Hochkarätiger Historiker

Souverän im Stil: Ernst Kantorowicz dies- und jenseits des Mains. Von Urs Buhlmann

Lehrte aus universell humanistischer Perspektive: Ernst Kantorowicz. Foto: Societäts-Verlag
Lehrte aus universell humanistischer Perspektive: Ernst Kantorowicz. Foto: Societäts-Verlag

Auch er, einmal einer der spannendsten deutschen Historiker, ist mittlerweile zu einem Geheimtipp geworden, zu einem Namen, den fast nur noch Eingeweihte kennen. Ernst Kantorowicz, geboren 1895 in Posen und gestorben 1963 in Princeton, ist vor allem für zwei Bücher bekannt, aber was für welche! Sein Jugendwerk, die Biographie des Stauferkaisers Friedrich II. (1927), legt vor allem Zeugnis für die Zugehörigkeit des Autors zum George-Kreis und zum „Geheimen Deutschland“ ab. Wie sollte „Deutschland“ verstanden werden, gab es so etwas wie eine Mission, ein geistiges Erbe, das in die Neuzeit nachwirkt – das sind Fragen, die im Buch behandelt werden, und das in umfassender Sichtweise und faszinierender Sprache. Das Werk fand begeisterte Aufnahme im In- und Ausland, wurde aber zunächst von einigen Fachhistorikern als unwissenschaftlich abgetan. In der Tat lieferte Kantorowicz erste einige Jahre später mit einem Ergänzungsband die vermissten „Fußnoten“ ab. In den USA, wo er ab 1939 lebte, gelang ihm 1957 mit „Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters“ ein Grundlagenwerk zur Entstehungsgeschichte des modernen Staates durch die einfache, aber sinnvolle Unterscheidung zwischen der öffentlichen Funktion und der natürlichen Person, die diese ausübt; es war eine Studie „über die Entwicklung vom mittelalterlichen Gottesgnadentum hin zur abstrakten, aber nach wie vor religiösen Formen verhafteten modernen Staatsmacht“ (Gudian).

Mit dem aus säkularem Judentum stammenden und wie viele seiner Generation zunächst deutschnational empfindenden Historiker beschäftigt sich eine Biographie, die besonders Kantorowicz' kurze, aber intensive Zeit an der neugegründeten Frankfurter Universität behandelt, aber auch sein ganzes Leben umfasst. Es ist ein nobles Buch, das Janus Gudian gelungen ist und das einmal mehr verdeutlicht, welch unermesslichen Verlust das deutsche Geistesleben durch die Vertreibung der jüdischen Gelehrten, Künstler und Intellektuellen erlitten hat. Zu den von den Nationalsozialisten gerne ignorierten Tatsachen gehört, dass viele deutsche Juden, zumal, wenn sie, wie Kantorowicz, großbürgerlicher Herkunft waren, deutschnational dachten – und auch handelten. Der spätere Exilant war Kriegsfreiwilliger des Ersten Weltkriegs und kämpfte anschließend als Angehöriger von Freikorps in Posen und Westpreußen, in Berlin gegen die Spartakisten und in München gegen die Räterepublik.

Beim Studium in Heidelberg – das für ihn ein Sehnsuchtsort bis ans Lebensende bleiben sollte – kam er in Berührung mit Angehörigen des George-Kreises und mit dem Dichter selber. Die Bedeutung dieser Begegnung kann nicht hoch genug angesetzt werden. Gudian schreibt: „Die Wirkung Georges auf seine eigene Person beschrieb EKa (= Ernst Kantorowicz) damit, dass er das Sehen völlig neu erlernt habe und die Welt nun ganz anders wahrnehme als zuvor. George veränderte also die Menschen – und genau dies war seine Intention: Mit seinem ganzen Wirken zielte er darauf ab, einen ,neuen Menschen‘ zu bilden“.

So ungeheuer der Anspruch des sich zum Seher und Ästheten stilisierenden George war, so strikt sein Urteil: Die Welt war ihm nach dem Krieg entseelt, voller „Ameisen“, die keine Orientierung mehr hatten; Kunstreligion und „Führerprinzip“ sollten neuen Sinn geben, aber eben in der klaren Orientierung auf ihn, den „Meister“. Kantorowicz konnte sich erst in seiner zweiten Lebenshälfte von der George-Jüngerschaft freimachen, dann aber, wie es seine Art war, gründlich und endgültig.

Die Biographie des Staufers Friedrich II., der Zeitgenossen wie Nachwelt als problematische, schwer fassbare Figur erschien, ist aber noch als Ode an die Georgesche Gedankenwelt zu verstehen: An das, was ein Einzelner ausrichten kann, wenn er nur entschlossen zu Werke geht, an den „Auftrag“, den die Nation vorgibt, und deren Verwirklichung sie erwartet. Den Heutigen wird schwer vermittelbar sein, was dort alles hineinspielte. Gudian nennt als Ziel der damaligen Geschichtsschreibung von „EKa“: „Die deutsche Nation von ihrer eigenen Bedeutung zu überzeugen. Es gilt Hoffnung zu stiften auf George, als den Deutschland in die Zukunft führenden Dichter.“ Vor allem aber – und darum lohnt es sich auch heute Kantorowicz' Werk zu lesen – ist dem jungen Forscher ein meisterhafter Stil zu eigen, eine große Souveränität in der Beherrschung des umfangreichen Stoffes. Das Buch war jedenfalls für damalige Verhältnisse ein Bestseller. Es lag bei Himmler auf dem Nachttisch, Göring verschenkte es an den „Duce“, und laut Percy Ernst Schramm soll Hitler es zweimal gelesen haben.

