Rom

Wer hat Angst vor Giorgia Meloni?

Geschickt hat sich die kleine „fascistina“ im rechten Lager gegen Berlusconi und Salvini in Stellung gebracht. Jetzt öffnet ihr der Rückzug Mario Draghis einen Weg ins höchste Regierungsamt.
Giorgia Melonis Aufstieg gegen die „Regierung der nationalen Einheit“
Foto: Cecilia Fabiano (LaPresse via ZUMA Press) | Gegen die „Regierung der nationalen Einheit“ gingen die „Fratelli d'Italia“ in die Opposition. Damit begann Giorgia Melonis Aufstieg.

Am 12. August müssen die politischen Formationen und Bewegungen ihre Parteisymbole und Spitzenkandidaten einreichen. Dann, während halb Italien an den Stränden und in den Bergen Urlaub macht, beginnt der Wahlkampf. Und mit dem Urnengang am 25. September soll dann wieder Ordnung in das politische Chaos einziehen, das mit dem Rückzug des italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi entstanden ist.

Und da zum ersten Mal eine Frau als aussichtsreiche Kandidatin für das Amt des Regierungschefs gilt, die aus der postfaschistischen Bewegung stammt, reibt man sich auch im Ausland die Augen: Ist genau hundert Jahre nach Mussolinis „Marsch auf Rom“ die Zeit wieder reif für eine politische Nachfahrin des „Duce“? Hatte das Land mit dem international angesehenen Ex-Zentralbankchef Draghi nicht eben erst die obersten Ränge der Seriosität und internationaler Parketttauglichkeit erklommen? Zur Erinnerung: Der Vorgänger Giuseppe Conte führte zwar eine ordentliche römische Anwaltskanzlei, war aber ein Parvenü, ein völlig Unbekannter, den der Wahlsieger von 2018, die „Bewegung der 5 Sterne“, als Parteilosen aus dem Hut gezaubert hatte, weil die Riege der eigenen Kandidaten für das oberste Regierungsamt doch etwas schütter war.

Mit 31 jüngste Ministerin

Jetzt also Giorgia Meloni. 45 Jahre alt, in der Jugendorganisation der Nachkriegs-Faschisten erwachsen geworden, dann aber der „Alleanza nazionale“ verbunden, in deren Parteilogo die Flamme des „Movimento Sociale Italiano“ (MSI) weiterbrannte, die aber schließlich mit der „Forza Italia“ Silvio Berlusconis zum „Popolo della Libertà“ verschmolz, das 2008 die Wahlen gewann und Meloni ins Kabinett führte – mit 31 Jahren damals die jüngste Ministerin (für Jugend und Sport) in der vierten Regierungszeit Berlusconis. Als in der Legislaturperiode 2013 bis 2018 die Stunde des linken „Partito democratico“ gekommen war, gründete Meloni mit dem rechten Haudegen Ignazio La Russa die „Fratelli d'Italia“ (Brüder Italiens), benannt nach den ersten drei Worten der italienischen Nationalhymne. Als Sammelbecken für alles, was rechts von der Mitte war, auch für die rechtsnationalen Zellen wie „Casa Pound“ oder „Forza nuova“, dümpelten die „Brüder“ Melonis im Dreierbündnis mit „Forza Italia“ und „Lega“ im unteren einstelligen Prozentbereich. Bis Mario Draghi vor anderthalb Jahren seine Corona-Notstands „Regierung der nationalen Einheit“ bildete und die „Fratelli d'Italia“ als einzig nennenswerte Formation in der Opposition verblieben.

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Jetzt begann Melonis Aufstieg und dann Höhenflug, der sie pünktlich zum Abgang Draghis in den Zenit der Wählergunst bringen sollte: Umfragen zufolge mit 23 Prozent als stärkste politische Kraft im Land und mit 35 Prozent als populärster Parteiführer. Zusammen mit Berlusconi und Salvini, deren Parteien schon lange im Abwärtstrend liegen, käme ein von Meloni geführtes Mitte-Rechts-Bündnis den Demoskopen zufolge jetzt immerhin auf 46 Prozent – im Vergleich zu 34 Prozent für den linken „Partito Democratico“ und der auf elf Prozent abgewirtschafteten „Bewegung der 5 Sterne“.

An der kleinen „fascistina“, wie manche die nicht gerade hoch geschossene Chefin der Brüder Italiens nennen, kommt rechts niemand mehr vorbei. Zumal die Putin-Freunde Berlusconi und Salvini international überhaupt nicht mehr tragbar sind. Als klare Atlantikerin und kompromisslose Befürworterin weiterer Waffenlieferungen an die Ukraine wäre Meloni jetzt sogar ein ganz natürlicher Partner der westlichen Verbündeten Kiews.

