Russlands Krieg

Unsägliche Gräueltaten in der Ukraine

Die russischen Truppen hinterlassen in der Ukraine Bilder des Grauens: Vergewaltigungen, Folter, willkürliche Hinrichtungen.
Ukraine-Krieg - Kiew
Foto: Rodrigo Abd (AP) | Die 70-jährige Nadiya Trubchaninova weint um ihren 48-jährigen Sohn Vadym, der in Butscha von der russischen Armee ermordet wurde.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte der ukrainische Grenzschutz aktuelle Zahlen über den Grenzverkehr. Demnach sind etwa zwei Millionen der ins Ausland geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer – die absolute Mehrheit davon waren Frauen mit Kindern – inzwischen zurückgekehrt. Eine Zahl, die auf den ersten Blick beruhigend wirkt und eine allmähliche Rückkehr zur Normalität vortäuscht. Zu einer Normalität, die es jedoch nicht mehr gibt und nicht mehr geben kann.

Ich persönlich kenne viele Mütter und junge Frauen, die zurückgekehrt sind. Eine Mutter mit ihrer zweieinhalbjährigen Tochter, die nach Wochen in Warschau wieder in Lemberg ist und nun mitsamt dem Kind und ihrem Mann beim Fliegeralarm in die Tiefgarage ihres Hochhauses rennt. Eine Teenagerin aus Charkiw, die im polnischen Katowice Zuflucht fand und nun zwar nicht direkt nach Charkiw, aber zumindest nach Kiew zurückfährt.

Eine junge Kiewerin, die nach einer Tour quer durch Europa – über Polen, Zypern und Spanien – wieder auf dem Weg nach Hause ist. Alle diese Schicksale, wie dramatisch sie auch zu sein scheinen, haben eines gemeinsam. Diese Menschen haben noch ein Zuhause, ihre Häuser und Wohnungen wurden nicht zerstört, sie haben ihre Liebsten nicht verloren. Sie kehren zurück, weil sie wissen, wohin sie zurückkehren können.

Es ist schwierig, im Krieg langfristige Pläne zu machen

Wenn man an einem Wochentag durch die obere Terrasse des größten Lemberger Parks, des Stryjskyj Parks, läuft, merkt man auf den ersten Blick nichts Besonderes. Die Welt scheint hier in Ordnung zu sein. Der Springbrunnen schießt die Wasserstrahlen hoch, die Vögel zwitschern und die Kinder lachen unbekümmert. Allerdings sind mehr Kinder im Park als sonst an einem Vormittag, und manche sind schon etwas älter. Erst wenn man die weißen Würfel hinter den Bäumen bemerkt, versteht man, dass diese Kinder gar nicht aus Lemberg sind und auch keinen Schulausflug machen. Es sind Flüchtlingskinder, untergebracht in einer Containersiedlung im Park. Etwa tausend Menschen leben hier in den kleinen Containern, die zumindest ein wenig Privatsphäre und ein Minimum an Komfort bieten.

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Andere Flüchtlinge können selbst das nicht genießen. Ihr Zuhause sind bereits seit Wochen Turnhallen und Klassenräume in den Schulen. Am Anfang hat fast jede der rund 140 Schulen in Lemberg Flüchtlinge aufgenommen. Heute sind es immer noch mehr als hundert Schulen, die als provisorische Herbergen funktionieren. Der Unterricht findet längst nur noch online statt – früher war es Corona-bedingt, so dass nach dem russischen Überfall die Schulen sofort mit der Aufnahme von Flüchtlingen anfangen haben. Im Moment überlegt man, wie man einen normalen Präsenzunterricht organisiert, doch wenn überhaupt, wird er erst ab dem neuen Schuljahr beginnen. Bis dahin kann noch viel passieren. Es ist schwierig, im Krieg langfristige Pläne zu machen.

Etwas mehr als 200 000 Flüchtlinge hat Lemberg in den ersten Kriegswochen aufgenommen. 150 000 Menschen sind immer noch da. Eine enorme logistische Herausforderung für eine Stadt mit etwas mehr als 700 000 Einwohnern. Die meisten der verbliebenen Flüchtlinge können nicht mehr nach Hause zurückkehren. Ihre Häuser wurden zerbombt. Ob in Charkiw, Tschernihiw, Sumy oder im Donbass. Oder in unzähligen Kleinstädten und Dörfern im Norden und im Osten der Ukraine, deren Namen vor dem russischen Angriffskrieg niemand kannte. In Orten, die von russischen Bomben und Raketen dem Erdboden gleich gemacht wurden.

Tausende dieser Menschen haben nicht nur ihre Häuser und ihr Hab und Gut verloren, sondern sehr oft auch ihre Angehörigen. Sie sind zutiefst traumatisiert und haben manchmal die sogenannte „Sonderoperation“ des Moskauer Regimes mit schweren Körperverletzungen überlebt. Wie eine Familie aus dem ostukrainischen Kramatorsk, die auf dem dortigen Bahnhof auf einen Evakuierungszug wartete.

Beim Einschlag einer russischen Rakete Anfang April ist der kleine Junge wie durch ein Wunder unverletzt geblieben; seine Mutter hatte weniger Glück und hat ein Bein verloren, seine Schwester beide. Derzeit wird die Familie in einem Lemberger Krankenhaus behandelt.

Deutschland verspielt seinen Ruf in Osteuropa

Andere russische Kriegsverbrechen werden erst sichtbar, wenn der eine oder andere Ort von der ukrainischen Armee befreit worden ist oder wenn sich die russischen Truppen zurückgezogen haben. Seit Anfang April steht der Name Butscha als Symbol für unsägliche Gräueltaten, die russische Soldaten an Zivilisten verübten. Berichte über Erschießungen und Vergewaltigungen, über Folter und Entführungen gab es bereits früher. Auf Facebook konnte man davon ab den ersten Tagen des Überfalls lesen. Doch Butscha war durch das Ausmaß des Verbrechens, durch die Kraft erschütternder Bilder und die Aussagen der Überlebenden ein Schock für die ganze Welt.

