Addis Abeba

Versinkt Äthiopien im Bürgerkrieg?

In Äthiopien nimmt der Konflikt zwischen der Regierung und einer Rebellengruppe zu. Dadurch ist die über 1000 Jahre alte christliche Tradition in Gefahr.
Konflikt in Äthiopien
Foto: Uncredited (AP) | Am 7. November kam es in Addis Abeba zu Massenkundgebungen für die Zentralregierung und gegen die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF). Das Plakat zeigt Äthiopiens Ministerpräsident Ahmed.

Seit dem 4. Jahrhundert ist das Christentum am Horn von Afrika verwurzelt und hat der Kultur der Region ihre eigene Prägung verliehen. Ein christliches Reich entstand. Selbst eine existenzielle Krise durch einen muslimisch-somalischen Angriff konnte im 16. Jahrhundert mit portugiesischer Hilfe bewältigt werden. Das portugiesische Eingreifen rettete das christliche Kaiserreich. Im 17. Jahrhundert zeichnete sich sogar kurzfristig eine Annahme des Katholizismus durch den äthiopischen Kaiser ab, auf den Jesuiten starken Einfluss gewannen, traf aber auf entschiedenen Widerstand im Land.

Steht der multiethnische Staat am Abgrund?

Das christliche Äthiopien blieb die dominierende Macht am Horn von Afrika. Die Kontinuität der „salomonischen Dynastie“, deren mythische Ursprünge auf den biblischen jüdischen König Salomon zurückgeführt werden, bestand vom 13. bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, als Haile Selassie, der letzte Kaiser, durch einen kommunistischen Putsch abgesetzt und 1975 von den neuen Machthabern ermordet wurde. Aber selbst unter kommunistischer Herrschaft blieb Äthiopien zutiefst christlich und seiner ehrwürdigen Tradition verbunden. Gleiches gilt für das 1991 unabhängig gewordene Eritrea, das fast 50 Prozent muslimischen Bevölkerungsanteil und neun unterschiedliche Ethnien hat. Die Muslime leben jedoch mit den Christen des Landes vergleichsweise gut zusammen.

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In Äthiopien gewannen in den vergangenen Jahrzehnten der multiethnische Charakter und die Religionsvielfalt an Relevanz. Die historischen Regionen und Ethnien beanspruchten mehr Mitspracherecht, auch die Muslime wurden selbstbewusster und brachten ihren Einfluss zunehmend zur Geltung. Besonders die Oromo, die größte Ethnie Äthiopiens, mit starker muslimischer Komponente, forderten in den letzten Jahren mehr Beteiligung und Macht. Äthiopien begann, sich als „Föderale Republik“ zu bezeichnen und den Gesamtstaat in entsprechende Regionen einzuteilen.

Es gab immer öfter Konflikte, die sowohl ethnisch als auch religiös motiviert waren. Gewalt flammte auf, Verletzte und Tote waren zu beklagen, wenn dies auch kaum in den Medien Europas reflektiert wurde. Denn gerade die südlichen und die muslimischen Landesteile fühlten sich im gesamtäthiopischen Kontext vernachlässigt oder diskriminiert. Schon seit Jahrzehnten schwelt im Osten, in Ogaden, ein ethnisch-religiöser Konflikt. Die dortige muslimische Somalimehrheit revoltierte. Gleichzeitig kam es zu regelrechten Kriegen mit dem benachbarten Somalia. Nachdem Somalia dann zerfallen war, gab es immer wieder militärische Interventionen Äthiopiens im Nachbarland im Krieg gegen den islamischen Terror, der nach Äthiopien auszustrahlen drohte. Von 1991 bis 2018 hat die TPLF aus der nördlichen, geschichtsträchtigen Region Tigray Äthiopien beherrscht. 2018 gelang es dem Premierminister Abiy Ahmed aus der Ethnie der Oromo, die ihrerseits heterogen ist, einen Reformprozess in Angriff zu nehmen, die Tigray-Vorherrschaft abzubauen und Ansätze zu einer gerechteren Gesellschaft zu schaffen.

