Berlin

Warum sich Philipp Amthor katholisch taufen ließ

Was treibt den konservativen politischen Hoffnungsträger Philipp Amthor in die katholische Kirche? Eine Spurensuche.
CDU-Abgeordneter Philipp Amthor
Foto: Britta Pedersen (dpa-Zentralbild) | Der Glaube, so unterstreicht Amthor, strahlt für ihn in alle Lebensbereiche aus.

Die Heiligen Drei Könige sind dagewesen. Der Aufkleber mit dem Segensspuch von Kasper, Melchior und Balthasar sticht ins Auge. Vor allem auch, weil er eben auf den Türen der anderen Abgeordnetenbüros nicht pappt, die sich wie Bienenwaben auf diesem Flur des Paul-Löbe-Hauses aneinanderreihen. Doch dieser Hausherr zeigt gerne, dass er Christ ist. An der Wand hängt ein Kreuz. Und im Regal hinter dem Schreibtisch steht eine Bibel – direkt neben dem Grundgesetz. „Das passt“, sagt Philipp Amthor. Und in der Tat, Rechtsstaat und christliche Werte, beides ist für den jüngsten CDU-Bundestagsabgeordneten, wie sich noch zeigen wird, ganz selbstverständlich aufeinander verwiesen.

Auftritt bei „Anne Will“: Allein für den Lebensschutz

Dass aber auch dieser 27-Jährige aus  Vorpommern und die katholische Kirche zueinander passen, dies ist auf den ersten Blick keineswegs selbstverständlich. In Mecklenburg-Vorpommern sind rund 77 Prozent der Menschen konfessionslos. Der Evangelischen Kirche gehören etwa 18 Prozent an. Ganze drei Prozent der Bewohner des Bundeslandes sind katholisch. Philipp Amthor ist seit einigen Monaten einer von ihnen. Vorher gehörte er zur großen Mehrheit: Amthor war konfessionslos. Klar, wenn ein prominenter Politiker sich katholisch taufen lässt, dann hat das Schlagzeilen-Potenzial. Interessant ist aber die Geschichte dahinter, weil sie nicht erzählt, wie der Abgeordnete Amthor katholisch geworden ist, sondern wie ein junger Mann aus Vorpommern, der in einer kirchenfernen Umgebung aufwächst, zur katholischen Kirche findet, weil er in ihr eine Kraftquelle erkennt. Für sein politisches Engagement, für die Auseinandersetzung mit den Fragen, die er sich als Jurist stellt: Was ist Recht? Was ist Gerechtigkeit? Welche Aufgabe hat der Staat? Aber eben nicht nur deswegen. Der Glaube, so unterstreicht Amthor, strahlt für ihn in alle Lebensbereiche aus.

Ein Blick zurück in den Februar letzten Jahres: Sonntagabends bei „Anne Will“, es geht um das Werbeverbot für Abtreibungen. Alle Diskussionsteilnehmerinnen sind dafür, dass der Paragraph 219 a gestrichen wird: die Gießener Frauenärztin und Anti-Lebensschutz-Aktivistin Kristina Hänel, Ex-Bundesjustizministerin Sabine Leutheuser-Schnarrenberger (FDP), Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) und die feministische Publizistin Theresa Bücker. Dagegen hält nur Philipp Amthor, der einzige Mann in der Runde. Entsprechend sehen am nächsten Morgen die meisten Fernsehkritiken aus: Typisch männlich-chauvinistische Sichtweise, ist man sich auf linksliberaler Seite einig. Wie könne sich ein junger Mann das erlauben? Keine überraschende Reaktion. Amthor wusste, worauf er sich einlässt. Mit Bekenntnisssen zum Lebensschutz wird man in Deutschland nicht  „Everybody's Darling“.

