor allem auch in der neuen, modernen Vinothek, die ihren Platz ganz organisch innerhalb des neuen Klosterladens gefunden hat, angeboten werden. Hier können die Kunden alle Weine der aktuellen Jahrgänge verkosten und so ganz nebenbei auch so manches über die Weinkultur im Rheingau und über die Tradition des Weinbaus in der Abtei St. Hildegard, die bis in die Zeit der heiligen Hildegard von Bingen zurückreicht, erfahren. Wein und Lebenskultur gehören zusammen - das wissen Schwester Andrea und Schwester Thekla, die gelernte Winzerinnen sind und das 6,5 Hektar große Klosterweingut zusammen mit Winzermeister Arnulf Steinheimer bewirtschaften, sehr genau. Deshalb haben sie sich dem umweltschonenden Weinbau verschrieben. Die etwa 35 000 Weinstöcke (83 Prozent Riesling und 17 Prozent Spätburgunder) werden im Blick auf die Natur und deren Abläufe bearbeitet. Dazu gehört die tägliche Beobachtung des Wetters, Regenmessung, Kontrolle der Weinberge auf Krankheiten und Schädlinge, gezielter und schonender Pflanzenschutz, Bodenbearbeitung und Laubarbeiten als vorbeugende Maßnahmen, Begrünung der Weinberge, Einsaat bestimmter Pflanzen, um dem Boden Nährstoffe hinzuzufügen und vieles andere mehr. Für die Schwestern ist ihre Arbeit im Weinberg alltägliche Teilnahme am Schöpfungsauftrag Gottes. "Das ist ein Kennzeichen unserer benediktinischen Lebenskultur", sagt Schwester Andrea. "Der heilige Benedikt wollte, dass wir Nonnen und Mönche von unserer Hände Arbeit leben, und hat uns ans Herz gelegt, alles, also auch die Natur, wie heiliges Altargerät zu gebrauchen."

Dass die Menschen heute für solche Gedanken wieder offen und empfänglich sind, spüren die beiden Winzerinnen, vor allem aber auch Schwester Veronica, die im Klosterladen hinter der Probiertheke steht und die Kunden berät, sehr deutlich. Nicht selten entwickelt sich aus Kundengesprächen dann ein Austausch über Glaubens- und Lebensfragen oder über die Grundwerte benediktinischen Lebens. Dass ein 2004er Riesling ausgerechnet den Namen "Benedictus" trägt, hilft dabei, den Bogen vom Wein zum Glauben zu spannen. Der neue Papst Benedikt XVI. macht's möglich. So nebenbei wurde er damit auch ganz unverhofft zum Werbeträger. "Sein" Wein jedenfalls - der allerdings schon vor seiner Wahl zum neuen Papst diesen Namen trug - ist heute ein "Spitzenreiter" im klostereigenen Sortiment.

Fünfzig Prozent der jährlich abgefüllten etwa 50 000 Flaschen werden hier direkt an Privatkunden verkauft. Viele Kunden sind dem Klosterweingut schon seit Jahrzehnten treu verbunden, andere sind neu hinzugekommen, weil sie die Homepage der Abtei (www.abtei-st-hildegard.de) besucht oder Schwester Andrea und Schwester Thekla bei einem der Klostermärkte in Andechs, Altötting, Dalheim, Neuburg, Plankstetten oder auf dem Jakobsberg persönlich kennen gelernt haben. So sind im Laufe der Jahre auch Freundschaften entstanden, die über das rein Geschäftliche weit hinausgehen. So zum Beispiel zu der evangelischen Christusbruderschaft Gnadenthal, einer Gemeinschaft, zu der auch der bekannte Künstler Andreas Felger gehört. Mit ihm zusammen planen die Schwestern zur Zeit eine neue Wein-Produktlinie mit edlen Weinen und besonders schön gestalteten Künstler-Etiketten. Der erste "himmlische Tropfen" mit dem Namen "Angelus" und mit einem Engel- Etikett von Andreas Felger ist bereits abgefüllt und wird in drei Wochen zum Genießen und zum Kauf im Klosterladen bereitstehen.

