Zwei Monate stand da unbemerkt diese Erklärung auf der Webseite der Essener Tafel, und als die Westdeutsche Allgemeine Zeitung schließlich das Thema aufgriff, brach im Jahr 2018 ein bundesweiter Sturm los: Keine „zusätzlichen Ausländer“ wolle man mehr aufnehmen bei der Lebensmittelausgabe an Bedürftige, die „deutsche Oma“ fühle sich durch offensiv auftretende Männergruppen unangenehm bedrängt, befand der Vorsitzende der Essener Tafel, Jörg Sartor. Überhaupt sei das Zahlenverhältnis zwischen Deutschen und Ausländern innerhalb der Tafel-Kundschaft aus den Fugen geraten, spiegele nicht mehr den auf Hilfe angewiesenen Teil der Bevölkerung wider. Das, so Sartor, werde man ändern: Keine Migranten mehr, bis die Dinge wieder im Lot sind.
Wumms, das hatte gesessen. Das Land schwankte zwischen Wut, Betretenheit und mehr oder weniger offener Zustimmung über so viel unbekümmerten Klartext auf einem politischen Feld, das bis heute vermint und von Tabus umstellt ist. Und Jörg Sartor wurde von heute auf morgen ein Medienereignis, an dem kaum jemand vorbeikam. Das Vorgehen der Essener Tafel sei „nicht gut“, ließ Bundeskanzlerin Angela Merkel höchstpersönlich in der ihr eigenen kühlen Art öffentlich wissen. Am damaligen Sitz der Tafel im sozial prekären Essener Ostviertel ergoss sich ein Journalisten-Andrang, der Sartor noch heute spotten lässt: „Ich habe die ganze Aufregung nicht verstanden, dafür war mein Kopp zu klein.“ Der mittlerweile 70-Jährige gibt aber zu, dass er sich „schon auch gebauchpinselt fühlte“, als selbst Korrespondenten der „New York Times“ in seinem bescheidenen Büro saßen und um Interviews baten.
„Im Bergbau kannst du nicht lange diskutieren, da gibt es klare Anweisungen“
Natürlich gab es Leute, die Jörg Sartor einen Rassisten und Ausländerfeind nannten, doch von Beginn an war die Reaktion bei Medien und Politik durchaus gespalten, auch weil sich der kantige Querkopf nicht ohne Weiteres in die übliche Rechts-links-Kampflinie einordnen ließ. Der gelernte Bergmann entstammt dem klassischen, sozialdemokratisch geprägten Arbeitermilieu des nördlichen Ruhrgebiets, war 30 Jahre unter Tage, arbeitete sich zum Fahrsteiger hoch. „Im Bergbau kannst du nicht lange diskutieren, da gibt es klare Anweisungen“, sagt Sartor, der in diesem Stil auch die Tafel führte. Dort war er gelandet, nachdem er mit gerade 49 Jahren in den Vorruhestand geschickt wurde und sich nach einer neuen, ehrenamtlichen Aufgabe umgeschaut hatte.
Als der Wind 2018 nach der Ausschluss-Entscheidung dann scharf von vorn wehte, kam ihm das Quantum Sturheit und Härte zupass, das diesem Ruhr-Menschenschlag nachgesagt wird. Er sei schon ein „Bollerkopp“, räumt er augenzwinkernd ein, und die freundlich gemeinte Anregung von Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU), ob er nicht sein Anliegen etwas netter hätte formulieren können, konterte er belustigt und nicht eben schuldbewusst so: „Als im Geschichtsunterricht Diplomatie dran war, war ich wahrscheinlich Kreide holen.“ Man muss wohl so gestrickt sein, um einen bundesweiten Shitstorm auszuhalten, wobei – wie erwähnt – viele auch zu ihm hielten, nicht zuletzt die CDU-dominierte Essener Stadtspitze. Schon vor dem „Skandal“ genoss Sartors Tafel-Arbeit hier hohes Ansehen. Rückendeckung gab es aber auch bis in die Reihen von Bundes- und Landesministern hinein, überhaupt gab sich die politische Prominenz eine Weile die Klinke in die Hand, um den Medienstar in Essen-Ost zu besuchen, der druckreif reden konnte, und das auch noch auf durchaus unterhaltsame und witzige Art.
Ministerpräsident Hendrik Wüst verlieh ihm den NRW-Verdienstorden
Das alles ist nun lange her, längst hat sich die Diskussion beruhigt. Die Essener Tafel ist 2025 in modernere Räume umgezogen, Jörg Sartor hat das maßgeblich organisiert und ist darauf sehr stolz. Anschließend gab er altersbedingt die Führung der Essener Tafel ab. Druck von außen oder innen, betont er, spielte dabei keine Rolle. Ministerpräsident Hendrik Wüst drückte ihm den NRW-Verdienstorden in die Hand, eine Auszeichnung, die ihm viel bedeutet. Und noch immer ist er in Medien und Politik ein gefragter Gesprächspartner und redet Klartext, wenn er es für nötig hält.
