Leitartikel

Vom Bau einer neuen Welt

Unsere auch geistig vergiftete Welt bedarf der Heilung. Ohne Barmherzigkeit und die Bereitschaft zu bedingungsloser Liebe wird das nicht gehen.
William Edward Lori, Erzbischof von Baltimore
| Der Erzbischof von Baltimore, William Edward Lori, hat einen beachtenswerten Text über eine Kultur des Lebens veröffentlicht.

Weder die USA noch die Welt brauchen Männer wie Joe Biden oder Donald Trump. Politiker, die mit lediglich entgegengesetzten, ideologischen Scheuklappen reine Klientelpolitik betreiben und die Spaltung der Gesellschaft so weiter vertiefen. Gebraucht werden – in den USA wie andernorts – Menschen wie William Edward Lori. Menschen, die statt bloß das Eigenwohl einiger, wieder das „bonum commune“, das Gemeinwohl, in den Blick nehmen und zusammen denken, was zusammengehört.

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Text verdient Beachtung

Menschen, die statt horizontal, in Freund-Feind-Kategorien, auch vertikal zu denken vermögen. Menschen, die sich nicht zufrieden damit geben, wie die Welt ist, sondern öffentlich davon sprechen, wie sie sein könnte. Kurz: Menschen, die uns daran erinnern, wozu der Mensch von Gott ge- und berufen ist, und was er aus sich selbst und der Welt zu machen in der Lage wäre, sobald er sich bereitfände, diesem Ruf entschieden genug zu folgen.

In seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Komitees für Lebensschutz-Aktivitäten der US-amerikanischen Bischofskonferenz hat der Erzbischof von Baltimore vergangene Woche einen Text veröffentlicht, der all das leistet und deshalb Beachtung verdient. Nicht nur in den USA, sondern überall.

„Bekämpft werden müssen allein die Ursachen,
die ein Kind ungewollt machen.‘“

Lori selbst spricht von einem „gewaltigem und erschreckenden Unterfangen“. Und in der Tat: Rund einhundert Tage nach der Rücknahme des Grundsatzurteils „Roe v. Wade“ aus dem Jahr 1973 durch den US-Supreme Court skizziert Lori und mit ihm die US-amerikanische Bischofskonferenz darin die Architektur einer „Post-Roe-Welt“, die wahrlich anspruchsvoll und herausfordernd ist.

Polarisierung überwinden

Unter Berufung auf den heiligen Papst Johannes Paul II. und die heilige Teresa von Kalkutta entwirft Lori darin eine Welt, die „die toxische Polarisierung und den Zorn“ überwindet, die das „politische Handeln“ in den USA „vergiftet“ hätten. Eine Welt, die von „Solidarität, Mitgefühl und Versöhnung“ gekennzeichnet ist und in der sich die Menschen daran erinnern, dass sie „zusammengehören“ (Mutter Teresa) anstatt wie „versprengte Individuen“ zu versuchen, „ihren Willen in einer Welt des Unzufrieden durchzusetzen“. Eine Welt, „in der Frauen geachtet, Kinder geliebt und beschützt werden“ und in der Männer „ihrer Verantwortung als Väter“ nachkommen. Kurz: Eine Welt, die eine echte „Kultur des Lebens“ und eine neue „Zivilisation der Liebe“ errichtet.

Nur, wie geht das? Folgt man Erzbischof Lori, dann ist die „Gerechtigkeit“, die die Rücknahme des Urteils „Roe vs. Wade“ gebracht hat, dafür zwar eine „Grundvoraussetzung“ und folglich unverzichtbar, aber keineswegs schon hinreichend. Um eine Welt zu errichten, „in der alle willkommen“ sind, bedürfe es darüber hinaus des „Mitgefühls, der Heilung und vor allem der bedingungslosen Liebe“.

Ursachen bekämpfen

Wie Johannes Paul II. von den Vereinten Nationen, so fordern die Bischöfe der USA von den Katholiken nun eine „radikale Solidarität“ mit den Frauen, einschließlich derer, „die die Wahrheit noch nicht in ihrer Fülle erkennen“. Bekämpft werden müssten allein „die Ursachen, die ein Kind ungewollt machen“. Zugegeben, das erfordert das Bohren dicker Bretter. In den USA wie andernorts. Doch mit weniger lässt sich weder eine bessere Welt erbauen, noch Gott, der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit widerspruchslos in sich vereint, zufrieden stellen.

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