Ukraine

Putin will seine Beute verteidigen

Kiew fürchtet den Wintereinbruch mehr als die Kampfkraft der russischen Armee. Putin droht weiter mit dem Einsatz von Atomwaffen.
Ukrainischer Soldat steht neben einem zerstörten russischen Panzer
Foto: Andrii Marienko (ap) | Ein ukrainischer Soldat steht neben einem zerstörten russischen Panzer. Die Ukraine fürchtet den Winter mehr als die russische Armee.

Ungeachtet aller internationalen Proteste hat Russlands Präsident Wladimir Putin am Mittwoch die Gesetze zur Annexion von vier ukrainischen Regionen in Kraft gesetzt. Gleichzeitig schreitet die Befreiung ukrainischer Gebiete im Osten und Süden des Landes voran. Zuletzt hatte sogar das russische Verteidigungsministerium den taktischen Rückzug seiner Truppen in der Region Donezk eingeräumt. Während Putin die Annexion von Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson feierte und beide Kammern des russischen Parlaments (Staatsduma und Föderationssowjet) die Annexion billigten, befindet sich der Aggressor in der Defensive. Moskau hat keine vollständige Kontrolle über die offiziell angeschlossenen Gebiete, von denen Putin behauptet, er werde sie "mit allen Mitteln verteidigen".

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Verurteilung erwartet

Gegen eine Verurteilung der völkerrechtswidrigen Referenden und der Annexion ukrainischen Staatsgebiets im UN-Sicherheitsrat legte Russland am Freitag sein Veto ein. China, Indien, Brasilien und Gabun enthielten sich der Stimme. Doch am kommenden Montag wird sich die UN-Vollversammlung mit der Causa befassen, und hier ist mit einer klaren Verurteilung des russischen Vorgehens zu rechnen. Gleichzeitig kündigten die USA weitere Waffenlieferungen an die Ukraine im Umfang von 625 Millionen US-Dollar an. Das Gesamtvolumen der militärischen Unterstützung Amerikas für Kiew beläuft sich nun auf 17,5 Milliarden Dollar.

Militärstrategen sehen die Ukraine derzeit im Vorteil, zumal nicht nur das russische Kriegsmaterial veraltet und schlecht gewartet ist, sondern die Befehlsketten lang und starr seien. Selbst Putins tschetschenischer Vasall Ramsan Kadyrow macht sich über den Zustand der russischen Armee und über ihre Generäle lustig; zuletzt kündigte er an, seine minderjährigen Söhne in die Schlacht zu schicken. Kiew muss jedoch den Wintereinbruch fürchten. Mit dem herbstlichen Regen und der Verschlammung des Geländes droht die Gegenoffensive zu erlahmen.

In Stücke zerbrochen

Die russische Propaganda versucht, die Annexion mit konträren Argumenten im eigenen Land und in der Ostukraine zu vermarkten: Während dem russischen Publikum der Anschluss einer "Kornkammer" und führender Regionen der Energetik, der Metallurgie und der Kohleförderung als ökonomischer Vorteil verkauft wird, verspricht Moskau den annektierten Gebieten russische Pensionen und Subventionen. Vor allem versucht Putin seinen Landsleuten einzureden, Russland befinde sich im Abwehrkampf gegen einen westlichen Welt-Hegemon. Dieser wolle Russland in Stücke zerbrochen sehen, sagte Putin jüngst. In diesem Kontext spricht sogar er von Krieg: "Wir befinden uns in einem Krieg um die Zukunft unseres Volkes. Die Welt wird nie mehr so sein, wie vor dieser Spezialoperation." Putin spricht von einem "hybriden Krieg, den der kollektive Westen gegen Russland führt".

Nach ukrainischen Angaben haben bereits 58000 russische Soldaten im Krieg ihr Leben verloren. An die nunmehr unter Zwang rekrutierten russischen Männer appellierte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj deshalb auf Russisch: "Lauft weg!" Tatsächlich laufen viele junge Männer aus Russland weg, und zwar deutlich mehr als nach russischen Angaben bisher als Reservisten eingezogen werden konnten, nämlich 200000. Doch nicht nur wegen der Fluchtwelle aus dem Land und der Anti-Kriegs-Demonstrationen im Land ist Putins "Teilmobilmachung" eine Blamage.

Eigene Helme mitbringen

Viele Reservisten wurden aufgefordert, selbst Helme und Verbandszeug für ihren Einsatz in der Ukraine von Zuhause mitzubringen. Wladimir Putin hat sein und Russlands Prestige in der Welt verspielt, die eigene Armee vor den Augen der Weltöffentlichkeit blamiert, sein Heimatland in wirtschaftlichen Niedergang und gesellschaftliche Unruhe gestürzt. Russland bleiben nur drei Waffen: das Erdgas, von dem sich Europa nun schrittweise unabhängig machen muss, das Vetorecht im UN-Sicherheitsrat und die Drohung mit dem Zerstörungspotenzial seiner Atomwaffen.

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Stephan Baier Russlands Krieg gegen die Ukraine Ramsan Kadyrow Wladimir Wladimirowitsch Putin

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