Durban

Südafrikas Kirche warnt vor neuer Gewalt

Die Unruhen in Südafrika haben gezeigt: Auch 30 Jahre nach dem Ende der Apartheid sucht das Land noch seinen Weg.
Proteste in Südafrika gegen Haftstrafe von Ex-Präsident Zuma
Foto: Dino Lloyd (AP) | Plünderungen und Unruhen erschütterten Mitte Juli Südafrika. Hier wärmen sich Soldaten in der Stadt Alexandra an einem Feuer die Hände.

Die Kämpfe sind vorbei, die Plünderungen eingedämmt und die Brände gelöscht, doch auch gut zwei Wochen nach den Unruhen in mehreren Städten befindet sich Südafrika, das mit großem Abstand wirtschaftsstärkste und politisch einflussreichste Land des südlichen Afrikas, weiter im Schockzustand. Wie konnte es zu den Ausschreitungen kommen, bei denen mehr als 200 Menschen getötet wurden?

Besonders hart hatte es die Wirtschaftsmetropole Durban am Indischen Ozean getroffen. Viele Menschen wurden bei Plünderungen im Gedränge erdrückt, einige kamen zu Tode, als Einrichtungsgegenstände über ihnen zusammenstürzten, andere wurden erschossen – ob von der Polizei oder Gangstern, ist oft nicht klar. Das Chaos kannte keine Grenzen.

Orientierungslosigkeit kennzeichnet seitdem auch Südafrikas Regierung unter Präsident Cyril Ramaphosa. Jedenfalls hat man von ihr bisher nicht viel mehr gehört als die Ankündigung, auf öffentliche Gewaltausbrüche künftig mit härterem Vorgehen der Sicherheitskräfte zu reagieren – was eher Eskalation als Deeskalation fördern dürfte, denn die Gewalt kann jederzeit wieder ausbrechen. Die neuerlichen Unruhen machen deutlich: Südafrika ist rund 30 Jahre nach dem Ende der Apartheid weiterhin ein Land, das seinen Weg sucht in eine Zukunft, die für alle Teile seiner multikulturellen Gesellschaft mehr zu bieten hat als Unterdrückung und Ausgrenzung, wie sie vom früheren Regime der weißen Minderheit ausgingen.

Der ANC hat keinen inneren Frieden gestiftet

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Fakt ist: Die neuen Machthaber unter Führung des ANC, der Regierungspartei, haben sich während der vergangenen drei Jahrzehnte als unfähig erwiesen, inneren Frieden und Wohlstand herzustellen – die zentralen Verheißungen, mit denen sie 1994 erstmals angetreten waren.

Auch wenn manches dafür spricht, dass die meisten Demonstranten jetzt auf die Straße gegangen waren, um als Anhänger Jacob Zumas gegen die (rechtmäßige, Anfang Juli vollzogene) Inhaftierung des früheren Präsidenten zu protestieren (er stammt aus KwaZulu-Natal, der Region um Durban), boten die Unruhen auch ein Ventil, das genutzt wurde, um Dampf abzulassen: Seit Jahren wächst in Südafrika die Unzufriedenheit mit der Regierung, dem in Korruption und Vetternwirtschaft verstrickten ANC und dem intransparenten System aus regierungsnahen Verbänden und Institutionen.

Zwar hat Präsident Ramaphosa Reformen versprochen, doch wirklich innovative Strukturen wurden bislang nicht geschaffen. Hinzu kommen die Einschränkungen durch die Pandemie, von denen die breite Masse der unter Mangel und Armut leidenden Südafrikaner in besonderer Weise betroffen ist. Viele suchen in dieser Situation Zuflucht in den (zahlreichen) Religionsgemeinschaften und Kirchen des Landes. Zu den glaubwürdigsten und aktivsten gehört die katholische Kirche Südafrikas, die immer wieder zu drängenden gesellschaftlichen Fragen Stellung bezieht. Schon den Weg aus der Apartheid vor rund 30 Jahren hatte sie aktiv begleitet und gefördert. Wie kaum eine andere Einrichtung steht der Katholizismus in Südafrika für das kulturübergreifende Gesellschaftsmodell der so genannten „Regenbogen-Nation“.

"Covid der Seelen"

So bezeichnete der emeritierte Erzbischof von Durban, Kardinal Wilfried Fox Napier, die aufgestaute Wut hinter den jüngsten Plünderungen im Gespräch mit Radio Vatikan als „COVID der Seelen“. Der Traum von einem friedlichen Südafrika sei nicht vergessen, doch er „wurde überlagert von selbstsüchtigen Interessen von Individuen und Kleingruppen, besonders in der Regierungspartei, dem African National Congress. Eine kleine Zahl von Leuten stellen ihre Privatinteressen über die Interessen des Landes. Sie sind bereit, die Zukunft des Landes zu opfern, um an der Macht zu bleiben. Sie schauen nicht auf das Volk, dem sie dienen sollen, sondern sie schauen auf ihre Eigeninteressen.“

Das sei die größte Tragödie in der jetzigen Lage Südafrikas, so der Kardinal. Er glaubt aber auch, dass die Ausschreitungen und die Gewalt zu einem Neuanfang werden könnten. Mehr Leute würden nun aufstehen und sagen, sie wollen nicht länger eine solche Regierung an der Macht haben. Ähnlich sieht es der frühere Sprecher des Zusammenschlusses der Bischofskonferenzen des südlichen Afrikas, IMBISA, der simbabwische Jesuit Oskar Wermter. Er sagt im Interviewbuch „Afrika – der Chancen-Kontinent“ (erschienen beim katholischen Hilfswerk Kirche in Not), Südafrika habe viel Potenzial - für die eigene Entwicklung und darüber hinaus auch als Motor für andere Länder Afrikas.

Doch das Land am Kap sei zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Die Regierungspartei ANC sei „ähnlich gestrickt“ wie die ebenfalls extrem autoritär herrschende ZANU-PF im Nachbarland Simbabwe. Beide basierten auf einer Geschichte des gewaltsamen Widerstandes und bauten bis heute auf einer „Kultur der Gewalt“, die Fortschritt und Entwicklung im Sinne des Gemeinwohls blockiere.

Viel hänge davon ab, ob eine neue Generation von Politikern die Macht übernehmen könnte. Männer und Frauen, die Entscheidungen jenseits von Partikularinteressen fällten und sich an einer solidarischen Gesellschaft orientierten.

Ärger über einen Staat, der kein Gemeinwohl kennt

Tatsächlich fielen vor allem in Zumas Amtszeit von 2009 bis 2018 ein in Südafrika bis dato ungeahntes Ausmaß an Misswirtschaft, Korruption, Behördenversagen und Klientelwirtschaft. Seitdem macht die Formulierung vom „state capture" die Runde – die Übernahme des gesamten Landes durch einen gierigen, das Gemeinwohl außer Acht lassenden Staat zugunsten der Interessen der Mächtigen und ihrer Günstlinge. „Neun verlorene Jahre“, nennt der heutige Präsident Ramaphosa diese Zeit.

Er hatte seinen Vorgänger Zuma nach einer längeren Auseinandersetzung vom Thron gestoßen. Doch auch Ramaphosa hat einen wirklichen Neustart bisher nicht zustande gebracht.

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