„Wir schützen die Menschenwürde“

Die Sicht des Politikers: Thomas Goppel im Interview. Von Stefan Rochow
Strafbefehl gegen Thomas Goppel wegen Fahrerflucht
Foto: Johannes Ring (dpa) | Bayerns Wissenschaftsminister Thomas Goppel (Archivfoto vom 16.03.2004). Goppel (CSU) muss wegen Fahrerflucht einen Strafbefehl von 30 Tagessätzen bezahlen.

Herr Goppel, das Verhältnis zwischen Kirchen und der CSU war ja schon einmal besser. Früher wäre es kaum vorstellbar gewesen, dass kirchliche Vertreter, wie im Juli geschehen, die Anti-CSU-Demo #ausgehetzt unterstützen. Zuvor, im Mai, hatten in einem offenen Brief zahlreiche Kirchenleute Ihre Flüchtlingspolitik kritisiert. Was ist in der Vergangenheit passiert?

In den Nachkriegsjahren, der Gründerzeit der CSU, auch der CDU, waren die Protagonisten auf beiden Seiten aufeinander eingestellt und in wesentlichen Fragen auch angewiesen. Im Vordergrund stand der Wiederaufbau einer funktionierenden Gesellschaft. Religion war zwar kein Thema der Politik, aber ein wesentlicher Bestandteil für die Einsatzbereitschaft aller.

Die Orientierung an einem (wie auch immer besetzten) Himmel lieferte auch in der Politik Rückhalt. Der Niedergang des Landes, durch Ideologien ausgelöst, führte zum neuen Ordnungsansatz mit der Überschrift „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Art. 1 des Grundgesetzes). Weit über zwei Drittel der Christen in beiden Kirchen hatten familiäre und individuelle Bindungen an die Kirchen und ihre Amtsträger, praktizierten ihren Glauben auch im Alltag und waren regelmäßige Kirchenbesucher. Die heutigen Zahlen setze ich als bekannt voraus.

Die Bindungen haben sich gelöst? Warum?

Die Institutionen der Gründerzeit Deutschlands haben ihr Modell von Deutschland konsequent und gemeinsam durchgesetzt. Die Zunahme des Wohlstands und die Abnahme verpflichtender Abhängigkeiten, daneben die offener werdende Gesellschaft führten zur Loslösung von alten Bindungen und beschleunigten die Trennung von allfälligen Abhängigkeiten.

Die Gesetzgebung der vergangenen 50 Jahre hat das ihre dazugetan, dass Bindungen an traditionelle Nachbarschaften wie die Kirche, die Gewerkschaften, Kammern et cetera. für den Einzelnen unwichtiger wurden, dabei gebotene neue Vielfalt Neugier weckte, die die Menschen insgesamt experimentierfreudig und abtrünnig werden ließ.

Wenn heute nur mehr knapp zehn Prozent der getauften Christen ihre Bindung an die Kirche auch durch Gottesdienstbesuche dokumentieren und leben, unterstreicht das die These von der fast automatischen Ablösung des Einzelnen von der Gemeinschaft. Da kaum eine Veränderung den Alltag unbeeinflusst lässt, streben die ursprünglichen Nachkriegspartner fast automatisch auseinander.

Aber vereinzelt wurden nun auch Töne in kirchlichen Kreisen laut, die der CSU das Christliche in ihrer Programmatik absprechen. Was sagen Sie diesen Menschen als Chef der Christsozialen Katholiken in Bayern?

Das „C“ in der CSU ist und bleibt ihr attraktiver Bestandteil, unverzichtbar, ist für meine Begriffe der alles verbindende Grundsatz. Christsein heißt, den anderen ernstnehmen und mit ihm oder ihr nach Lösungen suchen, die keinen hinten ansetzen. Das ist Menschenwürde.

Sie triumphiert im Wettbewerb gegenüber Denkansätzen der Gleichheit und der strikten Einheit. In den Politikansätzen der CSU ist dieser Gedanke sicht- und spürbar, allerdings ständig unter Beschuss: Weder das Sozialsystem des Staates, noch das Bildungssystem anderer Länder, setzen auf gezielte Förderung der Talente und Entdeckung möglichst vielschichtiger Begabung als Grundlage für weitere Leistungssteigerung, sowohl im individuellen, sozialen, kulturellen und finanziellen Umfeld des Einzelnen.

Was bedeutet das für die Zukunft im Verhältnis der CSU zu den Kirchen?

Die Tatsache, dass die Kirche(n) nach dem Niedergang des Sozialismus und im berechtigten Widerstand neu aufkeimenden Nationalismus sichtlich nicht die Kraft haben, den eigenständigen Denkansatz der individuellen Menschenwürde im Sinn der Gottesebenbildlichkeit des Menschen zu propagieren, dass ihnen auch das Personal fehlt, das für die Umsetzung des Grundgedankens die richtige und altersgemäße Publikumsnähe aufweist, macht die beiden christlichen Kirchen zu Vagabunden im politischen Tagesgeschehen.

Statt sich Verbündete zu suchen, und davon sind viele nach wie vor in der Union zu finden, suchen die Kirche(n), die innerlich Versprengten, ihr Wohl jeweils in selbstverständlich in der Gesellschaft verankerten Teilprojekten und –zielen auf allen Feldern des Tagesgeschehens.

Dabei drohen sie im Gegensatz zu ihrer unvermindert großen Gefolgschaft in Ländern des geistigen und sozialen, aber auch kulturellen Aufbruchs in unerwartete Bedeutungslosigkeit zurückzufallen.

In einem Land, in dem für Kirchen neue Verwendungsmöglichkeiten gesucht werden, während Moscheen, Institutionen mit dem Koranhintergrund ständig neue Standorte anmelden, ist es an der Zeit, am alten und bewährten Fundament neu und aktiv anzusetzen. Markus Söders Ansatz, die eigene christliche Idee auch in der Politik zu sichern, kann so ein Denkansatz sein. Das Kreuz in seiner Wirkung für alle, auch die Nichtchristen, gehört dazu.

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