Straßburg

Recht auf Abtreibung? Kein Grund zu zittern

Das EU-Parlament fordert, ein „Recht auf Abtreibung“ in die „Charta der Menschenrechte der Europäischen Union“ aufzunehmen. Grund zur Sorge? Ein Kommentar.
Diskusssion um "Recht" auf Abtreibung
Foto: IMAGO/Michael Brochstein (www.imago-images.de) | Demonstration für ein "Recht" auf Abtreibung in New York: Auch das EU-Parlament hat jetzt gefordert, ein solches in die „Charta der Menschenrechte der Europäischen Union“ aufzunehmen.

Das EU-Parlament fordert, ein „Recht auf Abtreibung“ in die „Charta der Menschenrechte der Europäischen Union“ aufzunehmen. Das ist unverfroren, Grund zu zittern, ist es nicht. Denn um ein „Recht auf Abtreibung“, welches es weder gibt, noch geben kann in die Charta aufnehmen zu können, müsste der Rat der Europäischen Union dem Wunsch der Mehrheit des EU-Parlaments einstimmig Folge leisten. Also auch Malta, Polen, Ungarn und Zypern. Ganz egal, was die Abtreibungslobby sich erträumt und ihr machtvoller parlamentarischer Arm in Straßburg ausheckt, das wird nicht geschehen.

Die EU ist nicht zuständig

Schon deshalb nicht, weil es mit der Charta selbst unvereinbar wäre. Nicht nur, weil es in deren Präambel heißt: „In dem Bewusstsein ihres geistig-religiösen und sittlichen Erbes gründet sich die Union auf die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, Gleichheit und Solidarität“. Nicht nur, weil es in Artikel 2, Absatz 1 der Charta heißt: „Jeder Mensch hat das Recht auf Leben“ und Absatz 2 lautet: „Niemand darf zur Todesstrafe verurteilt oder hingerichtet werden.“ Sondern auch, weil die Charta nicht über die Zuständigkeit der EU selbst hinausgehen kann.

Lesen Sie auch:

Und die gesetzliche Regelung von Abtreibungen fällt – Gott sei Dank – nun einmal nicht in die Zuständigkeit der EU. Sie wird als Teil der Gesundheitspolitik betrachtet. Und die fällt in die alleinige Zuständigkeit der Mitgliedsstaaten. Kurz: Eher kollabiert die EU, als dass der Europäische Rat dem Ansinnen der Mehrheit des EU-Parlaments folgt und ein „Recht auf Abtreibung“ in deren Grundrechtscharta einschreibt.

Ist also alles nur Show? Wissen die EU-Abgeordneten nicht, wie sinnlos ihre Forderungen in Wahrheit sind? Die Antwort mag merkwürdig klingen, aber sie lautet tatsächlich: Ja und nein. Ja – das alles ist Show. Und ja, die EU-Abgeordneten wissen, wie sinnlos ihre Forderungen sind. Sie wissen, dass die EU keinerlei Zuständigkeit hinsichtlich der Regelung von Abtreibungen besitzt und dass sie Zeit, Energie und Geld damit verschwenden, Entschließungen zu verabschieden, die, obgleich sie das Erwünschte niemals bewirken werden, in mehr als 20 Sprachen übersetzt werden müssen.

Steter Tropfen höhlt den Fels des Widerstands

Und nein – die EU-Abgeordneten glauben, ihre Wählerklientel zufriedenstellen und der Abtreibungslobby dienen zu müssen. Und vor allem hoffen sie, steter Tropfen höhle den Fels des Widerstands in den Mitgliedsstaaten der EU aus. Auf kurze Sicht gesehen haben sie damit nicht einmal Unrecht. Ehemals katholische Hochburgen wie Spanien, Italien und Irland haben kapituliert und sind in das Lager des Feindes übergelaufen.

Und doch ist wie ein Naturgesetz: Alles was nicht auf Wahrheit gründet, stürzt irgendwann in sich zusammen. Die Ausrottung der Indianer, die Sklaverei, der Holocaust, der Gulag – all diese Gräuel wurden als Verbrechen erkannt. Der vorgeburtlichen Kindstötung wird es genauso ergehen. Geschichtsbücher der Zukunft werden sie als „abscheuliches Verbrechen“ (II. Vatikanische Konzil) brandmarken. Bis dahin müssen Christen kämpfen. Um die ungeborenen Kinder, deren Leiber mit dem Tod bedroht werden und deren Seelen Gott noch nicht kennen. Genauso wie um die unsterblichen Seelen derer, die sich mit Leib und Seele in den Tentakeln des Versuchers verfangen haben.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Die EU-Staaten, die noch rudimentär am "Recht auf Leben" festhalten, geraten unter Druck. Gut, dass die EU-Bischöfe den jüngsten Vorstoß Macrons gegen den Lebensschutz kritisiert haben.
10.02.2022, 17  Uhr
Stephan Baier
Themen & Autoren
Stefan Rehder Lebensschutz Menschenwürde Recht auf Leben Schwangerschaftsabbruch

Kirche

Das deutsche Ergebnis der Befragung zur Weltbischofssynode zeigt: Mit dem Synodalen Weg können Gremien Monologe führen, aber keine jungen Leute hinter dem Ofen hervorlocken.
09.08.2022, 11 Uhr
Regina Einig
„Du sollst dir kein Bild von Gott machen“ – oder doch? Der Bilderstreit des achten und neunten Jahrhunderts.
09.08.2022, 19 Uhr
Christoph Münch
Beeindruckendes Buch: Andreas Sturm beschreibt seinen Weg zum Austritt aus der katholischen Kirche mit schonungsloser Ehrlichkeit. Ein Spiegel der Kirche unserer Tage.
06.08.2022, 07 Uhr
Peter Winnemöller