Berlin

Wem gehört mein Körper?

Die Beschlüsse der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten zeigen, dass die Demokratie derzeit neu vermessen wird. Offenbar will der Schwanz mit dem Hund wedeln. Ein Kommentar.
Pressekonferenz nach der Ministerpräsidentenkonferenz
Foto: Christian Mang (Reuters/Pool) | Michael Müller (SPD, vorn l-r), Regierender Bürgermeister von Berlin und Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern, kommen ...

Dümmer geht's nimmer. Wer trotz des Corona-Theaters noch alle Tassen im Schrank und die Pressekonferenz verfolgt hat, bei der Bundeskanzlerin Merkel, Bayerns Ministerpräsident Söder und Berlins Regierender Bürgermeister Müller die Beschlüsse erläuterten, auf die sich Länderchefs mit der Kanzlerin beim weiteren Vorgehen gegen die SARS-COV-2-Pandemie geeinigt hatten, dürfte mehrfach die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben. Denn mehr Wasser auf die Mühlen von Impfskeptikern hätte gar niemand kippen können. Versetzt man sich einmal in die Lage von Impfskeptikern, so war das, was Merkel, Söder und Müller alles nicht sagten, noch schlimmer als das, was sie sagten.

Kein Wort über die Dunkelziffer

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Kein Wort über Impfdurchbrüche, die in Studien aus Israel, Großbritannien und den USA berichtet werden und die im Netz seit Tagen – mal nüchtern und zutreffend, mal effektheischend und eher unseriös – breitgetreten werden. Kein Wort darüber, dass keiner der COVID-19-Impfstoffe den Geimpften „sterile Immunität“ zu gewähren vermag, weshalb auch doppelt Geimpfte eine Virenlast empfangen und an andere weitergeben können, die der infizierter Ungeimpfter in nichts nachsteht.

Kein Wort darüber, dass auch in Deutschland – nachdem Betroffene über Symptome klagten – bereits rund 9.000 solcher Fälle entdeckt wurden. Kein Wort darüber, dass die Dunkelziffer ein Vielfaches betragen muss, erst recht bei einem Virus, dessen Infektionen in rund 80 Prozent der Fälle symptomfrei verlaufen.
Stattdessen erklärten Merkel, Söder und Müller pauschal, wer sich impfen lässt, schützt sich und andere. Wer sich nicht impfen lässt, gefährdet sich und andere. Richtig daran ist: Impfen schützt tatsächlich gegen einen schweren Verlauf und hilft, die Ausbreitung des Virus zu begrenzen. Aus der Welt schaffen werden die Impfstoffe das Virus nicht.

Wer die Fiktion einer Herdenimmunität an die Wand malt, ist entweder ahnungslos oder belügt Menschen wissentlich. Die Wahrheit ist: Wir werden lernen müssen, mit dem Virus zu leben. Mehr noch: Menschen, deren Immunsystem zu schwach ist, dem Virus erfolgreich Paroli zu bieten, werden „an oder mit COVID-19“ sterben. Ungeimpfte genauso wie Geimpfte, wenngleich erstere in weitaus höherer Zahl. Dem darf und soll man wehren.

Wie weit darf der Staat gehen?

Die entscheidende Frage lautet: Wie weit darf ein Staat, dessen Souverän der Bürger ist, dabei gehen? Entzieht der Staat demnächst Motorradfahrern und Segelfliegern Grundrechte, weil sie – im Falle eines Falles – für sich und andere eine Gefahr darstellen? Es mag ja sein, dass viele der Ungeimpften den neuartig entwickelten Impfstoffen über Gebühr skeptisch entgegenstehen. Nur gibt das Merkel, Söder und Müller nicht das Recht, sie zu Sündenböcken der Pandemie zu stempeln. Der Körper ist das Hoheitsgebiet des Bürgers und kein sozialpflichtiges Eigentum, über das dessen Angestellte auf Zeit, denn das sind Regierende in der Demokratie, nach Gutsherrenart entscheiden könnten. Am Dienstag haben Merkel, Söder und Müller nicht etwa für das Impfen geworben. Dazu hätten sie die Ängste und Sorgen der Menschen ernst nehmen müssen. Stattdessen haben sie ihren mangelhaften Respekt vor dem Souverän demonstriert. Gekonnter kann man Bürger gar nicht in die Lager der Nichtwähler und Protestparteien treiben.

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