„Mut ist wichtig. Der Gedanke christlicher
Demut gibt dabei aber das Maß.
So wird Mut nicht zur Tollkühnheit"

Bis zu diesem Zeitpunkt hat der Jung-Parlamentarier schon einen eindrucksvollen Weg hinter sich, gerade im zweiten Jahr im Parlament, zählt er schon zu den rhetorischen Allzweckwaffen seiner Fraktion.  Sehr jung, sehr konservativ – und sehr eloquent. Die Kombi gab es bisher so noch nicht im Bundestag. Freilich klang in der Berichterstattung auch immer wieder Skepsis an, durchaus bis ins liberal-konservative Lager hinein. Ist der politische Ehrgeiz dieses jungen Mannes nicht doch in erster Linie Karrierismus? Das Bild vom kleinen Philipp, in dessen Butterbrottasche schon im Kindergarten neben der Stulle der Marschallstab steckte, schien nicht unglaubwürdig. Aber dann eben dieser Talkshow-Auftritt: Wenn es Amthor nur um gutes Image gehen würde, er wäre nicht hingegangen. Zumal er nicht unter Zugzwang stand. Der Lebensschutz gehört nicht direkt zu seinem Fachbereich. Aber Amthor geht. Ein anderer war offenbar auf Seiten der Union nicht zu finden. Dieses Motiv findet sich später noch einmal bei ihm: Als er vom Adenauer-Haus als Gegenspieler zu Youtuber Rezo auserkoren wird. Doch dieser Konflikt hatte eher etwas Spielerisches. Gewiss, auch da zeigte Amthor rhetorischen Sportsgeist. Aber es ging nicht so ums Eingemachte wie bei „Anne Will“.

In der Kirche sucht er die Andacht, keine Politik

„Mut ist wichtig“, sagt Amthor. „Der Gedanke christlicher Demut gibt dabei aber das Maß. So wird Mut nicht zur Tollkühnheit.“ Für ihn wächst er aus dem Glauben. „Es ist gut, sonntags zu knien.“ Als Politiker erliege man schnell der Illusion, man sei ein Macher, der alles selbst gestalten könne, vor allem auch selbst gestalten müsse. Die Heilige Messe, das Gebet – hier findet Amthor eine Welt, die einem anderen Rhythmus folgt, in der andere Gesetze gelten. Die Eucharistie, ein Höhepunkt der Woche. Das sei auch ein Grund für seine Entscheidung, sich katholisch taufen zu lassen. „Natürlich kann eine gute Predigt etwas Schönes sein. So schätze ich sie auch in meiner Gemeinde sehr. Aber im Mittelpunkt steht die Eucharistie.“ Gewiss, der Glaube könne Kraft geben, wenn man sich politisch engagieren will. Aber, das stellt Amthor ganz klar heraus, der Glaube dürfe nie durch politisches Engagement ersetzt werden. In der Kirche sucht er die Stille des Gebetes, die Begegnung mit Gott – keine Grundsatzerklärungen zum Klimawandel. Nicht nur sonntags, auch unter der Woche versucht Amthor, sich Freiraum für geistliche Impulse zu schaffen.

Intensive geistliche Lektüre zur Taufvorbereitung

Gerade in der unmittelbaren Vorbereitungszeit vor der Taufe sei die geistliche Lektüre besonders intensiv gewesen, erzählt er. Er wolle dies nach Möglichkeit beibehalten. Überhaupt, mit dem Kirchenjahr zu leben, dadurch bekomme die Zeit Struktur. „Es gibt ja glücklicherweise den ,Schott'.“ Auch wenn er es werktags nicht in die Messe schaffe, so könne er ja im Messbuch die Lesungstexte nachschlagen. „Wenn Plenarwoche ist, dann findet immer donnerstags um 7.30 Uhr für die Abgeordneten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion eine Heilige Messe statt.“ Natürlich kommen nicht alle, aber einige. Zelebriert wird die Messe stets von Karl Jüsten, dem Verbindungsmann der Bischofskonferenz zum politischen Berlin; der Prälat leitet das Katholische Büro in der Hauptstadt. Für Amthor ist der Rheinländer ein wichtiger Gesprächspartner geworden. Der Seelsorger hat ihn auch getauft.

