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Proteste gegen Suspendierung eines Germanisten in Frankreich

Elitehochschule suspendiert Professor. Dem Germanistik-Professor Klaus Kinzler wurden „islamophobe“ Äußerungen vorgeworfen. Nun regt sich Protest gegen die Disziplinarmaßnahme.
Science Po Grenoble
Foto: PAUL CHOMARAT via www.imago-images.de | Die französische Elitehochschule Sciences Po Grenoble ist wegen Islamophobievorwürfen gegen Professoren in die Schlagzeilen geraten.

Seit einiger Zeit gerät die französische Elitehochschule Sciences Po Grenoble in die Schlagzeilen. Der Vorwurf: „Islamogauchismus“ und „Wokismus“ machten sich hier laut Figaro in besonderer Weise breit und verbreiteten ein Klima der Angst, in dem andere Meinungen nicht toleriert würden. Die Zeitung berichtet ausführlich über die Vorkommnisse an dem Institut für Politikwissenschaft in der südfranzösischen Stadt.

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Hexenjagd an der Uni

Schon im März dieses Jahres sei Klaus Kinzler von Studenten wegen seiner Äußerungen zum Islam kritisiert worden. Studentische Aktivisten plakatierten seinen Namen an einer Mauer der Hochschule und brachten ihn mit „Islamophobie“ und „Rassismus“ in Verbindung. Nun sei Kinzler, der seit 25 Jahren lehrt, von der Direktorin Sabine Saurugger suspendiert worden, wie der Figaro schreibt, weil er in Medien wie L’Opinion, Marianne und auf CNews vor einem Abdriften seiner Einrichtung sowie einer „Hexenjagd“ warnte, deren Opfer er geworden sei.

Hegemonie und wissenschaftliche Relevanz

Am vergangenen Mittwoch nun haben 40 prominente Historiker, Wissenschaftler und Hochschuldozenten reagiert und im Figaro einen Aufruf an die zuständige Ministerin für Hochschulbildung Frédérique Vidal veröffentlicht, in dem diese aufgefordert wird, entschlossen gegen die Islamolinke an den Universitäten vorzugehen. In dem Appell stellen unter anderen der Philosoph Pascal Bruckner, der Forschungsdirektor am nationalen Forschungszentrum CNRS (Centre national de la recherche scientifique), Pierre-André Taguieff, sowie der Geschichtsprofessor an der Pariser Sorbonne, Pierre Vermeren, fest, dass „seit einigen Jahren eine militante Strömung versucht, in zahlreichen Hochschuleinrichtungen, insbesondere im Bereich der Sozialwissenschaften, einen exklusiven Diskurs durchzusetzen“. Nun sei es aber eine Sache, „neue Studienbereiche und neue Paradigmen aufzunehmen; etwas ganz anders aber ist es, diese eine Vormachtstellung, ja sogar eine institutionelle Hegemonie erlangen zu lassen, während ihre wissenschaftliche Relevanz – wie Sie wissen – Gegenstand einer intensiven intellektuellen Debatte ist“. Mit den neuen Paradigmen meinen die Unterzeichner all die neuen Konzepte, die in den letzten Jahren an den Universitäten Aufwind bekommen haben, wie etwa ein systematischer Rassismus, die Intersektionalität, der Indigenismus sowie die Spielarten der Gendertheorie.

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Pluralismus untergraben

Die Unterzeichner kritisieren zudem die Untätigkeit der Hochschulministerin, die im Februar 2021 selbst eine Untersuchung über den Islamogauchismus an den Universitäten angekündigt hatte. Geschehen sei bisher nichts: „Fast ein Jahr später ist dieser Bericht, der unablässig versprochen und ständig verschoben wurde, noch immer nicht erschienen“.
Der Appell schließt: „In diesem Zusammenhang, da die Meinungsfreiheit durch Disziplinarmaßnahmen oder sogar -strafen bedroht ist, da der Pluralismus von Forschung und Lehre konterkariert wird durch Einschüchterungsmanöver und infolgedessen durch die zunehmende Selbstzensur der Kollegien, insbesondere der jüngsten, da ihre Karriere davon abhängt, oder auch da immer mehr Studenten ihre Sorge teilen angesichts dessen, was sie als Formatierung und Propaganda empfinden, ist unsere Frage einfach: Was genau gedenken Sie zu tun, Frau Ministerin?“

 

 

Finanzierung gestoppt

Reagiert auf die Suspendierung hat dem Figaro zufolge jedenfalls schon Laurent Wauquiez, von 2011 bis 2012 Minister für Hochschulen und Wissenschaft und seit 2016 Präsident der Auvergne-Rhône-Alpes. Der Politiker der französischen Republikaner kündigte kurzerhand an, jegliche Finanzierung (100.000 Euro jährlich) der Sciences Po Grenoble auszusetzen, die, so betont er, „sich seit langem  auf einem inakzeptablen ideologischen Irrweg befindet: Die Aktivisten der woken Theorie sowie der Gendersprache und der kommunitaristischen Praktiken haben heute hier die Debatte konfisziert“. DT/ks

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