Bonn

Vietnam: Eine Kirche der Märtyrer

Der diesjährige Gebetstag für verfolgte Christen steht im Zeichen der Gläubigen in Vietnam. Die Christen dort sind behördlicher Diskriminierung ausgesetzt.
Gläubige in Vietnam
Foto: Linh Do (AP) | Vietnam hat 95,5 Millionen Einwohner. Wie Bischof Meier erläuterte, bekennen sich ungefähr 14,9 Prozent der Vietnamesen zum Buddhismus, etwa sieben Prozent zum katholischen und etwa ein Prozent zum protestantischen ...

Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) hat eine neue „Arbeitshilfe“ zu Vietnam veröffentlicht. Sie ist eine Publikation der Initiative „Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen in unserer Zeit“. „Die Christen in Vietnam stehen am diesjährigen Gebetstag für verfolgte und bedrängte Christen, am 26. Dezember, im Mittelpunkt“, erklärte Bischof Bertram Meier, als er die neue Broschüre auf einer Pressekonferenz vorstellte. Der Augsburger Bischof ist Vorsitzender der Kommission für Weltkirche der DBK.

Christentum immer wieder verboten

Vietnam hat 95,5 Millionen Einwohner. Wie Bischof Meier erläuterte, bekennen sich ungefähr 14,9 Prozent der Vietnamesen zum Buddhismus, etwa sieben Prozent zum katholischen und etwa ein Prozent zum protestantischen Glauben. „Vietnam hat somit die fünftgrößte katholische Bevölkerung in Asien – nach den Philippinen, Indien, China und Indonesien“, erklärte er.

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Französische Missionare hatten Anfang des 17. Jahrhunderts das Christentum nach Vietnam gebracht. „Ein besonderes Charakteristikum der vietnamesischen Kirche“, heißt es in der Arbeitshilfe, „besteht darin, dass sie eine ,Kirche der Märtyrer‘ ist“. Im Laufe der Missions- und Kirchengeschichte sei das Christentum in Vietnam immer wieder verboten worden: „Die heftigste Verfolgung erlebte die vietnamesische Kirche im 19. Jahrhundert unter der Herrschaft des Königs Tu-Duc, als über 50.000 Katholiken wegen ihres Glaubens hingerichtet wurden.“ Es gebe mehr als 130.000 vietnamesische Märtyrer. Als 1954 das Land entlang des 17. Breitengrades geteilt wurde, entschieden sich 70 Prozent der Katholiken und ein Großteil der Priester Nordvietnams dafür, im Süden zu leben. Die katholische Kirche in Nordvietnam war dadurch von einer Million Gläubigen auf 300 000 geschrumpft. Vietnam sei weiterhin vom alleinigen Machtanspruch der Kommunistischen Partei geprägt, erklärte Bischof Meier. Und: „Neben zivilgesellschaftlichen Organisationen oder ethnischen Minderheiten sind auch Religionsgemeinschaften in Vietnam immer wieder behördlichen Schikanen und anderen staatlichen Übergriffen ausgesetzt.“

Erhebliche Diskriminierung durch die Behörden

Besonders in entlegeneren Gegenden im Süden und Norden des Landes gebe es erhebliche Diskriminierung durch die Behörden. Dazu gehörten auch Auseinandersetzungen um kirchliches Eigentum an Grund und Boden. „Die schlagartige Zerstörung und der Abriss von Kirchen und Klöstern sind immer wieder Teil der staatlichen Unterdrückung. Gelegentlich konnte die Enteignung von kirchlichem Eigentum nur in letzter Sekunde durch den vehementen Protest der kirchlichen Autoritäten abgewendet werden“, erklärte der Bischof. Die Regierung behindere außerdem die Arbeit katholischer Priester und Katechisten unter den von der vietnamesischen Regierung als separatistisch angesehenen indigenen Völkern. Priester und Gläubige, die gegen die zunehmende Umweltverschmutzung protestieren oder sich gegen die stark verbreitete Korruption im Land zur Wehr setzen, würden von der Polizei belangt.

Vietnam sei „weit von internationalen menschenrechtlichen Standards entfernt“. Bischöfe, Priester und Laien hätten „im Vorfeld der Erstellung dieser Publikation kaum angstfrei über ihre Sorgen und Probleme“ sprechen können, so Bischof Meier. „Immer wieder erreichten uns Nachrichten, dass die vietnamesischen Behörden die kirchlichen Aktivitäten und unsere Partner vor Ort geheimdienstlich beobachten“.

Dabei leiste die Kirche seit Jahrzehnten einen wertvollen Beitrag im Gesundheits- und Bildungswesen des Landes. Auch während der vierten Welle der Corona-Pandemie stehe sie an der Seite der Menschen. Zudem mobilisiere die Ortskirche ihre Gemeinden, um Bedürftige in Quarantäne mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Priester und Laien sammelten Geld, um denjenigen zu helfen, die ihren Unterhalt aufgrund des Lockdowns nicht mehr bezahlen könnten.
Auch der Präsident des Internationalen Katholischen Missionswerks Missio, Pfarrer Dirk Bingener, informierte auf der Pressekonferenz über Vietnam.
„Unsere Recherchen haben ergeben“, sagte Bingener, „dass viele unabhängige Blogger und Bürgerjournalisten, deren Recht auf Meinungsfreiheit zum Teil brutal verletzt wird, zugleich Christen sind. So sind sie doppelt diskriminiert: Sie leiden unter Verletzungen ihrer Religions- und ihrer Meinungsfreiheit.“

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