Meloni ist keine Faschistin

Meloni ist nicht der erste post-faschistische Politiker Italiens, der die höheren Weihen der internationalen Salons empfängt. Da war schon Gianfranco Fini, immerhin 25 Jahre älter und noch an der Seite des MSI-Gründers Giorgio Almirante zur Politik gestoßen. Er überführte den MSI 1994 in die „Allianza nazionale“, wurde zum Partner Berlusconis, Senatspräsident und ab 2004 Außenminister. Als solcher musste er die entsprechenden Übungen absolvieren: Besuch in Auschwitz und Yad Vaschem, Verurteilung der Rassengesetze Mussolinis und Geißelung des Holocausts, bis die jüdische Welt beifälliges Gemurmel von sich gab. So etwas hat Giorgio Meloni wegen der „Gnade der späten Geburt“ eigentlich nicht nötig, auch wenn sie mit Blick auf internationalen Zuspruch schon 2019 als einzige Italienerin am „National Prayer Breakfast“ der Konservativen in Washington teilnahm.

Meloni ist keine Faschistin, sie ist einfach rechts. Sie ist nicht ausländerfeindlich wie Salvini, aber positioniert sich gegen das „Ius soli“, das heißt die automatische Zuerkennung der italienischen Staatsbürgerschaft an Ausländer-Kinder, die in Italien geboren werden. Sie ist nicht homophob, klagt die Verfolgung von Schwulen und Lesben in muslimischen Ländern an, ist aber gegen Homo-Ehe und Leihmutterschaft. Sie verurteilt Euthanasie und die Abtreibungs-Pille und propagiert eine traditionelle Familienpolitik. Als sie vor fünf Jahren von einem Parteikollegen schwanger wurde, aber eine Familiengründung nicht auf dem Radar hatte, schlüpfte sie selbstbewusst in die Rolle der „ragazza madre“ (alleinerziehende Mutter). Auch wenn sie gelernt hat, bei politischen Reden einen bellend scharfen Ton anzuschlagen, ist sie im normalen Interview natürlich und humorvoll. Sie muss nicht wie Salvini im Hintergrund einen halben Devotionalienladen aufbauen, um vor der Kamera auch bei katholischen Zuschauern Eindruck zu schinden. Ihr christlich geprägtes Weltbild – mit Ronald Reagan und Johannes Paul II. als Leitbildern – glaubt man ihr auch so. Auch linksliberale Talk-Moderatorinnen können Meloni etwas abgewinnen – weil sie immerhin die erste Frau auf dem Sessel des italienischen Regierungschefs wäre.

Wie die normale Frau von nebenan

Ganz anders die männliche Intellektuellen-Elite des Mainstreams, die es immer noch nicht fassen kann, dass der Ex-Bankier Draghi keine Lust mehr hatte, sich in seiner Großen Koalition weiter mit den profilierungssüchtigen Partei-Bösschen zu zanken. Also hofft man wider alle Hoffnung. Denn die Linke gibt es nach wie vor, Chef des „Partito democratico“ ist Enrico Letta, der ab 2013 Ministerpräsident war, aber von seinem Partei„feind“ Matteo Renzi ein Jahr später aus dem Amt geputscht wurde. Renzi selber scheiterte zwei Jahre später an einer missglückten Verfassungsreform des Parlaments, während sich Letta schmollend auf einen Hochschulposten in Paris zurückzog. Von dort kam er – im März 2021 an die Spitze der „Partito democratico“ gewählt – als Parteivorsitzender zurück. Aber Letta ist nicht populär. Er verbreitet den Charme eines professoral geschulten Think-tank-Vordenkers. Ihm geht das ab, was Giorgia Meloni als Römerin aus dem tiefroten Stadtteil Garbatella auf dem Markt oder im Pizza-Laden erfährt: Wie die normale – alleinerziehende – Frau von nebenan zu sein, die Mandarinen von Clementinen unterscheiden kann.

Das kann Enrico Letta vielleicht auch, aber nach der Reihe von Regierungschefs, die aus dem „Partito democratico“ kamen – Letta, Renzi, Paolo Gentiloni – gehen der Linken jetzt die neuen Namen aus. Und das Programm. Man spricht vom „Draghismo“, dem sich Letta verpflichtet fühle. Doch der ist ohne den leibhaftigen Mario Draghi ziemlich abstrakt und eher etwas für Leitartikler als für die argumentative Lufthoheit an den Theken der Bars. Dagegen lockt rechts das Weib aus Fleisch und Blut.

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