Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Leo im spanischen Parlament

Spaniens Vermächtnis und Verantwortung

Im spanischen Parlament fordert Papst Leo XIV. eine moralische Erneuerung und erinnert an die unantastbare Würde jedes Menschen.
Papst Leo vor den spanischen Volksvertretern in Madrid
Foto: IMAGO/VATICAN MEDIA/CPP (www.imago-images.de) | Viel Applaus erntete Papst Leo vor den spanischen Volksvertretern in Madrid. Ob die Parlamentarier seinen Wegweisungen auch folgen, bleibt jedoch abzuwarten.

Sieben Minuten Applaus nach der Ansprache von Papst Leo XIV. im Abgeordnetenhaus – in einem von Spannungen geprägten Spanien, dessen Regierung sich auf Sozialisten, Kommunisten und regionale Unabhängigkeitsparteien stützt. Das ist eine lange Zeit. Sieben Minuten anhaltender Beifall für Leo XIV. machen seine Anwesenheit in der gemeinsamen Sitzung der gesetzgebenden Kammern – des Abgeordnetenhauses und des Senats, also jener Institutionen, in denen „das gesellschaftliche Zusammenleben seine rechtliche Gestalt annimmt“ – zu einem Ereignis von geschichtlichem Rang. Seine lange und gehaltvolle Rede knüpfte an die Ansprache Papst Benedikts XVI. vor dem Deutschen Bundestag im September 2011 an und war erkennbar darauf angelegt, über Spanien hinaus in Europa und der Welt Gehör zu finden.

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Der frühere, sozialistische spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero pflegte den spanischen Bischöfen stets zu sagen, dass „der Glaube keine Gesetze erlässt“. Papst Leo XIV. wollte jeder möglichen Auslegung seiner Worte als Einmischung in einen konfessionslosen, neutralen Staat zuvorkommen. Deshalb stellte er klar, dass die Kirche, „wenn sie sich an das öffentliche Leben wendet, die Eigenständigkeit der Institutionen und die rechtmäßige Verantwortung derer respektiert, die den Auftrag zur Gesetzgebung erhalten haben“. Die Kirche, die „in der Menschheit verwurzelt“ und „gemeinsam mit der Menschheit unterwegs“ ist – so betonte Leo XIV. während seiner Reise mehrfach – nimmt in pluralistischen Gesellschaften eine besondere moralische Stellung ein.

Nicht lange dauerte es, bis der Papst die Leitfrage formulierte, die seiner Rede ihren inneren Aufbau gab: „Deshalb steht jede gesetzgeberische Tätigkeit, jenseits der legitimen Meinungsvielfalt, letztlich vor einer entscheidenden Frage: Welches Menschenbild steht hinter den Gesetzen, und welche Art von Gesellschaft entsteht durch diese Gesetze?“

Geschichte als Ausgangspunkt

Bevor Papst Leo XIV. in die Vernunft der Geschichte eintauchte, aus der heraus die moralische Weisheit der Kirche verständlich wird, verwies er auf die vorpolitischen Grundlagen des Rechtsstaates. Damit wurde seine Rede zu einem grundlegenden Vorschlag: moralische Vernunft als Fundament politischer Vernunft.

Der Papst hob hervor: „Dies ist eines der großen Vermächtnisse Spaniens: das historische Handeln mit der Klarheit der ethischen Vernunft verbunden zu haben.“ Zum Ende hin, sozusagen als verdichtete Zusammenfassung, bekräftigte er: „Weitblick bedeutet gerade, genauer hinzuschauen, worum es bei jeder öffentlichen Entscheidung geht. Deshalb braucht es neben fachlichen Lösungen und Gesetzesreformen auch eine moralische Erneuerung.“ Und er erinnerte daran: „Ein Gesetz erreicht seine wahre Bedeutung nicht allein dadurch, dass es formell verabschiedet wurde; es erreicht sie erst dann, wenn es nicht nur formal gültig ist, sondern auch vor der Würde des Menschen bestehen kann und aus dieser Prüfung ohne Beschämung wieder herauskommt“.

In den wichtigsten Reden von Leo XIV. während der Apostolischen Reise nach Spanien war der Ausgangspunkt stets die Geschichte. In dieser Ansprache verwies er auf die Katholischen Könige Isabella und Ferdinand, auf die Heilige Teresa von Ávila, auf Don Quijote und sogar auf Miguel de Unamuno. Einen besonderen Schwerpunkt aber setzte er auf die Schule von Salamanca, die „dazu beitrug, ein rechtliches und moralisches Bewusstsein zu formen, das daran erinnert, dass Autorität stets mit Verantwortung einhergeht und dass jeder Mensch als Träger von Rechten und Pflichten anerkannt werden muss“.

