Aufschwung

Potsdam leuchtet hell auf

Der Wirtschaftsstandort Potsdam boomt. Ein neuer Blick auf die frühere Residenzstadt.
Sanssouci im Lichterglanz
Foto: dpa | Nicht nur Schloss Sanssouci erstrahlt in Potsdam im hellen Licht – auch die Wirtschaft vor Ort tut es.

Es war schon stockdunkel, als ich das erste Mal abends über die durch manchen Agentenaustausch im „kalten Krieg“ weltberühmte Glienicker Brücke über die Havel von Berlin-Wannsee nach Potsdam rollte – oder besser holperte. Die kalte Luft roch im Februar 1990 noch nach Braunkohlestaub und ab und zu süßlich nach dem Trabbi-Zweitaktgemisch. Der sowjetische Stadtkommandant für Berlin hatte auch in Potsdam noch das Sagen und ein Passant bedeutete mir, die Kommandantur könne ich gar nicht verfehlen; das sei in der Nähe des Jägertors jenes Gebäude in der Hegelallee, wo alle DDR-Bürger die Straßenseite wechselten, um nicht daran vorbei laufen zu müssen.

Auf dem Weg dorthin streifte ich das Holländische Viertel, ein Karree mit Ziegelsteinhäusern aus dem 18. Jahrhundert, in dem die Preußen erfahrene Seeleute samt Familien hatten ansiedeln wollen, um zu den anderen Seemächten dieser Zeit aufzuschließen. Die Straßenzüge machten einen schauerlichen Eindruck; Fenster waren aus den Fassaden heraus- und die Dachstühle eingebrochen, das ganze Viertel wäre, wenn es nicht die „Wende“ 1989 gegeben hätte, wenige Wochen später abgerissen worden.

Kommunisten wollten Erinnerung vernichten

Auch Potsdam sollte zu einer Stadt für den „neuen sozialistischen Menschen“ umgebaut werden. Mit Plattenbauten und Hochhäusern. Ein älterer Elektromeister erzählte mir später mit Tränen in den Augen, wie er unter der Herrschaft von SED-Chef Walter Ulbricht zwischen den Sprengungen des Potsdamer Stadtschlosses 1959/60 und der Garnisonkirche 1968 in den umliegenden großen Bürgervillen mit einer Spitzhacke die wunderbaren Parkettböden und mit einem Vorschlaghammer die gusseisernen Jugendstiltreppenhäuser und bunten Glasfenster zerstört habe. Die Kommunisten hätten die Hinterlassenschaften an Monarchie und Großbürgertum vernichten und die Erinnerung daran auslöschen wollen. In Wahrheit sei man aber einfach auch nicht in der Lage gewesen, diese großzügig angelegten Bauten zu beheizen und instand zu halten. Seine Baukolonne habe aber eifrig die Türbeschläge und -klinken geklaut; einige Stücke davon habe er noch im Keller versteckt.

Auferstanden aus DDR-Ruinen

Die „Wende“ aber war für die Stadt wie eine Erlösung und der Startschuss in eine Potsdamer Renaissance, eine Auferstehung aus Ruinen. Zwar versuchten die in der damaligen PDS und heutigen Linkspartei versammelten Nachfahren der SED-Kader hingebungsvoll und mit nicht nachlassendem Eifer nun, wo immer möglich, die Erinnerung an die totalitäre DDR-Diktatur auszulöschen; doch konnte ein privater Bürgerverein das sowjetische KGB-Gefängnis in der Leistikowstrasse unweit von Schloss Cecilienhof, dem Ort der Potsdamer Dreimächtekonferenz nach Ende des 2. Weltkriegs, noch vor dem Abriss retten. Dort finden sich noch heute die Verliese mit Verhörräumen und Einzel- sowie Massenzellen, in denen sogar als Nazi-„Werwölfe“ verdächtigte Kinder noch in den 50er Jahren eingebunkert und im Morgengrauen in umliegende Wälder zwecks Erschießung abtransportiert worden waren. Beinahe wäre ich nach meinem Besuch der sowjetischen Kommandantur mit anschließender Verhaftung noch im Winter 1990 auch dort als einer der letzten Gefangenen gelandet – doch das ist eine andere Geschichte.