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„Als Jurist schätze ich die Logik von Regeln, weiß um die Bedeutung von Institutionen. Das schätze ich auch an der katholischen Kirche mit ihren klaren Strukturen und ihrer Regelhaftigkeit“, bekennt Amthor. „Ich habe  katholische Freunde, auch einige aus freikirchlichen Gemeinden.“ Aber es ist eben gerade das Katholische an der katholischen Kirche, das Amthor angesprochen hat. Wie schaut er auf Reformbestrebungen innerhalb der deutschen Kirche, die genau damit ihre Probleme hat, mit der Institution, mit der Hierarchie, mit dem Lehramt? Was denkt er vom „Synodalen Weg“? Philipp Amthor hält sich zurück. Es stünde ihm nicht zu, das zu bewerten.

Christliche Werte leiten unsere Kultur

Lieber kommt er auf das Thema zu sprechen, mit dem er in den Sozialen Netzwerken eine große Debatte ausgelöst hat: Leitkultur. Anlass war ein Aufsatz von ihm in einem Sammelband, in dem junge Unionspolitiker ihre Visionen für die Zukunft vorgestellt haben. Amthor schrieb über Leitkultur - und schon bald gab es einen Empörungssturm bei Twitter. Da ging es dann etwa um Friedrich Merz, der vor zwei Jahrzehnten den Begriff geprägt hatte und darum, warum dieser angeblich ein rechts-konservativer Ladenhüter sei. Nur das, was Amthor tatsächlich geschrieben hatte, das spielte kaum eine Rolle. „Mir geht es nicht darum, eine abschließende Liste mit festen Vorschriften festzuschreiben. Es geht stattdessen um Diskussion. Ich mache dabei darauf aufmerksam, dass es bestimmte Werte gibt, die unsere Kultur leiten. Und das sind christliche Werte.“

„Als Jurist schätze ich die Logik von Regeln, weiß um
die Bedeutung von Institutionen. Das schätze ich
auch an der katholischen Kirche mit ihren
klaren Strukturen und ihrer Regelhaftigkei“

Diese Werte würden zunächst einmal auch gar nicht mit dem Bekenntnis des Einzelnen zusammenhängen. Es sei nur eben klar, dass unsere Kultur durch diese Werte geprägt sei. Der Jurist Amthor verweist auf ein Bild, dass der langjährige Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof geprägt hat: „Wenn man die Verfassung als einen Baum betrachtet, dann ist das Christentum der Humus, der gepflegt und weiter kultiviert werden muss.“ Amthor geht es darum, darüber nachzudenken, wie eine solche Pflege aussehen kann. „Es ist ärgerlich, dass über die eigentlichen Punkte gar nicht diskutiert worden ist.“ Trotzdem ist Amthor nicht bereit, die Debatte einfach abwürgen zu lassen. Er hält sie für notwendig und will sie auch weiter führen. Noch ein Blick auf Ostdeutschland: Haben die Kirchen in der Zeit nach der Wende versäumt, stärker in den neuen Bundesländern zu missionieren? Amthor will das nicht direkt bewerten. Er gibt aber zu bedenken: „Obschon viele Menschen ohne christlichen Glauben aufgewachsen sind, leben sie trotzdem nach christlichen Werten.“ Da sei er ganz sicher Kurz: In Ostdeutschland gibt es ganz offenbar ein Potential zur Missionierung.

 

Zur Person:

Philipp Amthor gehört seit Oktober 2017 als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Mecklenburgische Seenplatte I – Vorpommern-Greifswald II dem Bundestag an. Er ist zweitjüngster Bundestagsabgeordneter, jüngstes Mitglied der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Anfang des Jahres hat er bekannt gegeben, dass er für den Landesvorsitz der CDU-Mecklenburg-Vorpommern antritt.

Amthor ist 1992 in Ueckermünde in Vorpommern geboren und hat dort auch 2011 sein Abitur gemacht. 2008 ist er der CDU und der Jungen Union beigetreten. Aufgewachsen ist er bei seiner alleinerziehenden Mutter. Amthor hat von 2012 bis 2017 an der Universität Greifswald Rechtswissenschaft studiert. Er schloss das Studium mit einem Prädikatsexamen ab. Während des Studiums wurde er durch ein Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung gefördert. Ende letzten Jahres hat er sich taufen lassen und ist der katholischen Kirche beigetreten.

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