Spende muss freiwillig sein

Die Organspende in der Diskussion – Ein Gastbeitrag. Von Bischof em. Heinz Josef Algermissen
Bischof Heinz Josef Algermissen
Foto: dpa | Bischof Heinz Josef Algermissen.
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Wer ein Organ spendet, leistet einen Akt der Hilfsbereitschaft und Solidarität. Die Transplantation von Herz, Leber, Niere oder Lunge rettet Leben. Infolgedessen sind nach dem Transplantationsgesetz von 2012 die Krankenkassen verpflichtet, ihre Mitglieder regelmäßig schriftlich über den guten Zweck der Organspende zu informieren und sie aufzufordern, im Organspendeausweis die Entscheidung ihrer Einwilligung oder Ablehnung zu bekunden.

Nun hat Gesundheitsminister Jens Spahn angekündigt, die geltende Regelung der Entscheidungslösung in eine Widerspruchsregelung umwandeln zu wollen. Was ist damit gemeint?

Derzeit gilt, dass eine Organspende nur dann möglich ist, wenn eine explizite Zustimmung des möglichen Spenders vorliegt oder ersatzweise dessen nahe Angehörige eine Zustimmung nach dem vermuteten Willen des Betroffenen geben. Die offensive Aufklärungs- und Aufforderungspolitik hat bisher die Spendenbereitschaft nicht erhöht. Im Vordergrund der aktuellen Debatte steht daher die Forderung des Ministers, aber auch einiger Politiker der CDU, FDP und SPD sowie der Ärzteschaft, die Widerspruchsregelung mit der Folge einzuführen, dass jeder Mensch grundsätzlich als Organspender gilt und seine Organe sozusagen freies Eigentum der Gemeinschaft werden, es sei denn, er hätte dem ausdrücklich widersprochen.

Bei näherer Betrachtung ergeben sich gegenüber einer geplanten Widerspruchslösung indes erhebliche Bedenken. Die deutschen katholischen Bischöfe haben in der Erklärung ihrer Glaubenskommission vom 27.04.2015 „Hirntod und Organspende“ daran erinnert, „dass der in der modernen Medizinethik zu Recht stark betonte Wert der Patientenautonomie und des da-mit verbundenen Selbstbestimmungsrechts des Patienten auch im Fall der postmortalen Spende lebenswichtiger Organe zu berücksichtigen ist. Wie alle anderen medizinischen Interventionen so sollte auch die Explantation von Organen und Geweben an die ausdrückliche Zustimmung des Spenders gebunden werden.“

Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht

Der erwartete Erfolg der Widerspruchsregelung beruht zudem auf der Annahme, dass die Unwissenheit oder die Unfähigkeit zur aktiven Entscheidung ausgenutzt wird, um die Zahl der zur Verfügung stehenden Organe zu erhöhen. Das allerdings unterläuft den Ansatz der Freiwilligkeit der Or-ganspende und stellt damit einen erheblichen Eingriff in das Persönlichkeits- und Selbstbestimmungsrecht dar. Die Annahme eines allgemeinen gesellschaftlichen und staatlichen Verfügungsrechts über den menschlichen Körper, auf die sich eine Widerspruchslösung zwangsläufig berufen muss, ist im Grunde unverantwortlich. Als „Spende“ muss die Organspende vollständig freiwillig sein und auf Dauer bleiben.

Angesichts des in der Politik bereits für den Herbst dieses Jahres angekündigten Gesetzentwurfs bedarf es im Vorfeld dringend einer breiten Aufklärung. Um die Bereitschaft zur Organspende zu erhöhen, muss Vertrauen zurückgewonnen werden, das durch verschiedene Skandale verloren gegangen ist. Und zur Aufklärung gehört gewiss auch, offen darüber zu sprechen, dass die Organspende den Sterbeprozess verändert, was für nicht wenige Menschen mit erheblichen Unsicherheiten und Ängsten einhergeht. Ohne diesen grundsätzlichen und allgemeinen Diskurs wäre eine durchgezogene Widerspruchslösung eine Ungeheuerlichkeit.

Der Autor ist emeritierter Bischof von Fulda.

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