Dieser Schock nebst Besuchen westlicher Politiker in Butscha und anderen Nachbarorten scheinen dazu geführt zu haben, dass der Westen zweierlei verstanden hat: Die Ukraine braucht schwere Waffen, um sich verteidigen zu können, und man darf nicht zulassen, dass Russland diesen Krieg gewinnt. Nur die deutsche Bundesregierung scheint den Zusammenhang zwischen diesen beiden Punkten zu ignorieren. Mit Waffenlieferungen tut sich Berlin trotz aller Rhetorik immer noch schwer.

Die Ukrainer klagen sogar darüber, dass selbst die versprochenen Waffensysteme bisher nicht eingetroffen sind. Und jede Verzögerung kostet Menschenleben. Dass Deutschland dabei seinen Ruf in Osteuropa verspielt, ist angesichts des unermesslichen Leids der Menschen in der Ukraine und angesichts von Tod und Zerstörungen, die man mit mehr Mut und Wille vermeiden könnte, eher nebensächlich.

Brutale Vergewaltigungen, unvorstellbare Folter, willkürliche Hinrichtungen

Doch es ist bei weitem nicht nur Butscha, nicht nur Irpin, Borodjanka oder Hostomel. Die russischen Truppen haben überall ein Bild des Grauens hinterlassen. Das, was man in der Nähe von Kiew gesehen hat, hat sich auch in den Dörfern und Städtchen in anderen ukrainischen Regionen abgespielt, die kurz unter russischer Besatzung standen. Minderjährige Töchter, vor den Augen ihrer Mütter brutal vergewaltigt; Frauen, wochenlang als Sexsklavinnen gehalten; kleine Jungen und alte Männer, sexuell missbraucht. Viele haben es nicht überlebt, manche sind verrückt geworden. Andere werden es nie vergessen. In den Regionen, die heute noch unter russischer Kontrolle stehen, wird es kaum anders aussehen.

Brutale Vergewaltigungen, unvorstellbare Folter und willkürliche Hinrichtungen von Zivilisten gehören bei der russischen Armee zum System. Das sah man bereits in Tschetschenien und Syrien. Nun bestätigt es sich noch einmal. Es sind keine Exzesse einzelner Soldaten oder Offiziere und keine Gewaltorgien entgleister Sadisten. So etwas ist nur möglich, wenn es zur offiziellen Taktik einer Armee gehört, die von der Militärführung nicht einfach toleriert, sondern empfohlen wird.

Das alles ist nur möglich, wenn eine Gesellschaft durch jahrelange Propaganda, die ihre Opfer regelrecht und regelmäßig entmenschlicht hat, darauf vorbereitet wurde. Wenn diese Gesellschaft von einem Kult der Gewalt und grenzenlosem Hass durchdrungen ist. Und wenn die Rekruten in ihrem Leben nichts als Erniedrigungen und Gewalt erfahren haben.

Schätzungen gehen von Zehntausenden Toten aus

Und dann bleibt noch Mariupol. Der griechische Konsul hat dieser Stadt am Asowschen Meer bereits Ende März eine vollständige Zerstörung vorhergesagt. Fast drei Monate hat Russland Mariupol Tag und Nacht bombardiert, ohne Rücksicht auf Zivilisten zu nehmen. Wochenlang konnte die Welt in Echtzeit beobachten, wie eine Stadt vernichtet wird. Wie dort alle paar Minuten Raketen einschlagen, die vorher von der Russisch-Orthodoxen Kirche gesegnet wurden. Diese Kirche hat auch sonst eine klare Unterstützung für den russischen Angriffskrieg bekundet und sich so der Komplizenschaft bei der verübten Kriegsverbrechen schuldig gemacht.

Flüchtlinge aus der Ukraine

Monatelang haben die Menschen in Mariupol ohne Wasser und Strom unter ständigem Beschuss in dunklen, feuchtkalten Kellern ausgeharrt. Niemand weiß bis heute, wie viele Zivilisten dort gestorben sind. Die Schätzungen gehen von Zehntausenden aus. Das Ausmaß der humanitären Katastrophe wird nur langsam sichtbar, die Informationen dringen nur anonym – sonst wäre der Informant gefährdet – und tropfenweise nach außen. Die russischen Besatzer sind nicht daran interessiert, der ganzen Welt zu zeigen, was sie dort angerichtet haben.

Überall herrsche der Leichengeruch, die Massengräber werden unterspült, es gebe keine funktionierende Kanalisation, man befürchte einen Ausbruch von Seuchen, schreibt ein Stadtrat, der rechtzeitig aus Mariupol geflüchtet ist. Seit vielen Wochen kann man Mariupol jedoch nicht mehr verlassen. Wenn überhaupt, dann nur in Richtung Russland, wo man nach einem Filtrationslager in eine ferne russische Provinz deportiert werden kann, was bereits vielen Müttern und Kindern passiert ist. Ein weiteres Verbrechen, das bisher unbestraft geblieben ist.

Es ist wichtig, dass die Welt lernt, wie man die Gräueltaten eines verbrecherischen Regimes verhindern kann. Das kann man nur erreichen, wenn man einen Aggressor gemeinsam besiegt, aber nicht, wenn man ihm auf Kosten des Opfers Zugeständnisse anbietet. Die Geschichte hat diese Kurzsichtigkeit oft bestraft, und die Osteuropäer können viel darüber erzählen. Es ist höchste Zeit, ihnen besser zuzuhören.

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