Russlands Krieg

Wer will Kiews Kapitulation?

Putin erstrebt nicht weniger als die Zerschlagung der ukrainischen Staatlichkeit. Selenskyj muss auf die Befreiung der gesamten Ukraine zielen. Ein Kommentar.
Präsident Wolodymyr Selenskyi
Foto: IMAGO/Ukrainian Presidential Press Off (www.imago-images.de) | Weniger als die Befreiung des gesamten völkerrechtlich verbrieften Staatsgebietes der Ukraine darf der ukrainische Präsident nicht wollen.

Wolodymyr Selenskyj lässt die Welt nicht im Unklaren über die Kriegsziele der Ukraine: „Ich glaube daran, dass die ukrainische Flagge und das freie Leben auf die Krim zurückkehren. Wir befreien unsere gesamte Erde, alle unsere Menschen.“ Die Rückeroberung des ganzen Staatsgebietes der Ukraine ist somit das klare Kriegsziel Kiews.

Im deutschsprachigen Raum löst das missmutige Kommentare aus: Eine Rückholung der Krim sei jedenfalls unrealistisch, heißt es; Selenskyj solle gegenüber Moskau doch Kompromissbereitschaft zeigen und Konzessionen machen.

Es geht um eine Überlebensfrage

Welches Stückchen Deutschland würden solche Kommentatoren im vergleichbaren Fall einer Besatzungsmacht gerne anbieten? Oder historisch: Hätte Charles de Gaulle 1942 den Nazis vielleicht Elsass und Lothringen anbieten sollen – unter Berufung darauf, dass diese Gebiete lange bei Deutschland waren –, um so Hitler für Verhandlungen über den Rest Frankreichs zu gewinnen? Das wäre nicht nur eine überaus dumme Verhandlungsstrategie gewesen, sondern auch Hochverrat.

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Weniger als die Befreiung des gesamten völkerrechtlich verbrieften Staatsgebietes der Ukraine darf der ukrainische Präsident nicht wollen. Zumal Putin nicht weniger als die Zerschlagung der gesamten ukrainischen Staatlichkeit erstrebt. Es geht um eine Überlebensfrage: darum, ob die Ukraine ein souveräner Staat ist oder eine Kolonie Moskaus.

Das bedeutet nicht, dass Verhandlungen mit dem Aggressor erst starten können, wenn der letzte russische Soldat ukrainisches Staatsgebiet verlassen hat. Ein Rückzug der russischen Truppen auf die Positionen vor der Invasion vom 24. Februar wäre ein Signal Putins, dass Verhandlungen sinnvoll sein können. Doch solange der Tyrann im Kreml sein Zerstörungswerk unvermindert vorantreibt, gilt: Wer von der Ukraine Verhandlungs- und Konzessionsbereitschaft fordert, wünscht tatsächlich ihre Kapitulation.

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