Berlin

Rabbiner für die Bundeswehr

Nach mehr als 100 Jahren stellt die deutsche Armee wieder jüdische Seelsorger ein. Das geht vor allem auf den Einsatz der Leiterin des Militärrabbinats, Angelika Günzel, zurück.
Erster Militärrabbiner eingeführt
Foto: Hendrik Schmidt (dpa-Zentralbild) | Die Militärrabbinatsleiterin kümmert sich bei der Bundeswehr um die Lebenswirklichkeit der jüdischen Soldaten. Das beinhaltet, dass Soldaten jüdischen Glaubens koscheres Essen zur Verfügung stehen soll.

Chanukka – das jüdische Lichterfest im Dezember beginnt in diesem Jahr schon am 28. November und endet am Abend des 6. Dezembers. Traditionell zünden Juden an der Chanukkia, dem Chanukka-Leuchter, in acht Tagen eine Kerze nach der anderen an, bis acht Kerzen insgesamt brennen. Dies geschieht mit Hilfe des Schemesch, des sogenannten Dieners, der neunten Kerze. Sie erinnern damit an Israels wunderbare Errettung aus der Fremdherrschaft und an die damit verbundene Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels. Der Überlieferung nach fand man beim Betreten des Tempels ein Fässchen mit koscherem Öl, versehen mit dem Siegel des Hohepriesters, welches acht Tage lang hintereinander brannte, obwohl es nur für einen Tag gereicht hätte.

Eine Wiedereinweihung kann auch die jüdische Seelsorge in der Bundeswehr feiern, denn noch in diesem Dezember kommen die ersten Militärrabbiner ins Amt. Dies ist der Erfolg der Militärrabbinatsleiterin Angelika Günzel und des Militärbundesrabbiners Zsolt Balla. Im zurückliegenden Jahr haben beide völliges Neuland betreten. Denn in der Bundeswehr gab es bislang keine institutionalisierte Seelsorge für jüdische Soldaten. Die letzten jüdischen Seelsorger schieden 1919 aus dem deutschen Heer. In der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus gab es offiziell keine Soldaten jüdischen Bekenntnisses.

Sie blickt auf eine bemerkenswerte akademische Karriere zurück

Nach über 100 Jahren werden also wieder Militärrabbiner in deutschen Streitkräften ihren Dienst versehen. Die Leiterin des Militärrabbinats ist eine orthodoxe Jüdin und hat eine bemerkenswerte akademische Karriere hinter sich. Die promovierte Juristin und Verfassungsrechtlerin Angelika Noa Günzel studierte Rechtswissenschaften in Trier, war dort wissenschaftliche Mitarbeiterin. Den juristischen Vorbereitungsdienst leistete sie teils am Obersten Gerichtshof in Israel ab. In der Folge wurde sie Vorstandsreferentin bei der Alexander-von-Humboldt-Stiftung in Bonn und 2014 Professorin an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung. Seit September 2021 ist sie Leiterin des deutschen Militärrabbinates in Berlin. Das Amt entspricht dem des katholischen Militärgeneralvikars oder des evangelischen Militärgeneraldekans.

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Wie Zsolt Balla legt auch Angelika Günzel Wert auf Schwerpunkte in der Seelsorgearbeit. „Wir haben immer gesagt, wie wichtig es ist, bei den Einsätzen dabei zu sein“, sagt die 47-Jährige im Gespräch mit dieser Zeitung. Deshalb wird eine der ersten Stellen mit rabbinischer Präsenz beim Einsatzführungskommando in Schwielowsee/Potsdam sein.

Von hier aus führt die Bundeswehr alle im Ausland eingesetzten Soldaten. Es sind noch zwölf Auslandsmissionen: Minusma und Eutm in Mali, Eunavor Med Irini und Sea Guardian im Mittelmeer, Unifil (Libanon) sowie Atalanta am Horn von Afrika und der Anti-IS-Einsatz im Irak, um nur die wichtigsten zu nennen. Die erste Rabbiner-Stelle kann Günzel in jedem Fall im Dezember an der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München besetzen. Das Kompetenzzentrum sticht vor allem durch internationale Kooperationen in Forschung, Entwicklung, Ausbildung und mit dem medizinischen ABC-Schutz hervor. Es wird zurzeit von einer Frau Generalstabsarzt geleitet, noch immer eine Seltenheit in deutschen Streitkräften.

