Düsseldorf

Streit um Geld für den Kirchentag

In Düsseldorf gibt es Widerstand gegen Zuschüsse der Kommune für den Evangelischen Kirchentag, der 2027 in der NRW-Landeshauptstadt stattfinden soll. Dabei geht es auch um die Frage: Welche Bedeutung spielen die Kirchen überhaupt noch in der Gesellschaft?
Kritik am Evangelischen Kirchentag
Foto: IMAGO/Michael Gstettenbauer (www.imago-images.de) | Die Initiative Düsseldorfer Aufklärungsdienst sammelt nun Unterschriften für ein Bürgerbegehren gegen diese Zuschüsse.

Nicht zum ersten Mal gibt es Streit über die Finanzierung von Katholiken- und Kirchentagen. Aktuell steht der Evangelische Kirchentag in Düsseldorf in der Diskussion, der 2027 in der rheinischen Metropole stattfinden soll. Zuletzt hatte der Rat der Stadt beschlossen, das Christentreffen mit mindestens 5,8 Millionen Euro zu unterstützen. Dagegen wendet sich die Initiative Düsseldorfer Aufklärungsdienst (DA), eine von über 60 Regional- und Hochschulgruppen der Giordano-Bruno-Stiftung. Sie tritt nach eigenen Angaben für eine aufgeklärte und humanistisch orientierte Gesellschaft ein. Die Gruppierung will nicht den Kirchentag als solchen verhindern. Sie wendet sich gegen die Finanzierung aus öffentlichen Mitteln. „Von mir aus können die Kirchen ständig ihre Kirchentage abhalten, sie sollen sie nur selbst bezahlen“, erläutert DA-Vorstand Ricarda Hinz im Gespräch mit dieser Zeitung.

Im Widerspruch zur weltanschaulichen Entwicklung der Stadtgesellschaft

Das Prinzip der öffentlichen Finanzierung widerspreche der weltanschaulichen Entwicklung der Stadtgesellschaft. Nur noch 15 Prozent der Düsseldorferinnen und Düsseldorfer seien protestantische Kirchenmitglieder. Man gehe davon aus, dass diese Zahl im Jahre 2027 noch einmal deutlich geringer sein werde. Der Rat der Stadt Düsseldorf habe das Thema in der Sommerpause mal eben durchwinken wollen. Die Proteste der Initiative hätten dafür gesorgt, dass man eine kontroverse Debatte geführt habe, die nach dem Ratsbeschluss weitergehe. Der DA hat ein Bürgerbegehren ins Leben gerufen. Hierzu ist es in einem ersten Schritt erforderlich, dass 15.000 Unterschriften von Bürgern, die auch bei der Kommunalwahl wahlberechtigt wären, gegen die Finanzierung des Kirchentages gesammelt werden. Sollte man dieses Quorum erreichen, besteht die Möglichkeit, den Beschluss mit einem so genannten Bürgerentscheid zu stoppen.

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Der Streit um die Finanzierung großer Christentreffen ist nicht neu. Im Vorfeld des Katholikentages in Münster 2018 sprach sich der Rat der Stadt, anders als zuvor üblich, nach heftiger Kontroverse gegen einen städtischen Barzuschuss aus und entschied sich stattdessen dafür, den Katholikentag nur mit Sachleistungen zu unterstützen. Initiativen wie dem Düsseldorfer Aufklärungsdienst ist aber selbst das zu viel. „Die Unterstützungsleistungen durch öffentliche Kassen stehen im Widerspruch zu unserer Verfassung, die eine klare Trennung von Staat und Kirche definiert“, erläutert Hinz. Der Staat sei zur Neutralität verpflichtet und dürfe sich daher nicht mit einer Religion gemein machen und diese „über alle Maßen“ fördern. Das sei auch ungerecht gegenüber anderen Weltanschauungen, die seitens des Staates eine solche Förderungen nicht erfahren würden. „Die Mehrheit der Bevölkerung ist nicht mehr religiös und die Menschen verlassen die antiken Religionen“, ergänzt Hinz. Es könne nicht sein, dass der Staat die Steuergelder aller Bürger in solche Veranstaltungen fließen lasse. Wenn der Staat eine solche „fünftägige Party aus Steuergeldern der Gesamtgesellschaft“ finanziere, müsse dort dann auch „Gesamtgesellschaft“ draufstehen und eben nicht das Label „Kirche“.

