Berlin

Zukunft ist jetzt

Die neue Sinus-Studie bestätigt: Die bürgerliche Mitte ist Geschichte. Im Jahr 2021 ist die Gruppe der "Adaptiv-pragmatischen Mitte" der neue Common Sense. Ein Kommentar.
Klimademonstration Fridays for Future
Foto: Marcel Kusch (dpa) | Die "rich kids" von Fridays for Future sind im "Neo-ökologischen Milieu" zuhause. Sie verstehen sich progressiv-realistisch und verfolgen einen umweltbewussten Lebensstil.

Was bereits die Bundestagswahl offenbarte, bestätigt nun die neue Sinus-Milieu-Studie: Die bürgerliche Mitte ist Geschichte. Dieses Milieu, das in der Studie von 2010 noch gesellschaftlicher Mainstream war, wurde entthront. Im Jahr 2021 ist die Gruppe der "Adaptiv-pragmatischen Mitte" der neue Common Sense.

"Postmaterielle" als Leitmilieu

Hier tummeln sich die Angepassten und Leistungsbereiten, die zugleich ein starkes Bedürfnis nach Zugehörigkeit haben. Einige dieser Pragmatiker fühlen sich von Politik und Gesellschaft im Stich gelassen und ziehen sich in das "Nostalgisch-bürgerliche Milieu" zurück. An der Spitze von Bildung und Einkommen stehen die "Postmateriellen". Die Studie bezeichnet sie als das Leitmilieu. Ihre obersten Werte sind Nachhaltigkeit, Diversität, diskriminierungsfreie Verhältnisse. Sie selber verstehen sich - so die Studie - als das gesellschaftliche Korrektiv. Findet sich hier der typische zitrusfarbene Wähler wieder? 

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Die "rich kids" von Fridays for Future sind im "Neo-ökologischen Milieu" zuhause. Sie verstehen sich progressiv-realistisch und verfolgen einen umweltbewussten Lebensstil. Dieses "Zukunftsmilieu" will globale Transformation.

Soll die Kirche reagieren?

Können diese Verschiebungen und Veränderungen die Kirche kalt lassen? Soll sie überhaupt auf neue Leitwerte, die die Studie offenlegt, wie Diversität, Nachhaltigkeit, Akzeptanz pluralistischer Lebensformen reagieren? Im Angesicht des post-volkskirchlichen Klimas, in dem sich die Kirche nicht mehr auf Steuern verlassen kann: Unbedingt. Will die Una Sancta Menschen erreichen und angemessen evangelisieren, muss sie ihr Klientel kennen und auf die Sorgen, Wünsche und Sehnsüchte der Menschen eingehen.

Sie kann sich nicht länger vor der Frage der Umwelt und Ökologie, die alle Milieus in unterschiedlichem Ausmaß beschäftigt,verschließen.

Johannes Hartl, dessen Buch "Eden Culture" auf der Spiegel-Bestsellerliste steht, hat einen Nerv getroffen. Ein Teil seines Erfolgs basiert darauf, dass er die Zeichen der Zeit erkannt hat und christlich-fundierte Antworten liefert. Schafft das auch die Kirche als Ganze? Eines steht auf jeden Fall fest: Die Zukunft ist jetzt.

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