„Mich reizt die Praxis der Umsetzung“

Bei der Besetzung der Stellen zeigt sich ein generelles Problem: Die jüdischen Seelsorger müssen für ihre Stelle ihre Gemeinden vor Ort aufgeben, wenn sie die eine ganze Stelle als Militärrabbiner einnehmen. Dies ist angesichts der geringen Zahl an Rabbinern in Deutschland nicht leicht. Allerdings stehen jüdische Gemeinden der Bundeswehr weitaus positiver gegenüber als christliche Friedensgruppen, die in der Evangelischen Kirche in Deutschland durchweg den Kurs bestimmen. Doch bleibt Günzel durchweg optimistisch, was die zehn Stellenbesetzungen mit Rabbinern oder Rabbinerinnen angeht: „Mich reizt die Praxis der Umsetzung“. Schon deshalb war sie als Staatskirchenrechtlerin an den Vertragsverhandlungen des Zentralrates der Juden in Deutschland mit der Bundesrepublik Deutschland beteiligt, die im Dezember 2019 abgeschlossen wurden.

Ganz praktisch kümmert sich die Militärrabbinatsleiterin um die Lebenswirklichkeit der Soldaten. „Wenn man traditionell jüdisch lebt, lässt sich das im Militär manchmal schwer verwirklichen“, beschreibt sie die Anforderungen an eine koschere Verpflegung. „Es ist aber durchaus möglich, wie wir bei einem traditionell lebenden jüdischen Soldaten festgestellt haben. Wir setzen zuerst einmal bei den großen Kasernen an und planen dort abgepacktes koscheres Essen. Für den Einsatz prüfen wir die Möglichkeit, koschere Epas verfügbar zu machen“, Einmannpackungen zur individuellen Verpflegung, wie sie die US-Army als Essensrationen für ihre jüdischen Soldaten gebrauche. Wegen höherer Kosten wird es vorerst bei einem nicht flächendeckenden Angebot bleiben. Denn wie gefragt das rituell gekochte Essen sein wird, lässt sich noch nicht sagen.

Nicht alle Juden wollen ihre Religionszugehörigkeit offenlegen

Nicht alle Juden wollen ihre Religionszugehörigkeit offenlegen und das habe in Deutschland seinen guten Grund. „Irgendwann wissen wir mehr“, ist sie sich sicher. Aber jüdische Bundeswehrangehörige nähmen dabei ein Grundrecht in Anspruch. Dementsprechend komme es auf die Zahl der jüdischen Soldaten nicht entscheidend an. Und: „Wir halten uns an die Tradition, dass im Judentum Menschen nicht direkt gezählt werden sollen.“

Die jüdische Seelsorge in der Bundeswehr lasse sich mit der christlichen auch nicht einfach vergleichen: So werde es keine ausschließlichen Militärrabbiner geben, denn diese werden ihren Dienst gleichzeitig nahe an der Gemeinde ausüben. Dorthin müssten sie auch jederzeit wieder zurückkehren können. Die Eigenständigkeit der Militärseelsorgen bestätigt der Referatsleiter der Seelsorge im Katholischen Militärbischofsamt (Berlin), Professor Dr. Thomas R. Elßner.
Eine große Herausforderung liege im Lebenskundlichen Unterricht für die Soldaten und seiner Durchführbarkeit im Dienstbetrieb. So können die jüdischen Vertreter darüber hinaus eine ethische Dimension einbringen, die sich aus einer 3 000-jährigen Tradition des Judentums herleite und heute helfen könne, Krisen realistisch zu bewältigen. Die Weiterentwicklung einer militärischen Berufsethik bleibe für alle Seelsorgen in der Bundeswehr ein Auftrag, der letztlich nur in gemeinsamer Arbeit gelingen werde.

Wann dürfte ein Soldat Kippa tragen?

Die Militärrabbinatsleiterin ist momentan auch dabei, ihren eigenen Mitarbeiterstab aufzubauen; sie muss Referatsleiter und Referenten finden und nicht zuletzt Ritualgegenstände und entsprechende Fachliteratur zur Verfügung stellen. Zuallererst wird die Herausgabe einer Feldagende und eines Gebetbuches realisiert. Ganz praktisch stelle sich auch die Frage, wann ein Soldat eine Kippa tragen dürfe.

Zum Chanukkafest im Dezember ist der Auftakt mit zwei jüdischen Seelsorgern ein hoffnungsvolles Zeichen; die Arbeit wächst. „Nach jüdischer Tradition“, sagt Günzel, „feiern wir am Lichterfest den gedeckten Tisch“. Für die jüdische Seelsorge in der Bundeswehr ist er schon einmal gedeckt.



Der Autor war bis 2020 Sprecher des Evangelischen Militärbischofs. Er lebt und arbeitet nun als freier Journalist in Berlin.

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