Es war sein erster öffentlicher Auftritt im neuen Amt: Am Freitag nach Christi Himmelfahrt findet in Weingarten der sogenannte „Blutritt“ statt. Und Manuel Hagel, frischer Innenminister, aber auch Kirchenbeauftragter der neuen Stuttgarter Landesregierung, war mit dabei. Im Mittelpunkt der jahrhundertealten Tradition steht die Heilig-Blut-Reliquie der Barockbasilika St. Martin, die einen Tropfen von Christi Blut enthalten soll.
Jährlich finden sich bis zu 2 000 Reiter und Tausende von Pilgern ein, um an der gut zehn Kilometer langen Prozession teilzunehmen, bei der an fünf Stationen mit der Reliquie das Land gesegnet wird. Dadurch, dass Hagel mitreitet, sendet der Christdemokrat auch ein Signal an seine Anhängerschaft: Junger katholischer Familienvater, der aus seinem Glauben heraus Politik macht – auch in der neuen Funktion bleibt das Profil erhalten. „Es erfüllt mich mit Demut und zugleich mit großem Stolz, Teil dieser jahrhundertealten Tradition sein zu dürfen. Schon in den frühen Morgenstunden in den Sattel zu steigen und gemeinsam mit so vielen Gläubigen diese Prozession zu reiten, ist ein wirklich besonderes Gefühl“, erklärt Hagel zu seiner Teilnahme gegenüber dieser Zeitung.
„Man spürt förmlich, wie sehr der Blutritt die Menschen hier bei uns in der Heimat verbindet. Er ist auch für mich ganz persönlich ein Hochfest des Glaubens und gleichzeitig eine familiäre Tradition: Schon mein Großvater war Blutreiter, ich selbst habe die Prozession bereits als Kind miterlebt. Umso dankbarer bin ich, bereits zum zweiten Mal an diesem besonderen Tag mitreiten zu können. Dass es während der Prozession trocken geblieben ist, auch dafür bin ich dem lieben Gott dankbar“, fügt Hagel lachend hinzu.
„Der Blutritt ist als größte Reiterprozession Europas ein lebendiges Zeugnis unserer Geschichte und unserer kulturellen Identität in Oberschwaben. Seit Jahrhunderten verbindet diese Prozession Glauben, Tradition und gesellschaftlichen Zusammenhalt über Generationen hinweg. Ich empfinde großen Respekt gegenüber all jenen, die dieses wertvolle Erbe bewahrt haben. Ein derart starkes Zeichen für Verantwortung, Gemeinschaft und die verbindende Kraft gemeinsamer Werte ist heute wichtiger denn je“, betont Hagel.
Hagel zählt weiter zur CDU-Personalreserve
Das alles unterstreicht, auch wenn Hagel sein großes Ziel, Ministerpräsident zu werden, nicht erreicht hat, er gehört weiter zur Personalreserve seiner Partei für Führungspositionen. Schon allein deswegen, weil es in den ersten Rängen der Union ja nicht gerade wimmelt vor Politikern – Hagel selbst ist 39 Jahre alt – die Substanzielles zur Bedeutung des „C“ im Namen ihrer Partei sagen können. Gleichzeitig steht er aber damit auch für einen neue Generation der Christdemokraten. In ganz Europa ist zurzeit zu beobachten, dass junge Menschen ein neues Interesse am Glauben entwickeln. Für sie ist dieser in einer Zeit, in der es eben an solchen Orientierungspunkten mangelt, zu einer attraktiven Richtschnur geworden.
Verfügt die deutsche Christdemokratie aber wirklich über Repräsentanten, die diese Klientel ansprechen könnten? Ja, haben die Christdemokraten überhaupt schon diesen Trend bemerkt, geschweige denn, dass sie realisieren, welches Potenzial hier für sie schlummert? Politiker mit einem Profil wie dem von Hagel könnte die Union als Pfund begreifen, mit dem sie hier wuchern kann. In der Jungen Union ist jetzt schon zu beobachten, dass auch dort in viel größerem Maße, als man es in den Jahrzehnten zuvor kannte, einzelne Protagonisten die Bedeutung des Glaubens hervorheben.

Hagel ist aber noch aus einer anderen Perspektive interessant: Er ist Teil einer grün-schwarzen Koalition. Der Anfang der Verhandlungen war für beide Seiten nicht einfach. Die Union war frustriert: Erst die „Rehaugen“-Kampagne gegen ihren Spitzenkandidaten, dann gibt es nach der Wahl zwar eine Gleichheit bei den Sitzen im Parlament, weil die Grünen aber 0,5 Prozent mehr Stimmen bekommen, gelten sie als Sieger. Letztlich haben sich die „Ländle“-Christdemokraten aber für den konstruktiven Weg entschieden und sich auf Verhandlungen eingelassen. Das entspricht auch der Mentalität der Baden-Württemberger: „Schaffe, schaffe, Häusle baue“, lautet hier die Devise. Und so eine Regierungskoalition ist letztlich auch eine Art gemeinsames Haus. Die Schwaben und Badener schätzen jedenfalls, wenn etwas aufgebaut wird. Mit Arbeitsverweigerung haben sie eher ihre Probleme.
Interessant ist dabei, wie die CDU auf die Regierungsbank Einzug genommen hat: Man wolle mit dem grünen Partner gemeinsam eine „moderne bürgerliche Politik“ machen. Besonders aufschlussreich an der Pressemitteilung, die die Landespartei zum Abschluss des Koalitionsvertrages verschickt hat, sind die letzten Sätze: „Beide Parteien haben eine unterschiedliche Geschichte und kulturelle Prägung. Doch diese Verschiedenheit wollen wir in einer Koalition gemeinsam zur Stärke machen.“
Das Bündnis zwischen Schwarzen und Grünen stach schon in der Vergangenheit neben den anderen Koalitionen zwischen den beiden Parteien heraus: Das lag vor allem an Winfried Kretschmann. Der grüne Ministerpräsident hielt die Ideologen in seiner eigenen Partei stärker in Schach, als dies etwa seinem CDU-Amtskollegen Hendrik Wüst in Düsseldorf gelang. Obwohl der als Nicht-Parteifreund ja viel eher als strenger Zuchtmeister gegenüber dem grünen Partner hätte auftreten können.
Stuttgart – ein Modell für den Bund?
Cem Özdemir hat sich im Wahlkampf ganz in die Linie Kretschmanns gestellt. Den schwarzen Koalitionspartner wird er benötigen, um die versprochenen Reformen beim Bürokratieabbau auch in seiner Partei durchzusetzen. Ein wichtiger Mann in der Regierung ist der grüne Finanzminister Danyal Fayaz.
Er könnte einmal, nach Özdemir, Kretschmann III. werden. Gegenüber dem „Spiegel“ betonte er jetzt, ihm sei wichtig, dass die Union sich als Partei der rechten Mitte profilieren könne. Im Moment spekulieren viele, ob Hendrik Wüst neuer Kanzler werden könnte, falls Merz straucheln sollte. Vielleicht sogar mit den Grünen. Gilt dann eher das Stuttgarter Modell oder doch das Düsseldorfer?
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