Balkon von Berlin

Bald aber sprach sich herum, welch‘ eine Perle der „Balkon von Berlin“ im Südwesten der Metropole ist und jede Menge Prominenz aus Wirtschaft, Medien und Verlagswesen, Wissenschaft sowie Kunst und Kultur zog, vom Westen einströmend, nicht in die neue Hauptstadt Berlin, sondern ließ sich in der „Nauener“ und der „Berliner Vorstadt“ in Potsdam nieder. „Potsdam macht nicht den Fehler, sich nur auf die Anziehungskraft seiner einzigartigen Historie als preußische Residenzstadt - mit vielen berühmten Schlössern wie Sanssouci, den Parks und Gärten von Peter Lenné und der russischen Kolonie Alexandrowka – zu verlassen; in der Stadt ist eine eigenständige Bürgergesellschaft entstanden, die sowohl das historische Erbe pflegt als auch ein Magnet für aktuelle Kunst und Kultur geworden ist“ beschreibt der Präsident des „Industrieclubs Potsdam“, Richard Gaul, einen Schlüssel zum Erfolg der Brandenburger Landeshauptstadt. Mit Hilfe von prominenten Potsdamer Neubürgern wie TV-Moderator Günther Jauch und SAP-Gründer Hasso Plattner wurden nicht nur das Stadtschloss und der klassizistisch-barocke Palast Barberini neu aufgebaut und der Wiederaufbau der Garnisonkirche begonnen; auch Kunstsachverständige wie Friederike Sehmsdorf mit ihrer Galerie „Kunst-Kontor“ faszinieren mit hochwertigen Veranstaltungen mit einer langen Liste bedeutender zeitgenössischer Maler und Bildhauer, Musikevents und philosophischen Abenden und bringen damit das reiche Kulturleben der Stadt weit über deren Grenzen hinaus zum Strahlen.

SAP und Tesla sorgen für Bewegung

Potsdam boomt und wächst sogar gegen den Trend. Mit 170.000 Einwohnern ist „die Stadt aber klein genug, um bürgerliches Engagement auch wirksam werden zu lassen“, analysiert Gaul. So ist hier unter dem Motto „Starke Worte. Schöne Orte“ ein auch international viel beachtetes Literaturfestival entstanden.

Lesen Sie auch:

Auch als Wissenschaftszentrum und Wirtschaftsstandort reüssiert die Stadt. „Mit dem „Hasso-Plattner-Institut‘ und der Ansiedlung des Tech-Konzerns SAP stieg die Stadt zu einem wichtigen IT-Standort mit einer Leuchtturmfunktion auf“ kommentiert Gaul. „Natürlich profitiert Potsdam auch von der Nähe zu Berlin. Dank sich verbessernder Rahmenbedingungen sind beide Städte als Ensemble die größte Wissenschaftsagglomeration Deutschlands“, dechiffriert Gaul den Erfolg. „Dabei ist es von großer Bedeutung, dass Investoren hier geeignete Mitarbeiter und Führungskräfte finden.“

Attraktiv für Familien

Denn die Stadt ist auch für Familien zum Leben und Wohnen höchst attraktiv und belegt einen der vorderen Plätze im Städtevergleich – selbst wenn aufgrund des Booms der vergangenen Jahre und der allgemeinen Attraktivität der brandenburgischen Landeshauptstadt auch in Potsdam die Mieten stark gestiegen sind. Ein Punktesystem soll Abhilfe schaffen.

„Das Umfeld zieht jetzt nach und komplettiert den Erfolg von Potsdam“, fasst der Vorsitzende des Industrieclubs zusammen. „Der neue Flughafen BER und die Tesla-Fabrik in Brandenburg sind weitere Magnete für qualifizierte Arbeitsplätze und Quellen für Gewerbesteuern“, sagt Gaul. Das mit 460.000 Quadratmetern europaweit größte Filmstudio im Stadtteil Babelsberg zieht seit mehr als hundert Jahren Produzenten und Schauspieler aus aller Welt an. Die Stadt ist zugleich Kleinod und große Kulisse für alle Welt.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Richard Schütze Familien Günther Jauch Hasso Plattner Hauptstädte von Staaten und Teilregionen Kalter Krieg Nachkommen Ortsteil PDS SAP AG Tesla Motors Walter Ulbricht

Kirche