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Was will Netanjahu?

Die Kriegsstrategie Israels scheint klar. Doch sie bewegt sich im Spannungsfeld von Machbarem und den Vorstellungen von US-Präsident Donald Trump. Für Israels Premier Netanjahu geht es dabei immer auch um seine eigene Machtposition.
Israels Premierminister Benjamin Netanjahu
Foto: IMAGO/Ronen Zvulun (www.imago-images.de) | Die Kriegs- und Friedensziele des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu sind klarer als jene von Donald Trump. Doch als neuen Hegemon in Nahost werden viele US-Verbündete in der Region Israel nie anerkennen.

Die aktuellen Kriege Israels unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu lassen sich nur verstehen, wenn man mehrere Ebenen gleichzeitig betrachtet: strategische Sicherheitsinteressen, regionale Machtpolitik und innenpolitische Motive. In der Gesamtschau deutet vieles darauf hin, dass Netanjahu kein begrenztes militärisches Ziel verfolgt, sondern eine tiefgreifende Neuordnung des Nahen Ostens anstrebt – mit offenem Ausgang allerdings.

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Im Zentrum steht der Konflikt mit dem Iran. Offiziell formuliert Netanjahu das Ziel, die „existenzielle Bedrohung“ durch das iranische Regime zu beseitigen. Damit sind vor allem das Atomprogramm, die Raketenfähigkeit und das Netzwerk aus Verbündeten gemeint. Israelische Angriffe richten sich daher nicht nur gegen militärische Anlagen, sondern auch gegen politische und militärische Eliten, um das System insgesamt zu destabilisieren. Teilweise wird implizit ein Regimewechsel als strategische Option gesehen, auch wenn dies öffentlich inzwischen vorsichtiger formuliert wird. Der Krieg trägt damit Züge eines präventiven und zugleich transformatorischen Konflikts: Der Iran soll als regionaler Machtfaktor dauerhaft geschwächt werden.

Gegen die iranischen „Proxies“

Parallel dazu verfolgt Netanjahu eine Strategie gegen die iranischen „Proxies“, insbesondere die Hamas im Gazastreifen und die Hisbollah im Libanon. Im Gazastreifen ist das Ziel offiziell weiterhin die Zerschlagung der Hamas. De facto zeigt sich jedoch, dass dieses Ziel militärisch kaum vollständig erreichbar ist. Die Hamas ist nicht nur eine militärische Organisation, sondern auch tief in der Gesellschaft verankert. Hinzu kommt, dass Netanjahu inzwischen die Hände in Gaza gebunden sind, aufgrund der Friedensinitiative von US-Präsident Donald Trump. Allerdings kommt diese nicht voran, weil sie einerseits strukturell nicht wirklich praktikabel ist, andererseits weil die USA im Augenblick durch den Krieg gegen den Iran gebunden sind. Zudem versucht Netanjahu, in Gaza Zeit zu gewinnen und eine klare politische Lösung aufzuschieben, was darauf hindeutet, dass der Iran-Krieg indirekt auch dazu beiträgt, Zeit zu gewinnen und Optionen offen zu halten: von internationaler Verwaltung bis hin zu indirekter Kontrolle durch Israel.

Noch deutlicher wird die strategische Logik im Libanon. Dort geht es weniger um die vollständige Zerschlagung der Hisbollah als um eine nachhaltige Schwächung ihrer militärischen Fähigkeiten und die Schaffung einer Sicherheitszone im Süden.

Neue geopolitische Dominanz Israels

Eine solche Pufferzone würde Israel kurzfristig entlasten, könnte aber langfristig zu einem festgefahrenen Konflikt führen, ähnlich früheren Besatzungsphasen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Hisbollah ihre Strategie anpasst, dass die asymmetrische Kriegsführung einen wirklichen Sieg Israels verhindert, was den Konflikt weiter verlängern würde.

