Historikerstreit

Zoff in der Zunft

An der Frage, ob die Hohenzollern dem Nationalsozialismus „erheblichen Vorschub“ geleistet haben, hat sich ein Historikerstreit entzündet. Dabei geht es auch um das Selbstverständnis des Fachs.
Familie Kaiser Wilhelm II
Foto: wikimedia | Über das Verhältnis der Hohenzollern zu den Nazis ist ein Historikerstreit entbrannt.

Ein Ex-Kaiser, der im Exil sitzt, aber gerne wieder auf den Thron will. An seiner Seite seine wesentlich jüngere zweite Ehefrau, die ebenfalls vom politischen Ehrgeiz angetrieben ist und davon träumt, irgendwann als „Kaiserin“ Hof halten zu können. Schließlich ein Ex-Kronprinz, dessen politische Unbedarftheit nur von seinem Willen überboten wird, genau in dieser Politik, von der er nichts versteht, wieder eine zentrale Rolle zu spielen und gleichzeitig einem dandyhaften Lebenswandel frönt. Dazu kommen Höflinge und Berater und Dutzende adelige Verwandte, die allesamt versuchen, auf die Protagonisten Einfluss zu nehmen. Das Ganze vor dem Hintergrund einer zerfallenden Republik und einer aufziehenden Diktatur.

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Streit mit Gewicht

Was nach einem guten Plot für eine Netflix-Serie klingt, ist aber keine Fiktion, sondern sehr real. Es geht um die Geschichte der Hohenzollern, der Familie des letzten deutschen Kaisers, in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Bevor sich die Drehbuchschreiber diesem Sujet widmen können, sind aber zuerst die Historiker an der Reihe. Das Schauspiel allerdings, das die deutsche Geschichtswissenschaft aktuell unter der Überschrift „Die Hohenzollern und die Nazis“ aufführt, kann es, was die dramatischen Effekte angeht, durchaus mit der Geschichte ihrer Untersuchungsobjekte aufnehmen. Dass Wissenschaftler miteinander streiten, ist eigentlich nichts Besonderes, sondern der Normalfall.

Doch im Moment gibt es richtig Zoff in der Zunft. Auch hier könnte der unbedarfte Laie denken, was kümmert es die breite Öffentlichkeit, wenn Fachwissenschaftler in ihren Gelehrtenstuben die Klingen miteinander kreuzen? Doch hier verhält es sich anders, denn an diesem Historikerstreit entzünden sich Fragen, die für die politisch-historische Kultur der Bundesrepublik insgesamt von zentraler Bedeutung sind.

Hohenzollern und Nazis

Vorderhand wird darüber gestritten, inwieweit die Hohenzollern, vor allem aber der Sohn des letzten Kaisers, Kronprinz Wilhelm, in den letzten Jahren der Weimarer Republik mit den Nationalsozialisten kooperiert haben, um so wieder an die Macht zu gelangen. Und ob sie dabei dem nationalsozialistischen Herrschaftssystem „erheblichen Vorschub“ geleistet haben. Eigentlich geht es aber um das Selbstverständnis von Historikern: Sind sie Wissenschaftler, die nüchtern ihre Quellen zu analysieren haben und dann ihre Erkenntnisse ohne Rücksicht auf Begehrlichkeiten aus Politik und Gesellschaft veröffentlichen?

Oder sind sie doch eher eine Mischung aus politischem Lehrmeister und historischem Richter, die Urteile über die in der Geschichte handelnden Personen fällen, Gute und Böse identifizieren und dann aus diesen Urteilen Lehren ableiten, die ihre Leser in der Gegenwart gefälligst zu beherzigen haben, wenn diese denn verhindern wollen, dass die Demokratie anders als vor acht Jahrzehnten nicht ihren Gegnern unterliegt?

