Extremismusforscher im Interview

Welche Gefahr geht von der Klimaschutzbewegung aus?

Der Extremismusforscher Alexander Straßner erläutert im Interview, welche Gefahren von den radikalen Teilen der Klimaschutzbewegung ausgehen und was das für unsere Streitkultur bedeutet.
Aktivisten der "Letzten Generation"
Foto: Matthias Balk (dpa) | Protest ohne Rücksicht auf den Rest der Gesellschaft: Ein Aktivist der „Letzten Generation“ klebt seine Hand auf einen Zebrastreifen, um dann den Verkehr zu blockieren.

Herr Professor Straßner, Sie haben kürzlich in einem Interview auf Ähnlichkeiten zwischen radikalen Teilen der Klimaschutzbewegung wie etwa „Extinction Rebellion“, „Letzte Generation“ und „Ende Gelände“ und der frühen RAF hingewiesen. Was wollten Sie mit dieser These ausdrücken?

Ich bin Extremismusforscher. Mir geht es also darum, aufzuzeigen, welche Varianten von Extremismus es gibt, wie sich diese innerhalb von sozialen Bewegungen entwickeln und welche Gefahren dabei drohen. Diese Prozesse unterliegen immer bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Der Vergleich soll anschaulich machen, wie diese Faktoren auch in der Klimaschutzbewegung wirksam werden.

Welche Ähnlichkeiten erkennen Sie?

Da ist einmal der Generationenkonflikt: In den 60er Jahren ist er aus der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit hervorgegangen. Heute zeigt sich dieser Konflikt, wenn gesagt wird, dass es die ältere Generation sei, also zugespitzt formuliert: „die alten weißen Männer“, die verantwortlich sind für den Klimawandel. So wird ein Feindbild geschaffen. Und es besteht auch die Tendenz, die Vertreter dieser älteren Generation vom Diskurs auszuschließen. Dazu kommt die Vorstellung: Man verfüge selbst über eine Art besseres Bewusstsein, eine höhere Einsicht. Damit immunisieren sich diese radikalen Teile der Klimaschutzbewegung davor, Kompromisse eingehen zu müssen. Die eigene Anschauung wird verabsolutiert, zur Wahrheit erklärt. Die Aktivisten machen sich so unabhängig von der Kritik und glauben, sich mit kontroversen Argumenten nicht mehr auseinandersetzen zu müssen.

"Die Aktivisten machen sich so unabhängig
von der Kritik und glauben, sich mit kontroversen
Argumenten nicht mehr auseinandersetzen zu müssen"

Die Reaktionen auf Ihre Aussage sind teilweise sehr heftig ausgefallen. Der evangelische Landesbischof von Hannover, Ralph Meister, hat Ihnen etwa vorgeworfen, Sie versuchten die Klimaschutzbewegung insgesamt zu diskreditieren. Wie bewerten Sie diese Vorwürfe?

Ich habe ausdrücklich nicht gesagt, wie mir von manchen Kritikern unterstellt worden ist, die Klimaschutzbewegung sei mit Terrorismus gleichzusetzen. Ganz im Gegenteil.  Ich bin durchaus beeindruckt von den Erfolgen, die die Klimabewegung erreicht hat. Und ich bin auch der Meinung, dass es richtig ist, über die Folgen des Klimawandels in der Gesellschaft kontrovers zu diskutieren. Ich glaube aber, dass gerade durch die Radikalisierung diese Erfolge in Gefahr geraten. Die radikalen Teile der Klimabewegung verhalten sich wie eine Sekte, indem sie ihre Position mit einem absoluten Wahrheitsanspruch vertreten und behaupten, sie würden für ihre gesamte Generation sprechen. Ihre Weigerung, den parlamentarischen Weg zu beschreiten, weil dazu angeblich keine Zeit sei, kann nicht einfach ignoriert werden. Wer das tut und dies damit begründet, er wolle so der Polarisierung der Gesellschaft entgegenwirken, erreicht genau das Gegenteil. Wie weit diese Polarisierung bereits fortgeschritten ist, habe ich etwa an manchen Leserkommentaren zu meinen Äußerungen  gesehen. Auch an solchen, die meiner Auffassung zugestimmt haben. Hier gibt es Stimmen, die ins andere Extrem verfallen und die Klimabewegung insgesamt verdammen. Damit möchte ich ausdrücklich nichts zu tun haben.

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Wie erklären Sie sich die ersatzreligiösen Züge der Klimabewegung?  Kann es sein, dass  für manche der Aktivisten gar nicht der Inhalt im Vordergrund steht, sondern vor allem die Methode attraktiv ist, wie hier ein absoluter Wahrheitsanspruch erhoben und durchgesetzt wird? Die soziale Bewegung postuliert sozusagen ein eigenes Lehramt und moralische Normen und übernimmt damit eine Funktion, die früher die Kirchen hatten.

Das ist ein interessanter Gedanke. Offenbar besteht eine Sehnsucht nach einfachen Welterklärungsmodellen. Auch infolge eines überbordenden Pluralismus. Die Aktivisten sehnen sich nach einem klaren, festen eigenen Standpunkt. Sie sind aber nicht bereit, einzusehen, dass es auch andere Positionen gibt, die mit der gleichen Legitimation vertreten werden können. Auf den Diskurs wollen sie sich nicht mehr einlassen. Stattdessen wird geklagt, dass die eigenen Forderungen ja folgenlos seien.  Sie fordern etwas und es soll sofort umgesetzt werden. Die Bereitschaft einzusehen, dass ein parlamentarischer Prozess Zeit braucht, ist nicht da. Problematisch ist, wenn so eine Haltung als Zivilcourage verkauft wird. Die meint nämlich genau das Gegenteil: Wer Zivilcourage zeigt, der tritt für unser demokratisches System und die Prinzipien ein, nach denen es funktioniert.

Wie sollte auf diese Entwicklung reagiert werden?

Es fängt schon in der Familie an: Da kann das Kind lernen, dass der Papa eben nicht der beste Freund ist. Auch in der Familie müssen sich alle an Regeln halten. Gleichzeitig erkennen die Kinder dann, dass es in einer Gemeinschaft unterschiedliche Interessen gibt. Die Eltern haben andere Interessen als die Kinder, die Regeln sorgen dafür, dass ein Ausgleich hergestellt wird und sie zusammenleben können. In der Schule geht es dann weiter. Ich bin ein großer Freund von Debattier-Clubs, in denen die Schüler lernen können, Streitgespräche miteinander zu führen. Eine besondere Aufgabe fällt aber den Universitäten zu: Wo, wenn nicht dort, sollte die Streitkultur gepflegt werden.

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Sebastian Sasse Evangelische Kirche Landesbischöfe und Landesbischöfinnen

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