Diese drei Schauplätze sind eng miteinander verknüpft. Netanjahus übergeordnetes Ziel ist natürlich die Zerschlagung des gesamten iranischen Einflussnetzwerks. Dabei geht es nicht nur um Sicherheit, sondern auch um Abschreckung und eine neue geopolitische Dominanz Israels. Das allerdings wird etwa von den Golfstaaten, die in dem aktuellen Krieg an der Seite der USA und damit auch Israels stehen, mit großer Skepsis und Sorge beobachtet. Netanjahus Vorstellung, allein über militärische Macht im Nahen Osten als eine Art Hegemon anzukommen, dürfte so oder so nicht aufgehen, ganz egal, wie der Krieg enden wird.

Eine neue Dynamik ergibt sich aber auch durch die Rolle der USA unter Trump. Aktuell hat Trump Berichten zufolge einen angedrohten Angriff auf iranische Energiefelder vorerst ausgesetzt. Diese Entscheidung ist strategisch bedeutsam: Ein solcher Angriff hätte den Konflikt massiv eskalieren lassen, da er die wirtschaftliche Lebensader Irans direkt getroffen hätte und die Mullahs ja entsprechende Vergeltung auf die Energiefelder der Golfstaaten und anderer Länder angedroht hatten. Die Aussetzung signalisiert, dass Washington zwar weiterhin Druck auf Teheran ausüben will, aber eine unkontrollierbare Ausweitung des Krieges vermeiden möchte. Zumindest im Augenblick, denn bei Trumps Sprunghaftigkeit ist es schwierig, definitive Ziele auszumachen. Für Netanjahu bedeutet das im Augenblick eine mögliche Einschränkung seines Handlungsspielraums, da er stark auf amerikanische Unterstützung angewiesen ist.

Dann droht Netanjahu ein Dilemma

Sollte Trump perspektivisch weiter auf Distanz gehen oder sogar teilweise aus dem Konflikt aussteigen, stünde Netanjahu vor einem Dilemma. Einerseits könnte er gezwungen sein, seine Ziele herunterzuschrauben und einen begrenzten Erfolg zu akzeptieren. Andererseits könnte genau dieser Druck ihn dazu verleiten, noch entschlossener und möglicherweise riskanter zu handeln, um Fakten zu schaffen, bevor die internationale Unterstützung weiter schwindet. Denkbar wäre etwa eine Intensivierung der Operationen gegen iranische Ziele oder eine Ausweitung der militärischen Aktivitäten im Libanon, die mit großen Risiken verbunden wären.

Hinzu kommt ein innenpolitischer Faktor: Netanjahus politische Zukunft ist eng mit dem Kriegsverlauf verknüpft. Ein klarer Sieg könnte seine Position stärken, während ein langwieriger, ergebnisloser Konflikt seinen Rückhalt weiter erodieren würde. Das erhöht den Anreiz, militärische Erfolge sichtbar zu machen, selbst wenn diese strategisch begrenzt sind. Denn im Augenblick zeigen Umfragen, dass trotz einer Zustimmung von rund 80 Prozent der Israelis für den Iran-Krieg, sich die Umfragewerte für Netanjahus Koalition nicht verbessern. Wenn es jetzt Neuwahlen gäbe, würde Netanjahu keine Koalition bilden können, er hätte keine Mehrheit.

Netanjahus Kriegsstrategie zielt auf eine umfassende Schwächung Irans und seines regionalen Netzwerks. Die Aussetzung des Angriffs auf iranische Energiefelder durch Trump zeigt, dass selbst enge Verbündete unterschiedliche Eskalationsgrenzen haben. Genau in dieser Spannung zwischen maximaler Zielsetzung und begrenzter Unterstützung entscheidet sich, ob der Konflikt in einen weltkriegsähnlichen Flächenbrand übergeht oder zumindest teilweise eingedämmt werden kann. Am Ende wird Netanjahu ohne das Placet aus dem Weißen Haus nicht frei agieren können.


Der Autor war ARD-Korrespondent in Israel, ist Buchautor und Publizist in Tel Aviv.

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