Zunächst war da nur ein Rechtsstreit: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Sowjetischen Besatzungszone zahlreiche Unternehmer und Grundbesitzer enteignet – darunter auch die Hohenzollern-Familie. Nach der Wiedervereinigung wurde 1994 ein sogenanntes Ausgleichsleistungsgesetz beschlossen, das die Entschädigung des gestohlenen Privateigentums in einem bestimmten Maße ermöglichen sollte. Ausgenommen von den Entschädigungen sollen aber dem Gesetz nach Personen sein, die dem nationalsozialistischen Herrschaftssystem „erheblichen Vorschub“ geleistet haben. Können aber Juristen entscheiden, was „erheblicher Vorschub“ ist? Und so traten die Historiker auf die Bühne.

Fachwissenschaft gegen Geschichtspolitik

Im Zuge des Restitutionsverfahrens, dass das Haus Hohenzollern so wie hunderte andere Enteignete auch angestrengt hatte, wurden verschiedene Gutachten von Historikern verfasst. Dies wurde begleitet von einer breiten medialen Debatte, in der sich nun wieder unterschiedliche Historiker zu Wort meldeten.

Und hier beginnt der eigentliche Streit: Wissenschaftliche Auseinandersetzungen, das liegt in der Natur der Sache, sind offene Debatten. Wenn von vorneherein das Ergebnis feststehen würde, könnte man sich die Forschung schließlich sparen. Neben der Geschichtswissenschaft gibt es aber auch die Geschichtspolitik: Und dort geht es um Deutungshoheit. Also um die Macht, eine bestimmte Perspektive auf ein historisches Ereignis als das allein gültige Geschichtsbild in der Öffentlichkeit zu verankern. Nun ist es durchaus legitim, geschichtspolitische Interessen zu verfolgen. Ja, es ist sicher auch so, dass Historiker nicht von solchen geschichtspolitischen Motivationen frei sind. Problematisch wird es nur dann, wenn in den öffentlichen Stellungnahmen dieser Historiker nicht mehr zu erkennen ist, ob sie sich gerade als Fachwissenschaftler oder eben als Geschichtspolitiker äußern. Und geradezu gefährlich für die Glaubwürdigkeit der Geschichtswissenschaft ist es, wenn Historiker suggerieren, sie nähmen gerade als Experten zu einem Sachverhalt Stellung, obwohl sie eigentlich als Geschichtspolitiker agieren.

Und damit sind wir wieder bei der Hohenzollern-Debatte: Im letzten Jahr wandte sich die Vorsitzende des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, Eva Schlotheuber, in offenen Briefen an Regierungsmitglieder auf Bundesebene und des Landes Brandenburg, die für das Restitutionsverfahren der Hohenzollern zuständig sind, und riet dazu, indem sie auf einen angeblich in der Geschichtswissenschaft vorherrschenden Konsens in der Hohenzollern-Frage verwies,  von einer gütlichen Einigung mit der Familie abzusehen. Es musste damit in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen: Eine weitere Diskussion sei unnötig, die Frage geklärt, die Hohenzollern hätten dem Nationalsozialismus „erheblichen Vorschub“ geleistet.

Verordnete Ergebnisse

Frank-Lothar Kroll, der in Chemnitz Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts lehrt und einer der Wortführer derjenigen Historiker ist, die diese Intervention kritisiert haben, fasst in dem gerade erschienen Sammelband „Die Hohenzollern-Debatte“ (Duncker & Humblot) diese Kritik so zusammen: Der Historikerverband besitze überhaupt gar kein politisches Mandat, sich in dieser Frage zu äußern: „Es ist nicht seine Aufgabe, in einen laufenden Rechtsstreit einzugreifen und dabei in der Person seiner Vorsitzenden ein allein als ,richtig‘ ausgegebenes Interpretationsmodell für einen wissenschaftlich keineswegs eindeutig geklärten historischen Sachverhalt zu verordnen.“ Hinzuzufügen ist noch, dass Schlotheuber Mediävistin ist, sich also mit der Geschichte des Mittelalters beschäftigt, die Hohenzollern-Frage überhaupt nicht in ihr Fachgebiet fällt.

Verordnete Ergebnisse statt freier Forschung? Sollte diese Tendenz weiter bestehen, könnte dies tatsächlich zum Drama nicht nur für die Zunft, sondern für die politisch-historische Kultur insgesamt werden.

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Regina Einig