Kiew/Moskau

Warum die Ukraine gewinnen muss

Siegen kann Wladimir Putin nicht mehr, aber seine destruktive Kraft ist gewaltig. Es ist an der Zeit, die Kriegsziele des Westens zu definieren. Ein Kommentar.
Demonstrationen für Soldaten in Mariupol
Foto: IMAGO/Kaniuka Ruslan (www.imago-images.de) | Putin muss diesen Krieg verlieren, um keine weiteren beginnen zu können. Die Ukraine muss siegen, weil sie das Selbstbestimmungsrecht der Völker, die Idee der Freiheit, den gesellschaftlichen und politischen ...

Die Ukraine habe ihre Tapferkeit bewiesen, jetzt aber müsse sie kapitulieren, um noch mehr Leid und Tod zu vermeiden. So oder ähnlich kommentierten viele Ende Februar. Mag sein, dass einige, die solches schrieben, tatsächlich an das Leid der vom Krieg direkt Betroffenen dachten, andere an die Opfer, die der ukrainische Widerstand der westlichen Wirtschaft abverlangt, viele an die Unbesiegbarkeit Russlands und seiner Armee. Das moralisierende Pathos dieser Empfehlung, die Ukrainer mögen ihre Freiheit doch bitte möglichst still und leise auf dem Altar unserer Bequemlichkeit opfern, sich dem Imperialismus Putins ergeben und nicht weiter auffallen, war immer schon zynisch.

Die Logistik lächerlich, die Taktik desaströs

Nun aber haben sich die dahinter stehenden Axiome als Illusion erwiesen. Die russische Armee ist keineswegs unbesiegbar, ihre Logistik ist lächerlich, ihre Taktik desaströs, ihr Vorgehen barbarisch. Sie erinnert vielfach an die sprichwörtlichen „Potemkinschen Dörfer“, hinter deren frisch getünchten Fassaden nur Chaos ist.

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Die Ukrainer haben sich dem Imperialismus Putins nicht ergeben, weil sie wussten, dass sie unter seiner Knute ihre Freiheit, ihre Sehnsucht nach Vielfalt und Rechtsstaatlichkeit, ihre nationale Identität verlieren würden. Ihr Widerstand hat nicht nur der überschätzten russischen Armee, sondern dem „System Putin“ die Maske vom Gesicht gerissen. Wer nicht ganz im Paralleluniversum der Kreml-Propaganda abtaucht, kann mit freiem Auge sehen, dass Putin im eigenen Land wie nach außen mit Terror, Gewalt, Einschüchterung und Lüge regiert. Er respektiert das Selbstbestimmungsrecht der Nachbarn ebenso wenig wie die Meinungsfreiheit seiner Landsleute.

Deshalb muss die Ukraine nicht nur dabei unterstützt werden, weiter Widerstand gegen den Aggressor zu leisten, sondern zu siegen. Putin hat jede Gelegenheit verpasst, einen Teilerfolg als Sieg zu verkaufen und das sinnlose Gemetzel zu beenden. Mit ihm wird es keinen Ausstieg aus der Spirale der Gewalt geben. Deshalb gibt es mit Putin auch keinen Frieden. Hätte die Ukraine kapituliert, dann hätte er das nächste Land überfallen: vielleicht erneut Georgien, vielleicht Moldau oder Finnland. Nicht nur die Ukrainer wissen heute, dass jede Kapitulation gegenüber Putin den Untergang bedeutet, dass jeder Kompromiss für ihn nur ein Zeitgewinn wäre, um den nächsten Schlag vorzubereiten. Putins Macht beruht auf der Angst vor seiner Unberechenbarkeit. Ja, der Einsatz taktischer Atomwaffen ist dem Diktator zuzutrauen. Ja, auch eine Ausweitung des Krieges über die Ukraine hinaus gehört zu seinem Repertoire des Schreckens.

Putin darf keinen weiteren Krieg beginnen

Darum darf Putin nicht siegen. Er muss diesen Krieg verlieren, um keine weiteren beginnen zu können. Die Ukraine muss siegen, weil sie das Selbstbestimmungsrecht der Völker, die Idee der Freiheit, den gesellschaftlichen und politischen Pluralismus, das Prinzip der Menschenwürde gegen ein System des autokratischen Imperialismus verteidigt. Siegen heißt jedoch nicht, Russland zu erobern, zu zerschlagen oder zu demütigen. Im Gegenteil: Ein Sieg der Ukraine könnte den Russen zeigen, dass Demokratisierung und Westorientierung nicht zur Dekadenz führen müssen. Die Hoffnung auf einen Wandel in Moskau, auf ein anderes Russland ohne das „System Putin“ ist keine „Einmischung in innere Angelegenheiten“, sondern ein legitimes Kriegsziel. Die Menschenrechte sind universal und daher das Beste, was der Westen dem russischen Volk anzubieten hat.

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