Krieg in der Ukraine

Putin gerät in die Defensive

Die ukrainische Rückeroberung schreitet erfolgreich voran, doch im Kaukasus lodert zeitgleich ein alter Krisenherd neu auf.
Das Denkmal für den ukrainischen Dichter Taras Schewtschenko
Foto: IMAGO/Vyacheslav Madiyevskyy (www.imago-images.de) | Das Denkmal für den ukrainischen Dichter Taras Schewtschenko in der vormals von russischen Truppen besetzten Stadt Balaklija ist nach der Befreiung durch ukrainische Soldaten mit der Nationalflagge geschmückt.

Wladimir Putin hat die Kampfmoral der Ukrainer, die Geschlossenheit des Westens und die Stärke seiner eigenen Armee offenbar völlig falsch eingeschätzt. Im März scheiterte er mit seinen Blitzkrieg-Ambitionen gegen die Regierung in Kiew; nun befindet sich die ukrainische Armee im Süden und vor allem im Osten des Landes auf dem Vormarsch. Die russischen Verbände zeigen sich bei ihrem chaotischen Rückzug in einem desaströsen Zustand: Schlecht gewartete, teils kampfuntaugliche Panzer, erschöpfte Soldaten, die seit 200 Kriegstagen im Einsatz sind, massive Nachschubprobleme, strategisches Chaos. Gleichzeitig verdichten sich die Hinweise auf Folterungen in den russisch besetzten Gebieten. Ob der ukrainische Überraschungserfolg tatsächlich zum Zusammenbruch der russischen Front führt und damit den Wendepunkt im Krieg bringt, hängt nun davon ab, welche Waffen der Westen wie schnell zur Verfügung stellt.

Putin innenpolitisch unter Druck

All das bringt Wladimir Putin nun erstmals innenpolitisch unter Druck: Mehrere Lokalpolitiker aus der Hauptstadt Moskau wie aus seiner Heimatstadt St. Petersburg brachen das große Tabu und forderten öffentlich die Absetzung des russischen Präsidenten. Putins Politik gefährde die Bürger Russlands und grenze an den Straftatbestand des Hochverrats, meinten manche mit Namensnennung. Andere werfen dem Präsidenten vor, Russland in die Zeit des Kalten Kriegs zurückversetzt zu haben, und fordern jetzt seine Abdankung.

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Selbst im russischen Fernsehen wird der Krieg plötzlich kontrovers diskutiert. Auch Putins Marionette in Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, brüskierte seinen Paten im Kreml, indem er meinte, "wenn nicht heute oder morgen Änderungen in der Strategie vorgenommen werden", müsse er der Staats- und Armeeführung in Moskau "die wirkliche Lage vor Ort erklären". Kadyrow kündigte an, 10000 tschetschenische Krieger in den Donbas zu senden, um die verlorenen Städte zurückzuerobern.

Nicht nur Verteidigungsminister Sergej Schoigu, sondern Putin selbst wird durch die Blamage seiner "Spezialoperation" innerhalb Russlands nun von zwei Seiten hinterfragt: von jenen, die nach einem härteren, nötigenfalls atomaren Vorgehen rufen, weil sie eine Niederlage in der Ukraine mit dem Untergang Russlands gleichsetzen, und von jenen, die sich und ihren Wohlstand durch den Krieg (der in Russland nicht so genannt werden darf) gefährdet sehen. Deshalb zögert der Kreml noch immer, eine Generalmobilmachung anzuordnen.

Wird der Mythos der "Spezialoperation" aufgegeben?

Damit nämlich wäre der Mythos von einer "Spezialoperation", die das alltägliche Leben der Russen kaum betreffe, offiziell aufgegeben. Durch eine Generalmobilmachung wäre nahezu jede Familie unmittelbar betroffen. Dann würden nicht mehr nur Berufssoldaten, Söldner, Strafgefangene und junge Rekruten aus Sibirien in der Ukraine verheizt, sondern auch die Söhne und Enkel der bisher regimetreuen Ober- und Mittelschicht. Wider die wachsende Kritik rief der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill zum Gebet für Wladimir Putin als Präsident und Oberbefehlshaber auf.

Während Russland militärisch in der Ukraine gebunden ist, flammte an Dienstag der alte Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan neuerlich militärisch auf. Nach armenischen Angaben versuchte die Armee des Nachbarlands, grenznahe Städte zu attackieren und auf armenisches Staatsgebiet vorzudringen. Aserbaidschan wiederum warf Armenien "subversive Aktionen" im Grenzgebiet vor. Zuletzt befanden sich die beiden verfeindeten Staaten 2020 in einem sechswöchigen Krieg, der mindestens 6.000 Menschen das Leben kostete. Damals besetzte Aserbaidschan weite Teile des mehrheitlich von Armeniern bewohnten Berg-Karabach.

Die Eskalation im Kaukasus ist auch eine Herausforderung für den Kreml, denn Russland gilt als Schutzmacht Armeniens, während sich die Türkei als Pate Aserbaidschans versteht. Gleichwohl hat Moskau jahrelang Waffen an beide Seiten verkauft und sich im Konflikt mehrfach als Schlichter ins Spiel gebracht.

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