Politik

Schmerz, Trauer, Freude

Niedergang und Aufbruch: Das Jahr 1978 geht als Wendemarke in die Geschichte der Kirche ein. Von Ulrich Nersinger
Beerdigung Päpste
Foto: dpa | Beerdigung Päpste

Die wenigen Pilger, die sich Anfang August des Jahres 1978 zu der Generalaudienz des Papstes in dessen Sommerresidenz Castel Gandolfo eingefunden hatten, sind überrascht. Erfreut stellen sie fest, dass sie Plätze nicht allzu weit vom päpstlichen Thron erhalten haben. Sie wissen nicht, warum sie in den Genuss dieses Privilegs gekommen sind. Doch je mehr der Augenblick der Begegnung mit Paul VI. naht, wird der kleinen Schar der Gläubigen bewusst, dass sie heute die einzigen sind, die den Heiligen Vater treffen werden.

Das Pontifikat des großen Konzilspapstes hat an Faszination und Anziehungskraft verloren. Müde geworden ist auch der Pontifex selber. Er spürt in diesen Tagen, dass sich sein irdisches Leben dem Ende zuneigt. Seiner unmittelbaren Umgebung erscheint er geschwächt, blasser und erschöpfter denn je zuvor. Der Papst hat sich vor seiner Fahrt in die Albaner Berge in der Ewigen Stadt von Erzbischof Giuseppe Caprio, dem Substituten im Päpstlichen Staatssekretariat, mit den Worten verabschiedet: „Wir reisen ab, aber Wir wissen nicht, ob Wir zurückkehren und wie Wir zurückkehren.“

Paul VI. hat in den vergangenen Jahren schmerzliche Erfahrungen machen müssen. Die von ihm vorgeschlagenen Wege des Konzils sieht er als verlassen an und er klagt darüber, dass „durch irgendeinen Spalt der Rauch Satans in den Tempel Gottes eingedrungen ist“. Der Kirche droht ein Schisma, Dokumente tauchen auf, die hohe Kirchenmänner als Mitglieder der berüchtigten Geheimloge P2 bezeichnen, der IOR, das Bankinstitut des Vatikans, wird in einen Finanz-Crash hineingezogen und Aldo Moro, der ehemalige Ministerpräsident Italiens und ein enger Freund des Papstes, wird 1978 entführt und ermordet. Am 6. August 1978 gibt Paul VI. seine Seele dem Schöpfer zurück.

Nur wenige Tage nach dem Ableben des Papstes treffen aus aller Welt in Rom die Kardinäle ein, um der Kirche ein neues Oberhaupt zu geben. Einer der Purpurträger, Albino Luciani, der Patriarch von Venedig, erinnert sich in dieser Zeit mit großem Unbehagen an einen Vorfall aus dem Jahre 1972. Damals war Paul VI. in der Lagunenstadt zu Besuch. Auf dem Vorplatz der Markusbasilika hatte der Papst zur Verblüffung aller dem Patriarchen seine Stola um die Schultern gelegt. Luciani errötete und bemerkte entsetzt: „Heiligkeit, was tun Sie da?“ – „Wir wissen genau, was Wir tun“, antwortete ihm Paul VI.

Albino Luciani will aber diese Episode nicht als Vorzeichen annehmen. Nur mit Mühe und Not kommt er mit einem alten Wagen in der Ewigen Stadt an, immer wieder hatte der Motor ausgesetzt. Seinen Sekretär bittet er, auf eine schnelle Reparatur zu drängen: „Mitte nächster Woche werden wir wieder nach Hause fahren können.“

Es kommt anders. Am 26. August tritt der Patriarch von Venedig als Johannes Paul I. erstmals vor die Gläubigen. Sein Lächeln berührt und mit der Art seines Auftretens erobert er die Herzen aller. Während der Zeremonien seines Amtsantrittes, in seinen Ansprachen und bei Generalaudienzen zeigt sich, welch hochgebildeter Katechet und begnadeter Seelenhirte der Kirche geschenkt worden ist. Doch nur 33 Tage nach seiner Wahl wird der italienische Kurienkardinal Sergio Pignedoli gegenüber einem Fernsehsender erklären: „Wir hatten dieses Geschenk Gottes nicht verdient!“

Am 3. September ist das Unfassbare geschehen. Der Papst ist tot. Der Heilige Vater sei bei der Lektüre einer frommen Schrift friedlich entschlafen und von einem seiner Privatsekretäre tot aufgefunden worden, lässt das Presseamt des Heiligen Stuhls verlauten. Doch diese Mitteilungen sind unwahr. Johannes Paul I. verschied beim Aktenstudium, und als erste Person stand dem Verstorbenen eine Ordensschwester gegenüber. Aber dies darf nach vatikanischen Gepflogenheiten nicht sein.

