Auschwitz

Porträt der Woche: Muhammad Al Issa

Scheich Muhammad bin Abdul Karim Al Issa, der Generalsekretär der Islamischen Weltliga, besucht am Mittwoch das Vernichtungslager Auschwitz. Erstmals betritt damit ein Vertreter der einflussreichen panislamischen Organisation den zentralen Fixpunkt auf der moralischen Landkarte des Westens.
Scheich Muhammad bin Abdul Karim Al Issa
Foto: Reuters | Der in den wallenden Gewändern des saudischen Religionsgelehrten auftretende Issa stammt aus der Mitte des Establishments.

Es ist eine absolute Premiere: Scheich Muhammad bin Abdul Karim Al Issa, der Generalsekretär der Islamischen Weltliga, besucht heute (22.1.) das Vernichtungslager Auschwitz. Erstmals betritt damit ein Vertreter der einflussreichen panislamischen Organisation den zentralen Fixpunkt auf der moralischen Landkarte des Westens. Dass er 75 Jahre nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee mit einer Delegation des American Jewish Committee reist, verdeutlicht die historischen Dimensionen weiter. Angesichts der Tatsache, dass Hitlers „Mein Kampf“ zum Sortiment einer arabischen Buchhandlung gehört und Holocaustleugnung eine Waffe im israelisch-palästinensischen Konflikt ist, eine bemerkenswerte Entwicklung. Vom Himmel fällt sie nicht. Bereits 2018 sandte Issa ein Schreiben an das Holocaust-Museum in Washington, in dem er Antisemitismus und Holocaustleugnung als unislamisch verurteilte. Im April letzten Jahres besuchte er gar eine Synagoge in New York. Kardinal Dolan pries ihn nach einer Begegnung als Mann des Dialogs.

Er gilt als Reformer

Der in den wallenden Gewändern des saudischen Religionsgelehrten auftretende Issa stammt dabei aus der Mitte des Establishments. Er diente dem Königreich als Minister. Im Zuge zaghafter Reformbemühungen des verstorbenen Königs Abdullah gelangte der 1965 geborene Rechtsgelehrte 2009 an die Spitze des Justizministeriums. Als vermögender Geschäftsmann gehört er ohnehin zur Geldelite des Landes. 2016, nach dem Aufstieg Mohammed Bin Salmans zum Kronprinzen, wurde er an die Spitze der Islamischen Weltliga mit Sitz in Mekka berufen – eine Ernennung, die im Zusammenhang mit der Revolution von oben zu sehen ist, die der machtbewusste Prinz seinem Land verordnen will. Dazu gehört ganz wesentlich eine Reform des wahabitischen Islam. Den zu exportieren war die Islamische Weltliga 1962 gegründet worden. Damals feierten säkulare Ideen unter Ägyptens Staatschef Nasser Triumphe. Dem galt es den Wahabismus entgegenzusetzen.

Issa bemüht sich um Moderation

Mittlerweile fürchten maßgebliche Teile der saudischen Elite um MBS, dass diese Aussaat als dschihadistischer Terror aufgegangen ist und die ganze Region und das Königreich selbst bedroht. Issa bemüht sich deshalb um Moderation. Vergangenes Jahr ließ er die sogenannte Mekka-Erklärung verabschieden, die Extremismus verurteilt. Schon zuvor hatte er Muslime zum Respekt vor den Gesetzen der Länder, in denen sie leben, aufgefordert – Kopftuchverbote inklusive. All das sind neue Töne aus Saudi-Arabien. Zu echter Freiheit für Christen und Schiiten im Land selber ist es aber noch ein weiter Weg.

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