Russen im Ausland

Raus - und was dann?

Immer mehr russische Bürger verlassen das Land – aus Angst vor Repressionen, aber auch wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation. Die russische Initiative „die Arche“ hilft Russen im Ausland, neu Fuß zu fassen.
Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD)
Foto: Bernd von Jutrczenka (dpa) | Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) kündigte zuletzt an, sich stärker für Dissidenten aus Russland einsetzen zu wollen.

Immer mehr Russen verlassen seit Beginn des Krieges ihre Heimat. Rund 60 000 Russen seien seit Ende Februar nach Armenien geflohen, nach Georgien seien bereits über 100 000 Menschen aus Russland eingereist. Das teilt die „Internationale Gesellschaft für Menschenrechte“ gegenüber dieser Zeitung auf Anfrage mit. Auch die Türkei ist ein beliebtes Zielland von russischen Staatsbürgern, die ihr Land verlassen haben, denn dort können sie ohne Visum einreisen. Die Flucht in die Türkei ist weiterhin möglich, da das Land im Vergleich zur EU ihren Luftraum nicht für russische Fluglinien gesperrt hat. Zahlen, wie viele Russen seit Beginn des Krieges in die Türkei gekommen sind, gibt die Regierung allerdings nicht bekannt und sind daher schwer zu erfassen.

Angst vor Unterdrückung, Verfolgungund Verhaftung

Die Gründe für die Flucht seien vielfältig: Einige würden das Land aus politischen Gründen und aus Angst vor Unterdrückung und Verfolgung verlassen, andere wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation, die durch die Sanktionen noch verschärft worden sei. Auch Männer, die befürchteten, zum Wehrdienst eingezogen zu werden, würden Russland verlassen, erklärte die freiwillige Mitarbeiterin bei der russischen Initiative „die Arche“, Eva Rapoport, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur in Istanbul.

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Die Initiative unterstützt ihre Landsleute dabei in den Ländern, in die sie geflohen sind, Fuß zu fassen. Nach eigenen Angaben organisiert sie für Neuankömmlinge Unterkünfte in der türkischen Metropole Instanbul und in der armenischen Hauptstadt Yerevan. Man stelle vor allem Wohnraum für Menschen bereit, die „aus Angst vor einer Verhaftung in Eile fliehen mussten“, so Rapoport. „Wir versuchen, jede Art von Hilfe anzubieten, damit (die Flüchtlinge) wenigstens einige Zeit kostenlos unterkommen und herausfinden können, wie es für sie weitergeht.“ Allein in Istanbul seien bereits über 200 Unterkünfte vermittelt worden, berichtet Rapoport.

Gut ausgebildete Flüchtlinge

Neben der Bereitstellung von Unterkünften würden Kontakte zwischen den ins Ausland geflohenen Russen vermittelt, auch psychologische Hilfe und Unterstützung bei Behördenangelegenheiten bietet die Initiative und informiert über langfristige Bleibeperspektiven. Personen, die den Krieg kritisieren, hätten mit schweren Folgen zu rechnen, heißt es auf der Webseite „der Arche“: „Die meisten sind in ernsthaften Schwierigkeiten: Kreditkarten werden blockiert, eine Wohnung zu mieten, ist beinahe unmöglich wegen der großen Flut von Leuten, die Russland verlassen.“
Unter den Neuankömmlingen seien vor allem gut ausgebildete Personen aus der IT- oder Technologiebranche, aber auch viele Rechtswissenschaftler.

„Die Arche“ wurde Anfang März, kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine gegründet und finanziert sich nach eigenen Angaben durch Spenden. Die Initiative geht aus dem „russischen Anti-Kriegskomitee“ hervor, das der frühere Oligarch und Unternehmer, Mikhail Khodorkovsky, gemeinsam mit Journalisten, sowie oppositionellen Politikern und weiteren Kritikern des russischen Angriffskriegs ins Leben gerufen hatte. Auch der frühere russische Ministerpräsident Mikhail Kasyanov ist Mitglied des Komitees.

Schneller Schutz für Neuankömmlinge

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) kündigte zuletzt an, sich stärker für Dissidenten aus Russland einsetzen zu wollen. „Wir wollen alles dafür tun, damit diese Menschen, die Putins verbrecherischen Krieg ablehnen, in Deutschland sicher sind“, sagte Faeser den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Bislang sei zwar kein starker Anstieg von russischen Asylbewerbern in Deutschland zu verzeichnen, dies könne laut Faeser aber auch bedeuten, dass „Menschen, die vor Putins Politik fliehen müssen, es vielleicht nicht bis nach Deutschland schaffen“.

Daher müssten Wege gefunden werden, damit „konkret bedrohte Menschen aus Russland“ in der EU Asyl beantragen und dort arbeiten könnten, betonte die Bundesinnenministerin. Dazu, wie dieser „schnelle Schutz“ konkret aussehen könne, liefen aktuell zwischen den zuständigen Ministerien „intensive Abstimmungen“.

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