Leitartikel

Wenn Gewissheiten im Wind zerbröseln

Die Niederlage in Afghanistan, Corona und die Klimaangst zeigen die Verletzlichkeit des Menschen. Das ist ein Ruf an die Kirche, ihren wahren Job zu machen.
Konflikt in Afghanistan - Nato
Foto: Francisco Seco (Pool AP) | Hauptsaal des Nato-Hauptquartiers in Brüssel. Einst war die NATO ein Garant von Frieden und Stabilität. In Afghanistan hat auch die NATO viel Vertrauen verspielt.

Mit der beispiellosen Niederlage des Westens gegen die radikalislamischen Taliban in Afghanistan ist die Welt noch einmal ungewisser geworden. Dabei schmilzt die Liste der Unwägbarkeiten nach den Jahrzehnten einer fast schon religiösen Wissenschaftsgläubigkeit und Fortschrittsgläubigkeit seit geraumer Zeit schon ab: Die Folgen der Klimaerwärmung sind nicht mehr nur in schlauen Büchern und gedruckten Konferenzberichten zu lesen.

Nicht mehr sicher

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Sie treffen auch die Menschen an Ahr und Mosel. Vielerorts schien in diesem Sommer die Welt zu brennen. An dieser Stelle geht es nicht um das richtige wissenschaftliche Modell und die dazu passenden Klimaziele der Politik. Hier geht es um das Lebensgefühl der Leute, die sich auf ihrer Scholle nicht mehr sicher fühlen. Bei Flutkatastrophen dachte man früher an Küstenbewohner oder Siedlungsgebiete an großen Flüssen. Heute treffen Starkregen und Wolkenbrüche auch die, die in einer von Bächen durchzogenen Hügellandschaft im Landesinneren leben.

Die Pandemie

Vor gut anderthalb Jahren kam Corona hinzu. Das Virus stirbt nicht. Es wird noch lange mit den Menschen leben – und eine globale Herdenimmunität gibt es nicht. Dafür sorgen schon die riesigen Weltregionen, in denen sich Impfquoten und die einschlägigen Hygienebestimmungen nicht im Ansatz mit denen in den Gesundheitssystemen des Westens vergleichen lassen. Im Vergleich zu Pest und Cholera ist Corona harmlos.

Aber in einer „fit for fun“-Gesellschaft, in der Angebot und Nachfrage rund um das Thema Gesundheit seit Jahrzehnten boomen, ist Corona ein Stachel im Fleisch der scheinbaren Autonomie des sich selbst genügenden Menschen. Und mit der Erfahrung vergangener Zeiten, dass die Natur störanfällig und die Erde kein Garten Eden ist, kehrt in Zeiten von Klimaangst und Corona auch ein apokalyptisches Gespür zurück. Dafür, dass man bitte nicht so tun möge, also ginge alles immer hübsch und aufwärts weiter. Stattdessen zeigt sich, dass der Mensch verletzlich ist.

Vertrauen verspielt

Auch die Fehleinschätzungen, die mit dem Einsatz des Westens in Afghanistan verbunden sind, haben dieses Nagende, sie verstärken das Gespür, dass man sich die Welt schöner und heiler vorgestellt hat, als sie ist. Wer zwanzig Jahre in die Verteidigungskräfte und die Polizei eines besiegten Landes investiert hat – was von Anfang an Aufgabe der NATO war –, und dann zuschauen muss, wie das alles in zwanzig Tagen zerbricht, muss unendlich viele Fehler gemacht haben. Und hat unendlich viel Vertrauen verspielt. Nicht nur bei kleineren Gemeinwesen, Ethnien oder politischen Einheiten, die sich ab jetzt lieber unter den Schutz Russlands oder Chinas stellen als unter den des Westens, sondern auch hierzulande. Vor dreißig Jahren hat die NATO auf dem Balkan gezeigt, dass sie die Werte auch verteidigen kann, für die sie steht. In Afghanistan hat sie jetzt das Gegenteil bewiesen.

Kurskorrektur

Auch in der Kirche, die sehr genau weiß, auf wen man die Hoffnung setzen soll, wächst die Einsicht, dass es in ungewissen Zeiten die wirklich schicksalsmächtigen Fragen sind, die Fragen, für die ein Gott Mensch geworden ist, die die Zeitgenossen in ihrer mulmigen Angst und Ungewissheit abholen können. Es kann nicht mehr darum gehen, Zweitrangiges zu Erstrangigem und Strukturfragen zur erlösenden Botschaft zu machen. Viele Bischöfe haben das verstanden. Schon bald können sie den hierzulande oft verkopften Kirchenkurs korrigieren.

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