Teilmobilmachung angeordnet

Putin setzt auf Eskalation

Moskau drängt auf den raschen Anschluss der eroberten ukrainischen Gebiete und ordnet eine Mobilmachung an.
Russlands Präsident Wladimir Putin
Foto: IMAGO/Kremlin Pool (www.imago-images.de) | Innenpolitisch geriet der seit 22 Jahren autokratisch herrschende Putin angesichts der ukrainischen Militäroffensiven zuletzt doppelt unter Druck: Einerseits verlieren immer mehr Russen die Angst, den Krieg offen als ...

Mit der am Mittwoch verkündeten Mobilmachung tritt Russlands Präsident eine Flucht nach vorne an. International rutscht er immer tiefer in die Isolation, im eigenen Land wächst die Kritik. Selbst seine Reise ins usbekische Samarkand, die zeigen sollte, dass nur der böse Westen, nicht aber der Rest der Welt sich gegen sein ukrainisches Abenteuer stellt, wurde zum Flop. Indiens Premier Naredra Modi kritisierte die russische Invasion. Der "alte Freund" aus China, Xi Jinping, sagte Putin weder wirtschaftliche noch militärische Unterstützung zu. Putins Krieg gegen die Ukraine kommt den chinesischen Expansionsstrategien ungelegen. Xi Jinping macht freundschaftliche Miene zu Putins apokalyptischem Spiel, weil die Gegnerschaft zum vermeintlichen Welt-Hegemon USA die beiden Diktatoren verbindet. Doch im Konzert der anti-amerikanischen Mächte und beim Aufbau einer alternativen Weltordnung besteht Peking darauf, den Takt vorzugeben.

Auch Erdogan rückt von Putin ab

Auch der türkische Präsident, der lange den neutralen Vermittler zwischen Moskau und Kiew gab und dabei immerhin den Getreide-Deal verhandelte, rückt von Putin ab. Im Interview mit einem US-Sender sagte Recep Tayyip Erdogan, er erwarte von Russland die "Rückgabe des besetzten Landes" an die Ukraine, einschließlich der 2014 annektierten Halbinsel Krim. Polen und die drei baltischen Staaten ziehen trotz russischer Drohungen ihren Einreisestopp für russische Bürger durch, ebenso wie sich Finnland und Schweden nicht von ihrem Weg in die NATO abbringen lassen. Die EU billigte am Dienstag das nächste Milliardenpaket für die Ukraine. Von einem Bröckeln der europäischen Sanktionsfront gegen Putins Clique kann - abgesehen von politischem Theaterdonner - derzeit jedenfalls noch keine Rede sein.

Lesen Sie auch:

Innenpolitisch geriet der seit 22 Jahren autokratisch herrschende Putin angesichts der ukrainischen Militäroffensiven zuletzt doppelt unter Druck: Einerseits verlieren immer mehr Russen die Angst, den Krieg offen als solchen zu bezeichnen und zu kritisieren, andererseits drängen nationalistische Hardliner zu einem härteren Vorgehen. Beide Seiten ließen Putin schwach aussehen, darum reißt er mit der Anordnung der Mobilmachung und dem geplanten Anschluss ukrainischer Gebiete die Führung jetzt wieder an sich.

Am Dienstag hatte der frühere Präsident Dmitri Medwedew rasche Beitrittsreferenden in den besetzten Gebieten angekündigt, um Territorien der Ostukraine zügig "in den Bestand Russlands" aufzunehmen. Am selben Tag erklärten die von Moskau dirigierten "Volksrepubliken" Donezk und Luhansk sowie die Region Cherson, bis 27. September über ihren Beitritt zu Russland abzustimmen. Putin versucht wegen des Vormarschs der Ukrainer nun über Scheinreferenden seine Beute in Sicherheit zu bringen.

Kein Nachlassen des Westens in Aussicht

Angesichts der Massengräber und der vielen Hinweise auf systematische Folter, die die ukrainischen Befreier in den russisch besetzten Gebieten vorfinden, zuletzt in einem Wald bei Isjum, darf Putin nicht darauf hoffen, dass der Westen bei der finanziellen und militärischen Unterstützung Kiews nachlässt. Auch ein Einsatz taktischer Atomwaffen oder immer brutalere Vernichtungsschläge gegen zivile Einrichtungen und ukrainische Infrastruktur würden den Westen eher zusammenschweißen.

Wenn Putin trotz des offenbar desaströsen Zustands seiner Armee und der schwachen Kampfmoral seiner Truppen und Söldner nun auf eine Mobilmachung setzt, dann vor allem aus innenpolitischen Gründen: Eine Niederlage in der Ukraine würde seine Herrschaft in Russland ins Wanken bringen. Eine Exit-Strategie aus dem für alle verlustreichen Krieg hat der Aggressor damit wohl endgültig verworfen. Putin will weder einen Kompromiss noch einen Verhandlungsfrieden. Ähnlich wie der serbische Diktator Slobodan Milosevic in den 1990er Jahren, glaubt der russische Diktator heute, dass sein Land im Krieg stets gewinnt, im Frieden jedoch verliert. Er setzt auf eine Eskalation des Krieges und wird am Ende alles verlieren.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Putins Eroberungskrieg ist zum Stellungs- und Vernichtungskrieg entartet, und ein Ende der Kämpfe ist nicht in Sicht.
24.08.2022, 19  Uhr
Stephan Baier
Niemand weiß, ob der russische Präsident verrückt genug ist, die Welt in einen Atomkrieg zu stürzen. Genau damit kalkuliert der Kreml.
28.09.2022, 11  Uhr
Stephan Baier
Themen & Autoren
Stephan Baier Dmitrij Medwedew Russlands Krieg gegen die Ukraine NATO Recep Tayyip Erdoğan Wladimir Wladimirowitsch Putin Xi Jinping

Kirche

Kardinal Kurt Koch weist den Vorwurf von Bischof Georg Bätzing zurück, er habe den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Die Stellungnahme im Wortlaut.
29.09.2022, 20 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe fordert vom Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates eine „umgehende Entschuldigung“ für kritische Interviewäußerung.
29.09.2022, 15 Uhr
Meldung
Warum gibt es den Absolutheitsanspruch des Dogmas? Sind Lehre und Tradition in der Orthodoxie ein Gegensatz – oder vielmehr eine Notwendigkeit?
01.10.2022, 05 Uhr
Stefanos Athanasiou
...theologisch überfrachtet. Zum Orientierungstext des Synodalen Weges: Wie der Dekonstruktivismus feierlich in die katholische Kirche einzieht.
30.09.2022, 21 Uhr
Ludger Schwienhorst-Schönberger