Die Prioritäten einer moralischen und politischen Kultur

In Salamanca, am Ufer des Tormes, hätten vor 500 Jahren, als Spanien sich neuen Welten und neuen Völkern öffnete, „einige Gelehrte (erkannt), dass man sich nicht auf die Vernunft berufen konnte, um all das zu legitimieren, was Macht oder Eigeninteresse zweckdienlich erschien. So führten sie in die geschichtliche Unterscheidung die Frage nach dem unantastbaren Wert jedes Menschen und den ethischen Grenzen der Macht ein.“
Nach dieser geschichtlichen Vergewisserung erreichte die Rede ihren zentralen Punkt, die vorpolitische Begründung des Gemeinwesens: „Jede wahrhaft gerechte Gesellschaft gründet auf der Anerkennung der unantastbaren Würde des Menschen. Diese Würde geht jeder Zuerkennung vonseiten des Staates voraus und darf nicht wechselhaften gesellschaftlichen Konsensen oder den momentanen Mehrheitsmeinungen untergeordnet werden. Sie steht jedem Menschen allein aufgrund seiner Existenz zu und muss daher jede positive Rechtsordnung prägen.“

Von hier aus, während der Blick des gesamten Plenarsaals auf den Nachfolger Petri gerichtet war, entfaltete Leo XIV. die Prioritäten einer moralischen und politischen Kultur, die aus der Würde des Menschen hervorgeht. Wie nicht anders zu erwarten, stand am Anfang das Leben. „Die Verteidigung des menschlichen Lebens“, erklärte der Papst, „ist weder eine Partei- noch eine konfessionelle Angelegenheit: Sie ist ein zivilisatorisches Ziel.“ Unmittelbar danach fügte er hinzu: „Jedes menschliche Leben muss von seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Lebensende, unter allen Umständen seiner Existenz, anerkannt und geschützt werden. (…) Deshalb zeigt sich die moralische Größe einer Nation vor allem in ihrer Fähigkeit, jene Leben zu begleiten, zu schützen und zu lieben, die sich in einer besonders fragilen Lage befinden.“

Vom Leben führte die Rede zur Familie, „Gegebenheit und natürlichen Grundlage der Gemeinschaft. (…) Wo die Familie unterstützt wird, wird auch die geistige und soziale Stabilität der Nationen gestärkt“. Ebenso sprach Leo XIV. über Erziehung und über die Freiheit der Eltern, das Erziehungsmodell für ihre Kinder entsprechend ihren Überzeugungen wählen zu können.

Die religiöse Dimension des Menschen

Weil der Vorschlag der Kirche zur Würde des Menschen ganzheitlich ist, darf diese Würde, so der Papst, „nicht abstrakt bleiben“. In diesem Zusammenhang wandte er sich der Situation von Migranten und Flüchtlingen zu, die „eine Antwort erfordert, die den Menschen in den Blick nimmt, die die Ursachen ihres Weggangs angeht und über die bloße Steuerung von Migrationsströmen hinausgeht“.

Papst Leo XIV. skizzierte eine Perspektive, die nicht nur für Spanien, sondern für Europa und die Welt bestimmt ist. Die internationale Gemeinschaft sei heute herausgefordert, „den unschätzbaren Wert des Dialogs als geduldigen Weg zu gerechten und dauerhaften Vereinbarungen wiederzuentdecken, die auf der Einhaltung von Verträgen, der Transparenz diplomatischer Maßnahmen und dem aufrichtigen Willen beruhen, den Frieden der Anwendung von Gewalt vorzuziehen“.

Zur Religionsfreiheit merkte er an: „Die Freiheit, auf der der moderne Staat aufgebaut ist, erkennt – sofern sie authentisch ist – die religiöse Dimension des Menschen an, achtet sie und schützt sie rechtlich; und sie verhindert, dass jemand aufgrund seines Glaubens darauf verzichten muss, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, in der er lebt.“ Die legitime Autonomie der zeitlichen Ordnung dürfe, so betonte der Papst, „niemals als Feindseligkeit gegenüber dem Religiösen ausgelegt werden. Der Glaube beansprucht nicht, sich durch Privilegien oder Zwang durchzusetzen; er darf jedoch auch nicht zum Schweigen gebracht werden, so als sei er für das öffentliche Leben irrelevant“.

Papst Leo XIV. wollte seinen Zuhörern nicht nach dem Mund reden – und man darf hoffen, dass sie das Gehörte tatsächlich verinnerlichen. Die Welt, so erklärte er, „befindet sich in einer tiefen geistigen und kulturellen Krise“. Sanft in der Form und entschieden im Inhalt kann sein Vorschlag nur als Realismus der Wahrheit des Evangeliums verstanden werden.


Der Autor ist Professor für Journalismus an der Universität CEU San Pablo in Madrid.
Aus dem Spanischen von José García.

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José Francisco Serrano Oceja Leo XIV.

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