Bamako

Militärseelsorger Jörg Plümper: „Wir sind hier, weil es hier keine heile Welt ist“

Militärseelsorger Jörg Plümper begleitete in den letzten Monaten die deutschen Soldaten in Mali. Dort wo in der vergangenen Woche zwölf deutsche Blaumhelsoldaten bei einem Anschlag schwer verletzt worden sind.
Gottesdienst in Niamey
Foto: (Bundeswehr) | Militärpfarrer Jörg Plümper feiert einen Gottesdienst auf dem Lufttransportstützpunkt der Bundeswehr in Niamey/Niger vor einer Transall.

Herr Pfarrer Plümper, sind Soldaten im Auslandseinsatz offener für den Glauben als in Deutschland?

Gottesdienste werden gerne angenommen, weil sie eine Auszeit vom Einsatz sind. Und als Militärseelsorger habe ich nicht nur zu meinen katholischen Schafen und Böcken Kontakt, sondern auch zu anderen Christen, als auch zu Konfessionslosen. Außerdem haben sich drei Kameraden als Muslime bekannt. Im französischen Camp gibt es einen Militärimam. Ich habe dafür gesorgt, dass der Imam einmal hier war und die Kameraden einmal drüben waren, um sich seelsorglich auszutauschen. Also Seelsorger sind auch Brückenbauer.

MINUSMA gilt als einer der gefährlichsten Einsätze der Bundeswehr. Ist der Tod im Auslandseinsatz präsenter?

"Der Soldat lebt in einem Beruf,
in dem Leben und Tod enger beieinander liegen"

Ja und nein. Der Tod ist hier unten sicherlich etwas präsenter, aber in der Vorbereitung der Soldaten auf die Auslandseinsätze spielt das Thema Tod und Verwundung immer auch eine Rolle. Der Soldat lebt in einem Beruf, in dem Leben und Tod enger beieinander liegen. Aber im Einsatz überlegen sich manche dann doch vielleicht noch genauer, wie sie dann in einer bestimmten Situation handeln würden. Zu Hause ist das immer weit weg, hier ist es konkret. Aber der Seelsorger ist auch bei jedem größeren Einsatz präsent, damit es bei Fragen kurze Wege gibt. Und weil man von vielen Dingen nicht abgelenkt wird, die einen im deutschen Alltag beschäftigen würden, suchen die Soldaten auch gerne mal das Gespräch. Also der Militärseelsorger ist zwar mittendrin, aber auch ein Außenstehender – ich verlasse auch das Lager nicht – weder zum Sightseeing noch gehe ich bei einer Operation mit. Deswegen kann der Soldat auch offen mit mir sprechen.

Vergangenen Freitag wurden zwölf deutsche Soldaten bei einem Bombenanschlag 180 Kilometer nordöstlich von Gao verletzt. Während Ihres Einsatzes sind vier tschadische Peacekeeper in Adjelhoc gefallen. Wie gehen Sie mit so etwas um?

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Die Bedrohung ist in jedem Auslandseinsatz dieselbe. Wir sind hier, weil es hier keine heile Welt ist. Die Bedrohung ist im Lager da, die Bedrohung ist außen da und die Soldaten kommen allein durch die Beobachtung Tod und Verwundung sehr nahe. Der Kulturraum in Westafrika ist etwas anderes: Nach Anschlägen oder kriminellen Auseinandersetzungen liegen zum Teil Verstümmelte oder Tote am Wegesrand. Also die Soldaten erleben den Tod ganz anders, als in Deutschland, wo wir den Tod sehr weit nach außen in die Krankenhäuser, in die Altenheime schieben.

Haben Sie selbst als Militärseelsorger schon einmal einen Kameraden beerdigen müssen?

Bisher habe ich das große Glück gehabt, dass ich in meinen Einsatzbegleitungen weder ernsthafte Verwundungen, noch Todesfälle erleben oder betreuen musste. In den neun Dienstjahren bei der Militärseelsorge habe ich allerdings schon mehrere Kameraden zu Grabe getragen oder in Trauerfeiern Abschied nehmen müssen. Dabei sind die meisten Trauerfälle „neben“ oder „außerhalb“ der Dienstzeit passiert.