Etwa als Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas jüngst bestritt, dass es in Deutschland Einwanderung in die Sozialsysteme gibt. „Absurd, gerade als Duisburgerin müsste sie es besser wissen.“ Bas und viele andere stehen nach Ansicht Sartors für eine SPD, die sich weit von ihren Wurzeln entfernt und den Interessen von Minderheiten verschrieben hat, statt Politik für die breite Bevölkerung zu machen. Die Enttäuschung darüber ist gerade im Ruhrgebiet sehr groß, oft profitiert davon die AfD, die in den einstigen SPD-Hochburgen besonders stark ist. Jörg Sartor hielt indes die AfD, die ihn gerne in ihre Reihen gezogen hätte, stets betont auf Abstand. Geflirtet hat er hingegen mal mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), auch das blieb aber eine kurze Episode. Am Ende widerstand er der Versuchung, in die Politik zu gehen, wahrscheinlich wäre das bei einem eigensinnigen Querkopf wie ihm nicht gut ausgegangen.
Jörg Sartor bereut jedenfalls nichts und sagt klar: „Ich würde alles wieder genauso machen.“ Dazu gehört auch sein Bemühen, die Arbeit der Tafeln in Deutschland quasi vom Kopf auf die Füße zu stellen. Das schiere Dasein dieser fast 1.000 lokal organisierten Einrichtungen wird von der politischen Linken gerne genutzt, um sozialpolitisch zu punkten: Weil die staatliche Unterstützung für Hilfebedürftige viel zu gering sei, müssten die Tafeln einspringen, um blanken Hunger zu vermeiden, lautet das melodramatische Narrativ. Viele Tafel-Chefs in Deutschland lasen und hörten das gerne,
Jörg Sartor hingegen widersprach damals wie heute deutlich: „Wenn die Essener Tafel morgen zumacht, muss kein Mensch in dieser Stadt hungern!“ Das sehe man schon daran, dass von über 100.000 Essener Bürgergeld-Empfängern nur rund 6.000 eine Tafel- Berechtigung haben. „Die anderen hungern aber keineswegs.“
Für den Grundbedarf ist der Staat zuständig
Für den Grundbedarf sei der Staat zuständig, und der leiste das auch, was nicht heiße, dass das Leben mit Bürgergeld komfortabel ist. Für Sartor bleibt es jedenfalls dabei: „Die Aufgabe der Tafeln war und ist, Lebensmittel einzusammeln und damit vor der Vernichtung zu bewahren und so eine zusätzliche Unterstützung zu ermöglichen.“ Dies setze dann wiederum Finanzmittel frei, die ein Hilfeempfänger anderweitig ausgeben könne.
Eine gute Sache also. Aber Sartor sieht die Dinge dennoch kritisch. Die Tafeln in Deutschland seien vielfach Teil einer Sozialindustrie geworden, die jedes Maß verloren habe und mehr denen diene, die sie in Gang halten, als den wirklich Bedürftigen. Die Tafel in Essen ist relativ groß, dennoch sind er und sein Nachfolger, ein ehemaliger Flugkapitän, ehrenamtlich tätig. „Viele deutlich kleinere Tafeln leisten sich hingegen gut dotierte hauptamtliche Geschäftsführer“, so Sartor.
Während in Essen die Kunden 1,50 Euro pro Ausgabetag bezahlen und sich dann bedienen dürfen, gebe es vor allem im Osten Tafeln, die bis zu sieben Euro verlangen. „Da ist viel Eigennutz im Spiel“, weiß Sartor. Immer wieder würden auch Fälle aktenkundig, wo Tafel-Mitarbeiter auf eigene Rechnung Kasse machten.
Vielfach sei unbekannt, dass die Tafeln von den großen Lebensmittel-Discountern nicht nur schnell verderbliche Lebensmittel erhalten, sondern auch hochwertige Konsumgüter aller Art, die aus irgendwelchen Gründen nicht mehr in den Verkauf kommen. Auch intern kann das Verführungskraft entfalten. Er habe Leute mit hohem Privatvermögen erlebt, die dennoch gerne und reichlich zugriffen. „So ist halt der Mensch“, sagt der Pragmatiker Sartor und zuckt die Achseln.
Einmal pro Woche an alter Arbeitsstätte
Einmal pro Woche ist er derzeit noch einige Stunden an seiner alten Arbeitsstätte und verwaltet den „goldenen Käfig“ – spöttischer Name für eine Ecke im Lager, in der die begehrten langlebigen Konsumgüter verwahrt werden: palettenweise Kaffee, Elektroartikel, Spielwaren. „Ich bemühe mich, sie so gerecht wie möglich auf die Ausgabestellen in Essen zu verteilen“, sagt der 70-Jährige.
Sartors Nimbus ist noch präsent, Tafel-Mitarbeiter, die ihn sehen, sagen immer noch häufig „Hallo Chef“. Der hört es erkennbar gerne, betont aber, er pfusche seinem Nachfolger nicht ins Alltagsgeschäft. Noch einige Wochen, dann sei auch der goldene Käfig für ihn Geschichte. Klar falle ihm das schwer, aber öffentliche Sentimentalität ist Sartors Sache nicht: „Ich bin nicht der Erste, der damit klarkommen muss, dass halt irgendwann Feierabend ist.“
Der Autor ist Journalist und lebt in Essen.
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