Wien

Wien im Terror-Schock

"Wir werden dem Hass keinen Raum geben", versichert Kanzler Kurz in einer Kampfansage an den islamistischen Extremismus.
Nach dem Terrorangriff in Wien
Foto: Ronald Zak (AP) | Bewaffnete Polizisten patrouillieren am frühen Morgen auf einer abgesperrten Straße nach einem Schusswechsel im Stadtzentrum.

Mit einer dreitägigen Staatstrauer, einem interreligiösen Gebetstreffen im Wiener Stephansdom und Appellen zum Zusammenhalt hat Österreich auf den Terroranschlag in der Hauptstadt am Montagabend reagiert. Ein mit Sturmgewehr, Faustfeuerwaffe und Machete bewaffneter IS-Sympathisant hatte im Stadtzentrum Wiens ein Blutbad angerichtet: Vier Menschen kamen zu Tode, 23 wurden teilweise lebensbedrohlich verletzt. Der Attentäter wurde von der Polizei erschossen. Österreichs Innenministerium geht nun davon aus, dass es keine weiteren Täter gibt, tätigte aber Hausdurchsuchungen und bisher 18 Festnahmen im Umfeld des 20-jährigen Terroristen. Dieser war den Behörden bekannt: Der in Mödling geborene albanische Muslim K.F. besaß neben der österreichischen die mazedonische Staatsbürgerschaft. Inspiriert durch einen Imam, versuchte er 2018, sich dem IS als Kämpfer in Syrien anzuschließen, wurde aber in der Türkei verhaftet. In Österreich wurde er zu 22 Monaten Gefängnis verurteilt, jedoch vorzeitig enthaftet und zu einem Deradikalisierungsprogramm verpflichtet. Dieses besuchte er noch im Oktober.

Anschlag "aus Hass auf unsere Grundwerte"

In einer Ansprache sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz am Dienstag, es handle sich um einen Anschlag "aus Hass auf unsere Grundwerte, unser Lebensmodell, unsere Demokratie, in der alle Menschen an Würde gleich sind". Österreich werde sich nicht einschüchtern lassen, sondern Täter, Hintermänner und Gleichgesinnte "ausforschen, jagen und der gerechten Strafe zuführen". Alle, die mit dieser Schandtat zu tun hätten, würden mit allen Mitteln verfolgt werden.

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"Wir werden nicht in deren Falle tappen", versicherte Kurz zugleich. Der Terrorismus wolle die Gesellschaft spalten. "Wir werden diesem Hass keinen Raum geben." Der Feind sei nie eine Religionsgemeinschaft oder Menschen bestimmter Herkunft. "Unser Feind sind die Extremisten und Terroristen." In einer freien Gesellschaft dürfe es "keine Toleranz für Intoleranz geben". Es handle sich nicht um eine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Österreichern und Ausländern, sondern zwischen den vielen Menschen, die an den Frieden glauben, und "jenen wenigen, die sich den Krieg wünschen". Das sei "ein Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei", so der Kanzler. Auch Bundespräsident Alexander van der Bellen versicherte: "Der Hass wird bei uns nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Wir werden uns davon nicht anstecken lassen, und unsere Werte schützen und verteidigen."

Interreligiöses Treffen im Stephansdom

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Die Spitzen der Republik versammelten sich am Dienstagabend im Stephansdom zu einem interreligiösen Gebetstreffen unter Leitung des Wiener Erzbischofs, Kardinal Christoph Schönborn. Die "bewährte Einheit der Religionsgemeinschaften in unserem Land" könne nicht zerstört werden, gab sich Schönborn überzeugt. "Wir haben einen selten guten Religionsfrieden in unserem Land." Schönborn rezitierte ein Gebet des heiligen Franziskus und entzündete Weihrauch, wie nach ihm Vertreter der Orthodoxie, der evangelischen Kirche, der jüdischen Glaubensgemeinschaft und des Islam. Der Präsident der "Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich", Ümit Vural, sprach im Stephansdom ein Gebet und erklärte in Anwesenheit des Präsidenten, der Regierung und hoher Vertreter von Parlament und Stadt seine "tiefe Betroffenheit über die abscheuliche, feige Tat", die er aufs Schärfste verurteile.

Zuvor hatte sich Vural zur liberalen Rechtsordnung bekannt, die "stärker als Gewalt und Terror" sei. Menschen wie dieser Attentäter würden der Islamischen Glaubensgemeinschaft "am meisten schaden". Bei den Freitagsgebeten soll in Österreichs Moscheen für die Opfer des Anschlags gebetet werden. Auch das in Wien ansässige, von Saudi-Arabien initiierte und finanzierte interreligiöse Dialogzentrum KAICIID verurteilte den Terroranschlag und wies jeden "Missbrauch der Religion und des Glaubens zur Rechtfertigung von Gewalt" zurück.

 

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