Früher Ruhm also für den knapp über 30 Jahre alten Autor, dessen problematischer Beigeschmack diesem aber schon damals bewusst war. Doch trug das dazu bei, dass er 1930 Honorarprofessor an der jungen Frankfurter Universität wurde. Diese entließ – und alle anderen deutschen Hochschulen taten ein Gleiches – 1933 über hundert jüdische Wissenschaftler auf der Basis des berüchtigten „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“. Kantorowicz ließ sich für das anstehende Sommersemester 1933 beurlauben. Der Brief an den „Staatskommissar für das Unterrichtswesen der Provinz Hessen-Nassau“ legt Zeugnis für Kantorowicz' gerade Art ab: „Solange jeder Jude ohne Unterschied einfach durch seine Herkunft als ,Landesverräter‘... gilt, solange jeder Jude als solcher rassemäßig für minderwertig erachtet und in eine zweite Klasse des Menschenstandes versetzt wird..., solange jeder Jude, gerade wenn er ein nationales Deutschland voll bejaht, unweigerlich in den Verdacht geraten muss, durch das Dokumentieren seiner Gesinnung bloß seinen Vorteil (zu) suchen..., halte ich es nicht für angängig, vor einer öffentlichen Wiederherstellung meiner durch diesen Kollektiv-Angriff geminderten Ehre, ein öffentliches Amt zu bekleiden.“ Damit war eigentlich alles gesagt und der Gang ins Ausland die logische Konsequenz. So kam es auch, nach einem Intermezzo in Oxford 1934. Bald zog es ihn dann in die USA, wo ihm bis zum Kriegseintritt eine Pension gezahlt wurde.

Der Sprung über den Großen Teich kann auch als Zeichen für die exzeptionelle Qualität von Kantorowicz' Persönlichkeit und Wissenschaftlichkeit gewertet werden, dass er in den USA seine Universitäts-Karriere nach Anlauf-Problemen ohne größere Wartezeiten fortsetzen konnte, von nun an einfach auf Englisch lehrend und publizierend. Über New York ging es nach Berkeley in Kalifornien, das ihm wie ein Spanien des 17. Jahrhundert vorkam. „Erst seit ich hier im Westen bin, fühle ich mich wirklich wohl und vollkommen zu Haus, ohne irgendein Verlangen nach Europa“, schreibt er. Einer der Studenten schreibt über den Neuzugang: „Das war ein geistiges Niveau, das ich bei anderen Professoren nicht gefunden hatte. Nicht dass er klüger und gelehrter gewesen wäre als alle anderen – aber alles war bei ihm von einer universellen humanistischen Perspektive gekennzeichnet, die die anderen Professoren nicht hatten.“ Eine Frucht dieser von pazifischer Brise beflügelten Schaffensphase war auch eine 1940 abgeschlossene Studie zu den „Laudes regiae“, den bei mittelalterlichen Krönungen verwendeten liturgischen Gesängen. Ein für den Angehörigen einer kalifornischen Universität wahrlich entlegenes Thema, zumal der Autor, wie sein Biograph weiß, mit Musik gar nichts anfangen konnte. Er sah die alten Akklamationen – die heute noch etwa in Aachen beim jährlichen Karls-Amt verwendet werden – als Modell politischer Propaganda –, das passte sehr wohl in die Zeit.

Doch sollte Kantorowicz in Berkeley nicht bleiben. 1951 verließ er das liebgewonnene Kalifornien, um wieder in den Osten des Landes, zum renommierten Institute for Advanced Studies nach Princeton zu gehen, einem privaten, außerhalb des universitären Systems stehenden Forschungsinstitut, nicht weit von New York gelegen. Zur Berufung an das prestigereiche Institut, die EKa aller finanziellen Sorgen endgültig beheben sollte, hatte seine klare Haltung in der „Loyalty Oath“-Affäre beigetragen. Hier ging es im Gefolge der von Senator McCarthy inszenierten Kommunisten-Hatz um einen den Mitgliedern des Lehrkörpers in Berkeley abverlangten Eid, kein Kommunist zu sein und es niemals gewesen zu sein. Kantorowicz hätte das ohne weiteres beschwören können – und wollte es wahrscheinlich gerade deswegen nicht. Ein solches Bekenntnis ließ sich für ihn nicht mit seiner Vorstellung vom Humboldt'schen Universitätsideal und der akademischen Freiheit vereinbaren.

Lohnt es sich heute noch, Ernst Kantorowicz zu lesen? Sein Biograph plädiert eindeutig dafür: Der geistige Weg vom antimodernen, autoritärem Denken verhafteten Schöngeist zum „politischen Konvertiten“, sein Lebensmut, sich in einer zunächst sehr fremden Umgebung neuen Selbststand zu verschaffen, sich eine neue Existenz aufzubauen und dabei seinen Grundsätzen treu zu bleiben, kurzum „die Meisterschaft, seinem Leben immer von neuem Sinn zu verleihen“, sprechen, so Janus Gudian, dafür. Sein gelungenes Buch macht Lust auf eine umfangreiche Biographie dieses großen Historikers, der seine Sprache an einem nicht minder großen Dichter schulen konnte.

Janus Gudian: Ernst Kantorowicz – Der „ganze Mensch“ und die Geschichtsschreibung. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 2016, 221 Seiten, EUR 14,80