Politische Bildung ganz praktisch

Berufsschüler aus NRW demonstrierten zusammen mit Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller vor der chinesischen Botschaft. Von Michael Leh
Schüler setzten zusammen mit anderen Demonstranten ein Zeichen
Foto: Michael Leh | Schüler setzten zusammen mit anderen Demonstranten ein Zeichen.

Vor der Berliner Botschaft der Volksrepublik China fand wie in jedem Jahr zum Tag der Menschenrechte eine Protestkundgebung statt. Sie galt dieses Jahr besonders der Erinnerung an den in Haft gestorbenen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. Dabei setzten um die 200 Schüler einen interessanten Akzent in Sachen praktischer politischer Bildung: Sie waren vom Berufskolleg Rhein-Maas aus Nordrhein-Westfalen unter Leitung ihres Religionslehrers und evangelischen Pfarrers Roland Kühne zu der Kundgebung extra angereist. Schon in den vergangenen Jahren waren sie stets bei der Demonstration vertreten gewesen. Denn Kühne nimmt regelmäßig das Thema „Menschenrechte in China“ in seinem Unterricht auf. In diesem Jahr machten die Schüler auch durch eine Aktion auf ihr Anliegen aufmerksam: Zum Gedenken an Liu Xiaobo trugen sie in einem symbolischen Trauerzug einen Sarg von der Köpenicker Straße bis vor die chinesische Botschaft.

Lob für Engagement an Jugendliche

Tienchi Martin-Liao, die Präsidentin des Unabhängigen Chinesischen PEN-Clubs, wandte sich direkt an die jungen Leute:„Es berührt mich zutiefst, dass ihr jedes Jahr hierher kommt und protestiert.“ Unter den Teilnehmern der Demonstration war aber auch die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller. Die Schriftstellerin forderte die Freilassung von Liu Xia, der Ehefrau von Liu Xiaobo. „Sie war schon die ganze Zeit unter Hausarrest“, erklärte Herta Müller. „Sie leidet unter Depressionen und hat Herzprobleme. Wir wissen wieder nicht, wo sie sich befindet. Wir fordern eine ärztliche Behandlung für Liu Xia und dass sie aus China ausreisen kann, wenn sie das wünscht“, erklärte Müller in ihrer Rede.

Dass das Problem der Menschenrechtsverletzungen in China in der deutschen Hauptstadt durchaus präsent ist, unterstrich in diesen Tagen auch eine andere Veranstaltung: Im China-Forschungsinstitut Merics in Berlin sprach der kanadische Journalist und China-Experte Ian Johnson jetzt zum Thema: „Jenseits der Parteilinie: Wie Ideen, Werte und Glauben das moderne China prägen“.

Suche nach Sinn jenseits des Materialismus

Schon seit langem suchten Menschen in China nach Sinn und Werten jenseits materialistischen Denkens, sagte Johnson. Der Staat habe im Laufe der Wirtschaftsreformen immer das Streben nach Wohlstand propagiert. „Aber das reicht den meisten Menschen nicht, sie suchen auch nach anderen Werten, nicht nur nach Religion natürlich, aber auch nach anderen Ideen“, so Johnson.

Die KP-Regierung habe dies verstanden, versuche die Entwicklung in ihrem Sinne zu steuern und die religiösen und sozialen Bewegungen „in den Griff zu bekommen“. Nach konservativen Schätzungen, so Johnson, gebe es in China 400 Millionen Menschen, die „regelmäßig irgendeine Religion ausüben“. Es gebe ungefähr 200 Millionen Buddhisten, etwa 50 bis 60 Millionen Christen, davon zehn Millionen Katholiken. Höhere Zahlen halte er für nicht sehr realistisch. Hinzu kämen 20 Millionen Muslime und 100 Millionen „andere“, darunter die Volksreligionen. „Es ist ein sehr empfindliches Thema in China, deshalb gibt es auch keine zuverlässigen offiziellen Zahlen darüber“, sagte Johnson. Einen interreligiösen Dialog gebe es in China nicht und der Raum für öffentliche Diskussionen werde unter der Herrschaft von Staats- und Parteichef Xi Jingping immer enger, auch in den sozialen Medien. Christen und Muslime würden misstrauisch betrachtet und ausländische Einflüsse befürchtet. Wenn sich künftig auch nicht-offizielle christliche Gruppierungen registrieren lassen müssten, seien weitere Spannungen zu erwarten. Am 1. Februar 2018 treten revidierte „Vorschriften für religiöse Angelegenheiten“ in Kraft. Darin heißt es in Paragraph 7: „Die Gründung, Veränderung oder Aufhebung einer religiösen Organisation muss gemäß den entsprechenden staatlichen Bestimmungen für die Verwaltung gesellschaftlicher Organisationen registriert werden.“

In Paragraph 4 heißt es zuvor: „Der Staat schützt gemäß dem Gesetz normale religiöse Aktivitäten, er leitet die Religionen aktiv dazu an, sich an die sozialistische Gesellschaft anzupassen (...).“ Und weiter: „Religiöse Organisationen, religiöse Ausbildungsstätten, Stätten für religiöse Aktivitäten und religiös gläubige Bürger müssen die Verfassung, die Gesetze, Rechtsnormen und Regeln einhalten, die sozialistischen Kernwerte praktizieren (...) und die Stabilität der Gesellschaft wahren.“

Der kanadische Journalist Johnson hat dieses Jahr das wichtige Buch „Souls of China“ veröffentlicht. Johnson ist Korrespondent der New York Times und hat 20 Jahre in China gelebt. Für seine Berichterstattung über die Meditationsbewegung Falun Gong im Wallstreet Journal erhielt er 2001 den Pulitzer-Preis. Für sein Buch „Souls of China“, das demnächst auch in einem deutschen Verlag erscheinen soll, hat er mehrere Jahre über die religiöse Situation in China vor Ort recherchiert.

Im Deutschlandfunk zitiert Ruth Kirchner in einer Rezension eine Passage aus Ian Johnsons Bericht von seinen umfangreichen Recherche-Reisen in China: „Ich habe Sachen in den Gebirgen westlich von Peking gesehen, die mich ein bisschen an die christlichen Feste in Bayern erinnert haben, zum Beispiel bei Oberammergau die Passionsfeste. Das gibt es auch in China, wo das ganze Dorf zusammenkommt und fast ein Theaterstück spielt, um das Böse aus der Gemeinde zu treiben. Man dachte, diese Sachen seien alle tot, besonders nach der Kulturrevolution, aber sie kommen alle zurück, teilweise auch mit der Unterstützung der Regierung.“

Menschen werden unabhängiger vom System

Die Regierung fördert dabei nur solche religiösen Gruppierungen, von denen sie sich eine Stabilisierung ihrer Herrschaft verspricht. Johnson schätzt dies so ein und stellte dazu bei seinem Vortrag in Berlin fest: „Ich glaube, dass dieser Effekt kurzfristig die Regierung unterstützt. Xi Jinping ist bei vielen Anhängern von traditionellen Religionen wie Buddhismus oder Daoismus sehr beliebt, wegen seiner Unterstützung für diese Religionen.“

Aber langfristig führe diese Entwicklung dazu, dass die Menschen lernten, unabhängiger zu denken und damit auch unabhängiger von der Regierung und ihrem Herrschaftssystem zu werden. Zum Schluss zog Ian Johnson bei seinem Berliner Vortrag ein letztlich optimistisches Fazit: „Die Menschen entwickeln ihre eigenen Werte, ihre eigenen Ideen von Gerechtigkeit und das ist natürlich langfristig gesehen für die KP nicht von Nutzen.“

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