Die Soldaten kommen mit ihren Sorgen und Nöten zu Ihnen. Wo können Sie Todesfälle aufarbeiten?

Ich wäre kein guter Priester, wenn die erste Antwort nicht lauten würde: Ich gehe in die Kirche und bete. Das Gebet hilft mir sehr und ich lege so etwas in Gottes Hand. Aber in dieser priesterlichen Kleidung steckt auch ein Mensch. Ich brauche dasselbe wie der Soldat auch: Menschen in meiner Umgebung, mit denen ich darüber reden kann. Ich habe bisher in diesem Einsatz in Mali gute Erfahrungen gemacht. Im deutschen Camp gibt es neben mir auch einen schwedischen und einen britischen Geistlichen, mit denen ich mich einmal wöchentlich treffe und austausche. Sowohl über das, was uns hier bewegt, als auch über das, was uns privat bewegt.

"Ich glaube es hat auch immer einen großen Stellenwert,
wenn die Soldaten bei uns merken: Er predigt nicht nur Wasser
und trinkt Wein, sondern da passt beides zusammen"

In diesen neun Jahren als Militärseelsorger habe ich mir auch angewöhnt, ehrlich zu antworten, wenn mich jemand fragt, wie's mir geht. Ich kann den Soldaten nicht anraten, dass sie über ihr Befinden sprechen sollen, wenn ich es selber nicht tue. Dann bin ich ein schlechtes Beispiel. Ich glaube es hat auch immer einen großen Stellenwert, wenn die Soldaten bei uns merken: Er predigt nicht nur Wasser und trinkt Wein, sondern da passt beides zusammen.

Spüren Sie in dieser Vorbildfunktion auch manchmal einen gewissen Druck?

Nein. Ich bin Priester geworden, um Menschen zu begleiten, um ihnen etwas von der Hoffnung zu geben, die mich erfüllt. Und ich weiß, dass ich Christus an meiner Seite habe. Die Berufung, die ich spüre, macht's mir leicht, weil ich auch nur Mittler bin. Ich darf in Jesu Namen arbeiten und in seinem Namen etwas Gutes tun, und gleichzeitig kann ich mich auch an ihn wenden und sagen: Das ist zu viel für mich, das ist jetzt deine Arbeit. Das macht eine priesterliche Berufung aus. Unser Auftrag ist auch nicht zu missionieren, sondern zu begleiten. Und das nimmt den Druck. Weil missionieren heißt, dass ich aus einem Einsatz mit drei Taufen, vier Firmungen und fünf Bekehrungen rauskommen muss. Aber Begleiten heißt, einfach hier zu sein und Zeugnis zu geben. Und das gibt eine gewisse Lockerheit, die auch dem Soldaten hilft, den Druck, den er selber bei jedem Auftrag und Einsatz hat, fallen lassen zu können. Die Frage ist: Wie schaffe ich es, dem Menschen zu helfen, dass seine Seele zur Ruhe kommen kann? Wenn ich das schaffe, dann kann ich sagen: Das war ein guter Einsatz.

Haben Sie Gewissenskonflikte bezüglich des fünften Gebots?

Man muss darauf schauen, was denn wirklich im fünften Gebot steht. Es heißt: Du sollst nicht töten. Aber das impliziert auch: Du sollst das Töten nicht zulassen. Und im Urtext steht eigentlich auch eher: Du sollst nicht morden. Du sollst also nicht aus irgendeinem niedrigen Beweggrund einem anderen das Leben nehmen. Die ganze Bibel ist aber auch voll von der Botschaft, dass man das Leben schützen soll. Wenn Soldaten im Krieg töten müssen, weil sie keine Alternative haben, dann ist das Töten im Krieg, so lehrt auch die Kirche, nicht unbedingt eine Sünde, weil der Vorsatz fehlt, jemandem ganz bewusst das Leben zu nehmen. Es geht darum, dass wir sowohl uns selbst schützen müssen, als auch die uns anvertrauten Kameraden, als auch die uns anvertrauten Menschen. Und wenn die bedroht sind, muss ich mich zur Wehr setzen. Wenn das dann dazu führt, dass ich in allerletzter Konsequenz jemanden töten muss, dann hat das nichts mit dem Mord und dem fünften Gebot zu tun.

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