Nicht mit der verfassten Kirche gleichzusetzen

„Der Kirchentag ist eine Laienbewegung und nicht mit der verfassten Kirche gleichzusetzen“, betont die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags, Kristin Jahn gegenüber dieser Bewegung. Die Kirchentagsbewegung sei nach dem Zweiten Weltkrieg als Reaktion auf das Versagen der Amtskirchen im Nationalsozialismus entstanden. „Kirchentage werden durch die wichtigsten Partner eingeladen, die Gastgeber für den Kirchentag sind: Stadt, Bundesland und Landeskirche.“ Organisiert werden Kirchentage durch einen gemeinnützigen und unabhängigen Verein, der keine Gewinne erwirtschaftet.

„Kirchentage sind gesellschaftlich relevante und nachhaltig wirksame Großveranstaltungen“, ergänzt Jahn. Gefördert würden sie, weil sie mit ihren Zielen in Bezug auf gesellschaftliche Dialogräume, Inklusion, interkulturellem Austausch, Bildung, Partizipation und Engagementförderung einem breiten öffentlichen Interesse dienten. Die Organisatoren von Kirchen- und Katholikentagen weisen immer wieder darauf hin, dass sie nicht nur ihre Kirchenmitglieder ansprechen, sondern einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs über ethische und politische aktuelle Fragen ermöglichen wollen. „Der Kirchentag bietet rund 2.000 Veranstaltungen in den Bereichen Kultur, Gesellschaftspolitik und Spiritualität. Regionale und überregionale Kulturschaffende finden eine einzigartige Plattform für Ihr Schaffen“, betont Jahn.  Lokale Vereine, Verbände und Institutionen der Zivilgesellschaft würden den Kirchentag in besonderem Maße prägen und bereits in die Planungen aktiv eingebunden. Das Event werde somit zu einem Katalysator für bürgerschaftliches Engagement, zum Beispiel im Bereich des Umweltschutzes, der Nachhaltigkeit, der Barrierefreiheit oder entwicklungspolitischer Bildungsarbeit.

„Viele Veranstaltungen sind während eines Kirchentages öffentlich und frei zugänglich“, ergänzt die Generalsekretärin. „Der gastgebenden Region bietet der Kirchentag die Gelegenheit sich mit ihren touristischen, kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Alleinstellungsmerkmalen zu präsentieren und Gäste aus Deutschland, Europa und der Welt zur Wiederkehr einzuladen“, beschreibt Jahn einen weiteren Nutzen für die Gastgeber.

Diskussionen um die eigene Bedeutung

Wenn man allerdings, wie zuletzt beim Katholikentag in Stuttgart, nur noch 27.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erreicht, von denen viele ehren- oder hauptamtliche Helfer sind, wird der Rechtfertigungsdruck selbstverständlich nicht geringer. Und das in einer Zeit, in der die Kirchen sich ohnehin in einer Krise befinden und sowohl die Kirchensteuer als auch die immer noch gezahlten Staatsleistungen zunehmend umstritten sind.

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Im Hinblick auf die geplante Düsseldorfer Veranstaltung weist der DA darauf hin, dass von den prognostizierten 100.000 Besuchern allein 40.000 ehrenamtliche Helfer seien, die keinen großen wirtschaftlichen Umsatz zur Refinanzierung generieren würden. Andere Veranstaltungen in Düsseldorf wie der Japantag oder der Rosenmontag hätten mit einer Million Besucher an nur einem Tag mehr touristische Effekte bei geringerem Aufwand. Die Kosten für Düsseldorf lägen dort bei 75.000 beziehungsweise 50.000 Euro. „In Zeiten leerer Kassen wird das Geld der Stadt für drängendere und nachhaltigere Ziele benötigt als zur Finanzierung einer immer kleiner werdenden Gruppe“, stellt Hinz fest.

Der Evangelische Kirchentag ist sich solcher Diskussionen um die eigene Bedeutung und die Finanzierung einer solchen Veranstaltung bewusst.  „Wir sind eine sich ständig verändernde Bewegung, die sich aktiv den eigenen Zukunftsfragen stellt. Die sich verändernden wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen spielen dabei nicht nur unter Finanzierungsaspekten eine wesentliche Rolle“, erläutert Kristin Jahn deshalb.  Was der Kirchentag jedoch immer bleiben werde, so zeigt sich die Generalsekretärin überzeugt, sei „ein Fest des Glaubens sowie eine Plattform für Demokratie und bürgerschaftliches Engagement“.

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Heinrich Wullhorst Evangelischer Kirchentag Landeskirchen

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