„Wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt?“ Dieser Rat stammt nicht aus Sun Zis Klassiker „Die Kunst des Krieges“, sondern von Jesus (Lukas 14,31). Seither ist Militärstrategie komplexer geworden; es kommt nicht mehr vorrangig auf die Truppenstärke an, doch der Kern der Mahnung bleibt richtig: Wer einen Krieg beginnt, muss nüchtern kalkulieren, denn Wunschdenken führt in die Katastrophe.
Da gibt es – trotz aller Unterschiede – Parallelen zwischen dem Ukrainekrieg Wladimir Putins und dem Irankrieg Donald Trumps. Beide gingen davon aus, dass das feindliche „Regime“ bei massiven Angriffen rasch fallen werde, nicht zuletzt, weil ein Gutteil der Bevölkerung solidarisch mit dem Angreifer agieren werde. Doch die russischen Truppen scheiterten 2022 daran, Kiew einzunehmen, Selenskyj zu stürzen und eine Marionettenregierung zu installieren. Das ukrainische Volk stellte sich geschlossen gegen den Aggressor und leistet unter unsagbaren Opfern Widerstand. Im Iran hatten viele zu Jahresbeginn auf ein amerikanisches Eingreifen gehofft, doch damals kam Trump den Demonstranten nicht zu Hilfe. Als er Ende Februar auf den militärischen Sturz der Mullahs setzte, erwies sich das Regime als erstaunlich resistent und erneuerungsfähig. Auch militärisch dürfte Trump den Iran und seine Revolutionsgarden ebenso unterschätzt haben wie Putin die ukrainische Armee und ihre nun weltweit bewunderte Innovationskraft.
Nein, die beiden Kriege sind nicht vergleichbar, denn die demokratische, europäisch orientierte Ukraine ist völlig anders als die schiitische Tyrannei in Teheran. Vergleichbar ist lediglich, dass in beiden Fällen ein Krieg begonnen wurde, der ganz anders verläuft als geplant und eine kaum noch steuerbare Eigendynamik entwickelt hat. In der Ukraine blamiert und ruiniert sich die Weltmacht Russland, die nicht nur ihre ökonomische Kraft sinnlos verpulvert, sondern ihre junge Generation auf einem militärisch festgefahrenen Schlachtfeld in den Tod treibt. Im Iran blamiert sich die Weltmacht USA, die ihre Kriegsziele wie ihre Drohgebärden gegenüber den eigenen Verbündeten ständig ändert und dennoch keinen Durchbruch erzielt. Beide Kriegsschauplätze richten nicht nur regional, sondern weltweit riesigen humanitären und ökonomischen Schaden an.
China kann sich anschauen, wie man Kriege nicht beginnt
In beiden Fällen ist eine Exit-Strategie nicht erkennbar: Putin dürfte längst wissen, dass er die Ukraine nicht erobern kann, also setzt er auf maximale Zerstörung. Die jüngste Eskalation, der Beschuss der ukrainischen Hauptstadt mit einer atomwaffenfähigen Rakete, setzt nicht nur auf die Zermürbung der Ukrainer, sondern auch auf die Einschüchterung ihrer europäischen Unterstützer. Denn auch wenn sich Putins Militär als unfähig erwiesen hat, bleibt er doch bei seinem übergeordneten Ziel, Europa zu schwächen und zu spalten.
Trump dürfte mittlerweile wissen, dass ein Regimewechsel im Iran kaum erzwingbar ist, doch braucht er dringend Erfolge, die die Kriegskosten überstrahlen und den Kriegseinsatz zumindest in den Augen seiner Wähler rechtfertigen. Noch eine Parallele wird sichtbar: In beiden Kriegen heißt der Gewinner China. Die Erben von Sun Zi können nicht nur die strategischen und militärischen Grenzen Russlands und der USA in Echtzeit beobachten, sondern sich im rechten Moment als Friedensvermittler ins Spiel bringen. Sie bauen ihre Dominanz gegenüber Russland wie ihre Weltmachtstellung weiter aus. Und sie können mit Blick auf ihre eigenen Kriegsziele in Taiwan lernen, wie man Kriege nicht beginnt.
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