Einen besonderen Platz im neuen Klosterladen haben auch die hauseigenen Künstlerinnen der Abtei St. Hildegard gefunden. Kunst und Kirche, Kultur und Kloster haben sich in St. Hildegard von je her ergänzt, gegenseitig befruchtet und bereichert. Drei Künstlerinnen arbeiten zur Zeit in ihren eigenen Ateliers und Werkstätten. Die älteste von ihnen ist Schwester Judith, die Goldschmiedemeisterin, die ihre Arbeiten in zwei gesicherten Vitrinen im Klosterladen anbietet. Viele ihrer Kunstwerke werden nach individuellen Wünschen der Kunden gestaltet. Im Bereich der sakralen Kunst fertigt Schwester Judith zum Beispiel Kelche, Kreuze und Patenen, im Bereich des modernen Schmucks Ketten, Ohrringe, Ringe, Armbänder und so weiter. Nicht selten kommen auch Kunden, die ihren ererbten Schmuck im Kloster umarbeiten lassen möchten. Nach individuellen Wünschen arbeitet auch Schwester Eva-Maria, die Ikonenmalerin des Klosters. Zwar gibt es im Klosterladen eine große Auswahl an russischen und griechischen Ikonen - von der einfach aufgezogenen bis zur wertvollen handgemalten - , doch ist es für manche private Ikonenliebhaber oder Pfarrgemeinden doch noch einmal etwas ganz Besonderes, eine handgefertigte Ikone nach eigenen Motivwünschen zu erwerben und dabei in persönlichem Kontakt zur Künstlerin zu stehen. Dafür nehmen die Kunden auch Wartezeiten von zwei bis drei Jahren in Kauf, denn die Auftragslage übersteigt die Zeit der Künstlerin bei weitem. Für Schwester Eva-Maria selbst ist das Ikonenmalen mehr als nur ein "Handwerk". Es ist Gebet und Meditation, denn eine Ikone ist im Bild dargestelltes Wort der Heiligen Schrift, ist Theologie im Bild, ist Fenster zu Gott. Insofern ist die Ikonenmalerei, die in den Klöstern über eine lange Tradition verfügt, auch katechetische und pastorale Arbeit, die den Menschen helfen will, ihren Weg zu Gott und zum Glauben zu finden.

Auch die keramischen Arbeiten von Schwester Christophora, der dritten Künstlerin des Klosters, die im neuen Klosterladen vertreten ist, wollen den Menschen einen Zugang zu Gott ermöglichen. Ihre Skulpturen und Reliefs erzählen biblische und religiöse Geschichten, die den Betrachter zur Sammlung und zur stillen Betrachtung einladen möchten. Eine Installation bestehend aus sechs lebensgroßen Keramikfiguren zum Thema "Bleiben" ist zur Zeit in einer Wanderausstellung unterwegs und noch bis 13. Juli im Foyer der Deutschen Bank in Wiesbaden zu sehen. Eine weitere Skulpturengruppe zum Thema "Warten" steht heute auf dem Arenberg bei Koblenz, wo das Kloster der Dominikanerinnen ein Gesundheits- und Kurzentrum unterhält. Doch auch im Klosterladen selbst sind viele Skulpturen, Reliefs sowie gefasste und glasierte keramische Arbeiten bis hin zur religiösen und profanen Gebrauchskeramik ausgestellt. Die Kunden schätzen die Vielfalt an Formen und Farben in den Werken von Schwester Christophora und finden in der "Künstlerecke" des Klosterladens so eigentlich immer das passende Geschenk zu vielen Gelegenheiten.

Mit Geschenken macht man anderen Menschen und damit letztlich auch sich selbst Freude. Im neuen Klosterladen von Schwester Hildegard aber ist schon das Aussuchen und Einkaufen eine Freude. Denn eines wurde bisher nur am Rande erwähnt - und dieser "Kundendienst" ist vor allem heute unbezahlbar: die Schwestern von St. Hildegard bemühen sich, ihren Kunden und Besuchern Zeit zu schenken. Das spüren die Menschen, und deshalb kommen sie den Berg hinauf - immer wieder. Wer nicht im Rhein-Main-Gebiet wohnt, kann zwar das Geschenk der Zeit nicht genießen, wohl aber das breite Angebot dieses Klosterladens. Er kann den Online-Shop im Internet besuchen und dabei so ganz nebenbei auch sehr viel über das klösterliche Leben in St. Hildegard erfahren. Zu empfehlen wäre auch ein Besuch bei den jährlich stattfindenden Tagen der Begegnung in der Abtei. In diesem Jahr finden diese am 10. und 11. September jeweils von 10 bis 18 Uhr statt.

Informationen

Klosterladen der Abtei St. Hildegard
65385 Rüdesheim am Rhein.
Telefon: 0 67 22 / 49 91 16.

Öffnungszeiten: Montag bis Samstag von 9 bis 11.45 und von 14 bis 17 Uhr.
Homepage: www.abtei-st-hildegard.de

 

Autor: VON JUDITH JANSON

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