Südsudan: Land voller Not

Mit seiner Reise in den Südsudan lenkt Papst Franziskus den Blick der Weltöffentlichkeit auf einen komplexen Krisenherd.
Papst mit dem Präsidenten des Südsudan, Salva Kiir Mayardit
Foto: imago-images.de | Hier kann der Heilige Vater anknüpfen: Der Papst traf im Jahr 2019 mit dem Präsidenten des Südsudan, Salva Kiir Mayardit, im Rahmen von sogenannten Besinnungstagen im Vatikan zusammen.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Eigentlich hätte die 37. Apostolische Auslandsreise von Papst Franziskus vom 2. bis 7. Juli letzten Jahres in die Demokratische Republik Kongo und den Südsudan führen sollen. Sie musste wegen Knieproblemen des 85-jährigen Heiligen Vaters auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Nun holt Papst Franziskus vom 31. Januar bis 5. Februar seine Afrikareise nach. Franziskus wirbt seit Langem um eine Friedenslösung im Südsudan. Zuletzt hatte er am 11. Dezember die Kriegsparteien zu einer nationalen Versöhnung und zur Rücksichtnahme auf die Zivilbevölkerung aufgerufen.

Franziskus' „Ökumenische Pilgerfahrt für den Frieden“

Vor allem der dreitägige Besuch im Südsudan steht im Vatikan unter dem Vorzeichen einer „Ökumenischen Pilgerfahrt für den Frieden“. Gemeinsam mit Anglikanerprimas Justin Welby und dem Moderator der presbyterianischen Kirche Schottlands, Iain Greenshields, soll Franziskus am 4. Februar in Juba mit südsudanesischen Binnenflüchtlingen zusammentreffen sowie abends ein ökumenisches Gebet halten.

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Die Pastoralreise in die Demokratische Republik Kongo und den Südsudan wird sein dritter Besuch in Afrika südlich der Sahara und der erste päpstliche Besuch im Südsudan überhaupt sein. Über 60 Prozent der mehr als elf Millionen Einwohner des Südsudan sind Christen. Die meisten von ihnen gehören der anglikanischen und der römisch-katholischen Kirche an.

Treffen auch mit Vizepräsidenten geplant

In der südsudanesischen Hauptstadt sind auch Begegnungen des Papstes mit Staatsoberhaupt Salva Kiir Mayardit und Vizepräsident Riek Machar geplant. Auffallend ist allerdings, dass Franziskus und gegebenenfalls die beiden Kirchenführer aus Großbritannien, die ihn im Südsudan begleiten, nicht nur beim Präsidenten, sondern auch bei den Vizepräsidenten einen eigenen Termin haben. Einer dieser Vizepräsidenten ist Riek Machar, der hauptsächliche Bürgerkriegs-Gegner von Präsident Salva Kiir.

Die beiden politischen Rivalen waren 2019 zu sogenannten Besinnungstagen in den Vatikan eingeladen worden. In einer spektakulären Geste beim Abschluss des Treffens kniete der Papst vor den Politikern nieder und küsste ihnen die Füße, um sie zum Friedensschluss für ihr Volk aufzufordern. Eine überraschende und bewegende Geste.

Katholiken freuen sich auf Papst Franziskus

Bei den Katholiken im Südsudan hat die Ankündigung der Reise von Papst Franziskus „große Freude“ ausgelöst. Das erklärte die portugiesische Missionarin Beta Almendra gegenüber dem internationalen katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“. Die Ordensschwester ist in Wau tätig, der zweitgrößten Stadt des Landes. Der Papstbesuch sei auch deshalb wichtig, um die internationale Aufmerksamkeit auf den Südsudan zu richten. Ein wichtiger Aspekt.

