Menschliches Elend

Von der Ahr an den Dnepr

Sowohl im Ahrtal wie in der Ukraine geht es um das wichtigste Gut, für das es sich im politischen Leben zu kämpfen lohnt: die Freiheit. Ein Kommentar.
Ein Jahr nach der Flut - Ahrtal
Foto: Boris Roessler (dpa) | Das Bild zeigt die Brüder Gerd und Bernd Gasper, die sich wenige Tage nach der Flutkatastrophe vor ihrem von der Flut zersörten Elternhaus in Altenahr-Altenstadt weinend in den Armen liegen.

Schlamm und Müll sind verschwunden. Aber die Folgen der Flutkatastrophe, die vor genau einem Jahr das Ahrtal getroffen hat, sind es noch lange nicht. 42.000 Betroffene, über 130 Tote, 17.000 Menschen verloren Hab und Gut. Ein Gesamtschaden in Höhe von etwa 15 Milliarden Euro. Bis die Spuren der Flut an den 8800 beschädigten Gebäuden beseitigt sind, dürfte noch einige Zeit vergehen. Menschliches Versagen bei Katastrophenwarnung und unmittelbarer Notfallhilfe war auch im Spiel. 

Zwischen Regen- und Stahlgewittern

Aber es war die Natur, die hier zugeschlagen hat. Mit Wasser. Mit Regen, Starkregen, wie man sagte. Dass der Mensch ungleich grausamer als die Natur sein kann, hat dann sieben Monate später Wladimir Putin bewiesen. Nicht Regen prasselt auf das Brudervolk der Ukrainer ein, sondern ein Stahlgewitter aus Menschenhand. Die Toten und die Schäden stellen alles in den Schatten, was Deutschland  bei der Regenkatastrophe vor einem Jahr (nicht nur an der Ahr) erlebt hat. 

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Doch wie sich bei aller Verzweiflung und aller anfänglichen Hoffnungslosigkeit an der Ahr der Gemeinschaftssinn und der Wille zum Wiederaufbau geregt hat, so haben sich auch die Ukrainer dazu entschieden, ihre Existenz nicht aufzugeben und in die Hände des Aggressors zu legen. Zumal es um das wichtigste Gut geht, für das es sich im politischen Leben zu kämpfen lohnt: die Freiheit. Nicht wenige in Deutschland würden es für klüger halten, die Ukraine würde sich ergeben, und geben sich der absolut trügerischen Hoffnung hin, der Diktator im Kreml würde sich dann beruhigen und es mit Siegesparaden bewenden lassen.

Dabei zeigt schon der Blick ins Ahrtal, dass es der Natur des Menschen widerspricht, sich dem Elend einfach zu ergeben, wobei im Fall der Ukraine nicht nur die Auslöschung der nationalen Existenz auf dem Spiel steht, sondern auch Verschleppung, Umsiedlung, Trennung der Familien und Liquidation. Der Preis der Freiheit kann hoch sein, sehr hoch. Aber sie ist nun einmal eine ganz edle Frucht, die das Christentum in die Welt gebracht hat. Es gibt Zeiten, sie zu genießen. Und es gibt Zeiten, um sie zu verteidigen.

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