Twitter

Twitter und Kulturkampf - Ist der Vogel frei?

Elon Musik will Twitter finanziell sanieren und mit dieser Plattform einen Ort zu schaffen, der Nachrichtenagenturen ersetzt und Nachrichten selbst erzeugt. Wird ihm das gelingen?
Twitter
Foto: Jeff Chiu (AP) | Sollte Elon Musk der Umabu von Twitter gelingen, ist es möglich, dass diese Plattform zwar kein Ende des Kulturkampfes einläutet, aber eine neue Phase.

Was denkt ihr über den Kulturkampf?“ fragte der neue Chefzwitscherer vor einigen Tagen seine Followergemeinde bei Twitter. Die weit über 100 000 Antworten offenbaren vor allem eines: Ein Kulturkampf existiert und steht in voller Blüte. Bei all den hitzigen und selten höflich geführten Diskussionen auf der Plattform ist es nicht immer leicht auszumachen, was persönliche kleine Kreuzzüge aggressiver Nutzer oder Trolls sind, und wo tatsächlich um die grundlegende Frage gerungen wird, was die Grundlage unserer Kultur ist und sein soll.

Twitter: Beschäftigung für einen gelangweilten Superreichen?

Doch welche Rolle kann Twitter in diesem Kulturkampf spielen? Die Plattform war in den letzten Jahren dafür bekannt, politisch inkorrekte Meinungen bei passendem Anlass zu blockieren, oder zumindest deren Sichtbarkeit per Algorithmus zu reduzieren. Einige Mitarbeiter der im Vergleich zu Facebook zwar kleinen, aber politisch und journalistisch vielleicht einflussreichsten Plattform sahen ihren Auftrag in der Bewachung der virtuellen Sphäre vor potenziell beleidigenden Inhalten. Als der Tesla-Mann die Firma übernahm, fielen ihm bedruckte T-Shirts mit dem aussagekräftigen Slogan „Stay woke“ in die Hände.

Lesen Sie auch:

Man mag von Elon Musk halten, was man will – ohne Frage ist er niemand, der sich als moralische Vorbildfigur eignet. Der mehrfach geschiedene Mann und zehnfache Vater profitierte selbst von künstlicher Befruchtung und Leihmutterschaft, eignet sich also wohl kaum als das Gesicht einer konservativen Wende. Und hin und wieder lässt sich der Eindruck nicht verdrängen, dass die ganze Übernahme Twitters eine unterhaltsame Zusatzbeschäftigung für einen ohne Frage hochintelligenten, aber etwas gelangweilten Superreichen ist: „I did it 4 the lulz“. Er ist sich jedoch ohne Zweifel des Einflusses bewusst, den er für 44 Milliarden Dollar erworben hat – und nutzt diesen.

Ziel: Breite Meinungsvielfalt

Sein primärer Anspruch bleibt der eines visionären Geschäftsmannes: Die unrentable Plattform finanziell zu sanieren und mit Twitter einen Ort zu schaffen, der Nachrichtenagenturen ersetzt und nicht nur der erste Ort für aktuelle, ungefilterte Informationen ist, sondern auch ein Ort, der selbst Nachrichten erzeugt.

Das wirklich Interessante an dem Musk-Twitter-Experiment ist jedoch, dass hier ein Ingenieur eine hochpolitisierte Meinungsplattform übernimmt mit dem von ihm selbst formulierten Ziel, Twitter zu einem „trusted digital town square“ zu machen, „auf dem eine große Bandbreite an Meinungen toleriert werden, solange die Leute nicht das Gesetz brechen oder spammen.“

Neue Phase mit Entertainment durch Wörter

Ein Experiment der freien Rede. Amerikanische wie deutsche Medien haben bereits die scheinbare Naivität, die hinter diesem Anspruch steckt, rauf und runter kritisiert und das Ende der Vogelplattform vorausgesagt. Sollte ihm dieser Umbau jedoch gelingen, ist es möglich, dass Twitter zwar kein Ende des Kulturkampfes einläutet, aber eine neue Phase. Eine zurückhaltend moderierte Plattform des schmerzhalft freien Meinungsaustauschs für Nutzer guten Willens. Eine Plattform der globalisierten Demokratie und des Entertainments durch Wörter.

Dass wie jede demokratische Gesellschaft auch eine solche Plattform vor den Gefahren der Demagogie, des Populismus, der Beleidigungen, der verfälschenden Vereinfachung, der Lügen oder der Angstmache stetig bedroht ist und schließlich die simple Tatsache bestehen bleibt, dass Mehrheit nichts mit Wahrheit zu tun hat, sind Herausforderungen, die durch keinen noch so perfekten Algorithmus zu lösen sind. Elon Musk will bis 2029 auf den Mars fliegen. Wem das gelingt, der schafft es vielleicht sogar, aus Twitter eine Plattform gelungenen politischen Diskurses zu machen. Wir werden sehen. Bis dahin: „Stay at work!”

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Reinhild Rössler Elon Musk Leihmutterschaft Zeitenwende

Weitere Artikel

Er wolle seine eigene Plattform „TRUTH Social“ nutzen, so der Ex-Präsident. Konkurrenz sieht er in Twitter nicht.
26.04.2022, 17 Uhr
Maximilian Lutz
Machtmensch oder Visionär. Der Milliardär Elon Musk kauft Twitter und geht dabei zahlreiche Risiken ein. Auch für Twitter ist das nicht ohne Risiko.
26.04.2022, 16 Uhr
Peter Winnemöller
Die Zahlen zeigen: Schönheit kommt heute von Nadel und Skalpell. Wie wir verlernen, was schön ist.
28.01.2023, 07 Uhr
Sally-Jo Durney

Kirche

Kirchenführung durch Interviews wahrzunehmen, halte er für äußerst fragwürdig, so der DBK-Vorsitzende. Am „Synodalen Ausschuss“ will er weiter festhalten.
27.01.2023, 15 Uhr
In der EU zeigt sich ein besorgniserregender Trend: Religionsfreiheit wird mehr und mehr auf Gewissens- und Meinungsfreiheit reduziert.
28.01.2023, 11 Uhr
Stephan Baier