Bis heute eskaliert der Aufstand der Tigray

Er trat an mit dem Anspruch, ein wirklich föderatives Äthiopien mit Beteiligung aller Ethnien zu gestalten. Als Premierminister Abiy Ahmed die 27-jährige Vorherrschaft der Befreiungsbewegung TPLF abbaute, traf dies auf den Widerstand der Tigray, der in dem Aufstand gipfelte, welcher im November 2020 ausbrach und bis heute eskaliert. Was als Revolte einer Minderheit – die Tigray stellen knapp 6 % der äthiopischen Gesamtbevölkerung – begann, droht nun zu einem gesamtäthiopischen Konflikt zu werden, denn die TPLF hat bereits eine Zusammenarbeit mit der OLA, der Oromo-Befreiungsarmee, in die Wege geleitet. Dies könnte eine erhebliche territoriale Ausweitung der Auseinandersetzungen bedeuten, denn  Oromos besiedeln weite Teile des Landes. Die Gefahr eines Bürgerkrieges größeren Maßstabs rückt in den Bereich des Möglichen. Ethnien und Religionsgruppen könnten  in eine unüberschaubare Auseinandersetzung mit wechselnden Fronten, unterschiedlichen ethnischen und religiösen Gruppierungen und zentrifugalen Kräften geraten. Der ursprünglich begrenzte Tigraykonflikt hat schon jetzt mehrere Nachbarregionen in Mitleidenschaft gezogen und könnte sich zu einem gesamtäthiopischen Schreckensszenario ausweiten. Es ist bereits zu Grausamkeiten und Massakern von Seiten aller Beteiligter gekommen, eine Hungerkatastrophe größerer Dimension bahnt sich im Norden an.

Noch am 7. November kam es zu Massenkundgebungen für die Zentralregierung und gegen die TPLF in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Aber falls die Rebellen ihren Vormarsch – wie angedroht – weiter fortsetzen und es ihnen gelingen sollte, die Hauptstadt einzunehmen, ist eine weitere Eskalationsstufe erreicht.

Ostafrikanisches Christentum unter Druck

Dann besteht die akute Gefahr, dass sich die Äthiopier auf die ethnischen und religiösen Bezugsrahmen ihrer Gemeinschaften zurückziehen. Wenn Äthiopien als Staat zusammenbricht, werden die einzelnen Gruppierungen ihre eigenen politischen und damit auch religiösen Artikulations- und Gestaltungsformen suchen. Falls die Zentralregierung gestürzt wird, würden ethnisch und religiös geprägte Partikularismen an Bedeutung gewinnen. Christlich-islamische Konfrontationen werden im Rahmen eines solchen Auflösungsprozesses wahrscheinlich.

Muslimische Afar gegen christliche Tigray wären ebenso eine denkbare Konstellation  wie muslimische Oromo gegen christliche Oromo oder christliche Amharen gegen muslimische Hararis. Ein bisher trotz aller Spannungen und Gewalttätigkeiten einigermaßen stabiles Äthiopien würde ersetzt durch volatile Gebilde, die sich kaum konsolidieren dürften, sondern in ständige Kriege untereinander verwickelt wären. Ein Ausstrahlen auf die Nachbarländer wäre unvermeidlich, denn Afar leben auch in Dschibuti und Eritrea, das somalische Siedlungsgebiet zieht sich über Somalia, Ostäthiopien und Dschibuti hin und muslimische Gruppen dürften sich Unterstützung im Sudan und auf der arabischen Halbinsel suchen. Eine humanitäre Krise von bisher unbekanntem Ausmaß wäre die Konsequenz aus solchen Konflikten.

Auch Eritrea , dessen Bevölkerung je zur Hälfte muslimisch und christlich ist, könnte sich wohl dieser Erosion des demographisch-religiösen Gefüges auf die Dauer nicht entziehen. Radikale muslimische Gruppen würden, wie jetzt bereits der IS im Kongo, hier ein neues Aktionsfeld suchen und finden. Verlierer in diesem neuen Konflikt wären vor allem die Christen Ostafrikas, die heute wie eine Insel in einem muslimischen Meer leben und deren Heimat und Garantie die Staaten Äthiopien und Eritrea sind, wo sie einen substanziellen Bevölkerungsanteil haben, welcher ihnen ein Mindestmaß an Sicherheit – bis jetzt noch – bietet. Deshalb sollte Europa bei allen Vorbehalten Premierminister Abiy Ahmed unterstützen und damit den Fortbestand eines einheitlichen Staates Äthiopien.


Der Autor ist Verfasser des Buches „Das Horn von Afrika“, erschienen 2021 beim Kohlhammer-Verlag.

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