Politik

Ruhe bewahren

Wenn man Asia Bibi schützen will ist, dann ist es falsch über ihr Versteck zu spekulieren — Die Diplomatie arbeitet im Hintergrund. Von Michaela Koller

Am vorigen Mittwoch ist die vom Vorwurf der Gotteslästerung freigesprochene Christin Asia Bibi aus dem Gefängnis im pakistanischen Multan entlassen worden. Angaben des Außenministeriums in Islamabad zufolge hat sie das Land nicht verlassen und hält sich derzeit an einem unbekannten Ort auf (Siehe dazu auch Seite 8). Da Islamisten in Pakistan pro Hinrichtung protestierten und zum Mord aufriefen, ist Asia Bibi weiter in Gefahr. Pakistanischen Medienberichten zufolge kündigten sie weitere Proteste an, weil die Freilassung gegen ihre Vereinbarung mit der Regierung verstoßen habe. Aus Kreisen von örtlichen Menschenrechtsorganisationen sickerte durch, dass es am Donnerstag voriger Woche erstmals zu einer Begegnung Bibis mit ihrer Familie kam.Inzwischen fragte ihr Ehemann Ashiq Masih in einer Videobotschaft, die sich an die Regierungen in den USA, Kanada und Großbritannien richtete, um Asyl an. Zugleich ließ Verteidiger Saif-ul-Malook in Interviews mit deutschen Medien wissen, dass seine Mandantin an einer Aufnahme in Deutschland interessiert sei. Das Büro des Bundesbeauftragten für weltweite Religionsfreiheit Markus Grübel teilte auf Nachfrage mit: „Sollte ein Aufenthaltsersuchen Asia Bibis und ihrer Familie in Deutschland eingehen, würde die Bundesregierung dieses selbstverständlich prüfen.“ Weiter hieß es in der Antwort, dass die Bundesregierung in Berlin und in Islamabad bereits in ständigem Austausch mit den pakistanischen Kollegen zum Fall Asia Bibi stehe. „Vertreter der Bundesregierung haben dabei vor allem die Erwartung an die pakistanische Regierung unterstrichen, die Sicherheit Asia Bibis und ihrer Familie zu garantieren sowie rechtsstaatliche und menschenrechtliche Prinzipien einzuhalten.“

Sollte Asia Bibi in einem sicheren Land eintreffen, wären jedoch noch nicht alle Gefahren gebannt: Extremisten aus Pakistan leben und agieren auch schon von Europa aus, darunter die Khatme Nabuwwat Academy in Forest Gate im Osten Londons, die den Rechtsanwalt Ghulam Mustafa Chaudhry bevollmächtigt haben soll, die Klägerseite im Blasphemiefall Asia Bibi zu vertreten. Die Verfolgte würde, käme sie nach Deutschland, zur Zielscheibe von Kreisen, die den Sicherheitsbehörden hierzulande bekannt sind: Anhänger der pakistanischen Organisation Pasban Khatme Nabuwwat (Bewahrer des Siegels der Propheten) wurden bereits Ende der neunziger Jahre in Deutschland auffällig, als sie Mitglieder der muslimischen Ahmadiyya-Glaubensgemeinschaft bedrohten und angriffen, die damals zahlreich Aufnahme in der Bundesrepublik fanden. Der Verfassungsschutz in Baden-Württemberg führte die Extremisten 1998 im Jahresbericht auf. Sie haben sich die Verfolgung der Andersgläubigen zum Ziel gesetzt.

Inzwischen kamen zahlreiche Falschmeldungen über Asia Bibis Ausreise auf. Große Fernsehanstalten meldeten gar den Abflug aus Pakistan. Meldungen, denen zufolge Großbritannien von vornherein eine Aufnahme abgelehnt habe, wurden nie offiziell von der Regierung in London bestätigt. Die christliche Hilfsorganisation Barnabas Fund mit Sitz in Großbritannien warnte aus Sicherheitsgründen vor öffentlichen Spekulationen über den Aufenthaltsort sowie vor unseriösen Spendenaktionen für Bibi und ihre Familie, weil die Ausreise auf Regierungsebene organisiert werde. Die Menschenrechtsorganisation ADF International sammelte 230 Unterschriften von Parlamentariern weltweit zu einem Appell an die Regierung in Islamabad, für einen sicheren Korridor Asia Bibis in ein Asylland zu sorgen: „Investoren und Firmen benötigen wegen der Verträge, der Angestellten und ihrer Reputation Vertrauen in die Justiz.“ Wenn die Rechtsstaatlichkeit ausgehöhlt werde, würden ausländische Anleger „weniger wahrscheinlich“ Geld nach Pakistan bringen. Zu den Unterzeichnern zählen eine Reihe von Mitgliedern des britischen Oberhauses, die hoffen, dass diese deutliche Botschaft Gehör findet.

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