Nach Auskunft von Stefanie Frels, Afrika-Länderreferentin im Kindermissionswerk „Die Sternsinger“, fühlen sich die Menschen im Südsudan von der Weltöffentlichkeit im Stich gelassen: „Die meisten Menschen wissen überhaupt nicht, was die Weltöffentlichkeit über den Südsudan denkt. Diejenigen, die allerdings über ihren regionalen Kosmos hinaus informiert sind, beklagen sehr wohl das offensichtliche Desinteresse. Sie wissen um die Bedeutung ihres Landes aufgrund der reichen Rohstoffvorkommen, vor allem von Erdöl. Sie kritisieren, dass diese Bodenschätze mehr wert sein sollen als die Menschen im Südsudan selbst.“

Mord und Gewalt klingen nicht ab

Wenige Wochen vor der geplanten Reise des Papstes zeichnet der vatikanische Missions-Nachrichtendienst Fides ein ernstes Bild von der Lage im Südsudan. Die Rede ist von 166 Toten und bis zu 50 000 Vertriebenen, seit im August die Kämpfe zwischen rivalisierenden Milizen wieder aufgeflammt sind.

Ausführlich zitiert Fides einen Friedensaufruf des Bischofs von Malakal, Stephen Nyodho. Er erinnerte jüngst in einer Radioansprache an die Kämpfer der verfeindeten Milizen daran, dass sie noch vor einigen Jahren mit vereinten Kräften für die Befreiung ihres Landes vom Nachbarland Sudan kämpften. Nyodho appellierte an die kämpfenden Gruppen, die Kampfhandlungen einzustellen. „Ihr seid alle Brüder und Schwestern“, heißt es in seinem Aufruf.

Hoffenung auf Freiden wurde nicht erfüllt

In dem zentral-ostafrikanischen Land gibt es jedoch keine Anzeichen für ein Abklingen von Mord und Gewalt. Am 9. Juli 2011 wurde der Südsudan als 54. Staat Afrikas unabhängig. Bereits am 14. Juli wurde das Land als 193. Staat in die Vereinten Nationen aufgenommen. Zuvor hatten sich in einem Referendum am 9. Januar 2011 98,8 Prozent der Südsudanesen für ihre Unabhängigkeit vom Sudan entschieden, in dem dreißig Jahre lang der Islam faktisch Staatsreligion war und strenge Blasphemiegesetze vor allem Christen unterdrückten. Die Hoffnungen auf Frieden, die mit der Verkündung der Unabhängigkeit verbunden wurden, haben sich indes nicht erfüllt.

2013 führte ein Konflikt zwischen Präsident Salva Kiir und Vizepräsident Riek Machar zu einem blutigen Bürgerkrieg, der bis 2015 andauerte. Nach Ausbruch neuer Kämpfe im Sommer 2016 unterzeichneten die Konfliktparteien 2018 ein erneuertes Friedensabkommen. Im Februar 2020 erfolgte die Bildung einer Übergangsregierung der nationalen Einheit. Salva Kiir ist weiterhin Präsident und Riek Machar der erste von fünf Vizepräsidenten. Wichtigste Aufgabe ist die Umsetzung des Friedensabkommens. Im Sommer 2022 wurde der Übergangsprozess um zwei Jahre verlängert. Wahlen sind jetzt im Dezember 2024 vorgesehen.

Immer wieder brechen Konflikte auf

Dennoch bleibt die Lage weiterhin instabil. Das Waffenstillstandsabkommen hält auf nationaler Ebene. Doch neben noch ungeklärten Grenzfragen mit dem Sudan, bei denen es um Öl geht, brechen immer wieder Konflikte zwischen verschiedenen Volksgruppen auf.

Seit dem Friedensabkommen 2018 wurde es in den Nachrichten nahezu still um den kriegsgeschüttelten Südsudan. Dabei sind Leid, Vertreibung und Hunger bereits seit Jahren ständiger Begleiter im Südsudan. Doch die aktuelle Situation könnte bedrohlicher kaum sein. Über 7,7 Millionen Menschen im Südsudan sind nach Unicef-Angaben von Hunger bedroht – das sind rund zwei Drittel der gesamten Bevölkerung (Stand: November 2022). Manche Regionen stehen kurz vor einer Hungersnot. Papst Franziskus lenkt mit seiner Reise in den Südsudan auch den Blick auf eine kaum wahrgenommene humanitäre Katastrophe.

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