Die Hüter der Etikette ahnen nicht, dass sie mit ihrem fragwürdigen Verhalten einen fruchtbaren Boden für Verschwörungstheorien und einer verheerenden These bereiten. „Sie haben ihn umgebracht“, heißt es in Rom. Der Schriftsteller David Yallop trägt 1984 mit seinem Buch „Im Namen Gottes?“ zur Entstehung einer düsteren Legendenbildung bei, die noch heute nachwirkt. Und Francis Ford Coppola wird den Tod des Papstes in seinen Film „Der Pate III“ zum Thema machen.

Ein zweites Mal müssen die Kardinäle in diesem Jahr zu einem Konklave antreten. Es wird zunächst zur Wahlkampfarena zweier einflussreicher Kardinäle. Auf konservativer Seite tritt Giuseppe Siri, der Erzbischof von Genua, an, auf der progressiven Giovanni Benelli, der Oberhirte von Florenz. Intrige um Intrige wird gesponnen. Dann der Eklat. Ein Interview von Siri, das erst nach dem Einzug ins Konklave erscheinen soll, wird vorzeitig publiziert – und liegt damit allen Purpurträgern vor. Man munkelt, Benelli stecke hinter der bewusst verfrühten Veröffentlichung.

In ihrem Duell blockieren sich Siri und Benelli gegenseitig. Die Lager der beiden Kardinäle verfügen über die fast gleiche Stimmenzahl. Das Amt des Nachfolgers Petri wird so durch (göttliche) Fügung einem anderen Kandidaten zuteil.

Am 16. Oktober tritt der rangälteste Kardinaldiakon auf die Benediktionsloggia von Sankt Peter und verkündet die Wahl eines neuen Papstes. So manchem auf dem Petersplatz und an den Fernsehern verschlägt es die Sprache, als der Kardinalprotodiakon den Taufnamen des neuen Papstes nennt: Carolus, Karl. Die meisten kennen nur einen Karl, Carlo Confalonieri, den über 85-jährigen Dekan des Kardinalskollegiums. Auf dem Platz vor der Basilika des Apostelfürsten herrscht Verwirrung. „O Dio mio, oh, mein Gott sie sind verrückt geworden“, ruft jemand aus der Menge. Doch dann ein Aufatmen. Neuer Bischof von Rom und oberster Hirte der Weltkirche ist der erst 58 Jahre alte Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyla, Johannes Paul II.

Als der frisch gewählte Heilige Vater erstmals auf der Loggia erscheint, sich nicht an das übliche Zeremoniell hält und lange in sehr bewegenden Worten zu den Gläubigen spricht, können aufmerksame Zuhörer über die Mikrophone deutlich eine scharfe Zurechtweisung durch den damaligen päpstlichen Zeremonienmeister vernehmen. Aus dem Munde von Monsignore Virgilio Noe kommt ein sehr bestimmendes „Basta!“. Johannes Paul II. zuckt mit keiner Miene. Er tut nun, was er für richtig hält: Er ignoriert es – und dann sogar ein zweites und drittes Mal.

Einschüchterung und Angst kennt der Papst aus dem Osten Europas nicht. Bei der Messe zur Feier seiner Amtsübernahme hält er den Gläubigen den Kreuzstab Pauls VI. wie ein Banner entgegen und ruft ihnen zu: „Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus! Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme, die weiten Bereiche der Kultur, der Zivilisation und des Fortschritts seiner rettenden Macht! Habt keine Angst! ... Erlaubt Christus, zum Menschen zu sprechen! Nur er hat Worte des Lebens!“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren
Aldo Moro David Yallop Gläubige Jesus Christus Johannes Paul Johannes Paul I. Johannes Paul II. Kardinäle Papstwahlen Pilger Päpste Trauer Verschwörungen

Weitere Artikel

Mit Johannes Paul I. schloss sich am Sonntag die Reihe der Päpste des vergangenen Jahrhunderts, die von Angelo Giuseppe Roncalli bis zu Karol Wojtyla zur Ehre der Altäre gelangten.
08.09.2022, 06 Uhr
Guido Horst

Kirche

Die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen zieht eine positive Bilanz der finanziellen Entschädigung von Missbrauchsbetroffenen. Dabei gibt es eine wichtige Neuerung.
03.02.2023, 15 Uhr
Oliver Gierens
Kurz vor der Ankunft von Papst Franziskus im Südsudan erschüttert ein tödlicher Angriff auf Bauern das Land.
03.02.2023, 13 Uhr
Meldung
Erneut stehen mehrere internationale geistliche Gemeinschaften in Frankreich im Fokus der Missbrauchsaufarbeitung.
03.02.2023, 13 Uhr
Franziska Harter