Islam

Perspektiven für den Islam-Unterricht

In Bayern wurde die Islamkunde als Wahlfach eingeführt. Ein Modell für andere Bundesländer? Ein Interview mit dem Journalisten und Islam-Experten Joachim Wagner.
Islamunterricht
Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) | Islamunterricht droht zum Spielball der unterschiedlichen Verbände zu werden.

Herr Wagner, man hat zunehmend den Eindruck, dass die kulturelle Integration der Muslime in unserer Gesellschaft nicht funktioniert. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation?

Ich bin der Auffassung, dass die kulturelle Integration von religiös-konservativen Muslimen weitgehend gescheitert ist. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die religiösen und traditionellen Wurzeln ihrer Kultur sehr stark sind und wir das unterschätzt haben. Dazu kommt die integrationshemmende Wirkung moderner Kommunikationsmittel. Durch  Internet,  Fernsehen und kostengünstige Telefonmöglichkeiten bleibt die enge Bindung zur Heimat intakt. Diese  Brücke bewahrt und stärkt die kulturelle Identität der Heimatländer in Deutschland. Ein dritter Grund ist der sogenannte „Diaspora Effekt“. So nennt man die starke Orientierung und Bindung von Einwanderern an die eigene Kultur in der Fremde. Das Phänomen gab es zum Beispiel auch bei nach Südamerika ausgewanderten Deutschen. Sie haben in Argentinien teilweise wie in Bayern gelebt.

 Inwieweit sind die Schulen gefordert mehr zur Integration und zum Verständnis der Kulturen und Religionen untereinander beizutragen?

Die Schulen haben eine Schlüsselfunktion. Es gibt keine andere Institution, wo westliche Kultur und muslimische Kultur so eng aufeinanderprallen wie dort. Deshalb hängt das Gelingen oder Misslingen von Integration entscheidend von den Schulen ab.

Was muss in den Schulen geschehen, um Integration zu fördern?

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Zum einen ist es wichtig, dass  der Religionsunterricht als Islamkunde ohne Einfluss muslimischer Verbände  wie etwa Bayern und Schleswig-Holstein stattfindet. Denn für die muslimischen Verbände haben der Erhalt der islamischen Religion und Kultur im Zweifel Vorrang vor der Integration. Daneben muss es in Fächern wie Gemeinschaftskunde, Geschichte oder Politik gelingen, unser Wertesystem und unsere rechtstaatlichen und demokratischen Prinzipien lebendig und überzeugend darzustellen. Nur auf diesem Wege können wir muslimische Jugendliche überzeugen, dass der demokratische Rechtsstaat dem Gottesstaat  überlegen ist. Man darf aber auch nicht pauschalisieren. Es gibt viele liberale Muslime, bei denen die Religion keine Rolle spielt. Bei ihnen kann Integration leichter gelingen. Wenn wir aber in fundamentalistische oder in religiös-konservative Familien schauen, dann sind diese Bastionen der Gegenerziehung- wie Koranschulen und Moscheevereine.

In diesen Milieus, meist soziale Brennpunkte wachsen Kinder und Jugendliche in zwei Kulturen auf, die sich in einigen Bereichen fundamental widersprechen.

"Die Verbände bekennen in Einzelfällen sogar
offen, dass sie im Unterricht ihre Interpretation
des Islam durchsetzen wollen."

Ist der bekenntnisgebundenen islamische Religionsunterricht, der in NRW und vier weiteren Bundesländern praktiziert wird, problematischer als Fach Islamkunde ohne Bekenntnischarakter?

Die Bundesländer gehen beim Religionsunterricht verschiedene Wege. Die neuen Bundesländer bieten in erster Linien Ethik und Philosophie an, Bremen und Hamburg Modelle eines multi-religiösen Religionsunterrichts,  Bayern und Schleswig-Holstein Islamkunde unter staatlicher Aufsicht. Im Gegensatz dazu wird der bekenntnisgebundene islamische Religionsunterricht inhaltlich und personell in erster Linie von so genannten Beiräten oder in Nordrhein-Westfalen jetzt von einer neu installierten Kommission bestimmt. In diesen Mitbestimmungsgremien dominieren die konservativen muslimischen Verbände. Sie haben eine große Macht. Sie gestalten den Unterricht, verfassen Unterrichtspläne und wählen Lehrer und Schulbücher aus. Der Staat hat in dieser Unterrichtsform fast keinen Einfluss. Im Gegensatz zur Islamkunde, wo lediglich über die Inhalte des islamischen Glaubens informiert wird, geht es im islamischen Religionsunterricht zentral um das Bekenntnis, also um den Absolutheitsanspruch, dass allein der Islam die richtige Wahrheit verkündet.

Welche Gefahr sehen Sie in der sehr engen Zusammenarbeit mit Organisationen wie der Ditib, die jetzt in NRW wieder neuen Einfluss auf den Islamunterricht gewonnen hat?

Ich sehe darin eine relativ große Gefahr. Die Verbände bekennen in Einzelfällen sogar  offen, dass sie im Unterricht ihre Interpretation des Islam durchsetzen wollen. Und das heißt, eine konservative. In der Vergangenheit haben Verbandsvertreter  in NRW oder in Baden-Württemberg  trotz universitärer Qualifikation Bewerber abgelehnt, die eine liberale oder moderne Interpretation des Korans vertreten haben.

In Frömmigkeitstests wurden sie zum Beispiel nach ihrer Haltung zum Kopftuchtragen gefragt oder ob sie einen nicht-muslimischen Partner heiraten würden. Dieses Bestimmungsrecht der konservativen Verbände ist fatal, weil es liberale Religionspädagogen ausgrenzt und eine konservative integrationsfeindliche Interpretation des Korans fördert.

Muss die Politik da nicht stärker eingreifen und klare Vorgaben machen?

Der religiöse Bekenntnisunterricht ist im Grundrechtskatalog  garantiert. Daraus ergibt sich, dass alle Religionsgemeinschaften ein Verfassungsrecht auf bekenntnisgebundenen Religionsunterricht haben. Eine Garantie, die, so glaube ich, wohl in der Welt einzigartig ist und  aus der Weimarer Republik stammt. Damals gehörten etwa 90 Prozent der Bevölkerung in Deutschland einer der beiden christlichen Kirchen an. Unsere Verfassungsväter konnten sich 1949 nicht vorstellen, dass wir 2021 in einer teils multireligiösen, teils areligiösen Gesellschaft leben. Heute gehören nur noch 53 Prozent einer der beiden christlichen Konfessionen an, 38 Prozent gar keine Religion mehr. Der zweite Aspekt ist, dass es in Landesregierungen wie NRW die Überzeugung gibt, dass diese Art von Religionsunterricht die Integration tatsächlich fördert. Allerdings gibt es für diese These keine empirischen Beweise.

Ist denn tatsächlich eine Vergleichbarkeit zwischen der islamischen Religion und den verfassten christlichen Kirchen gegeben?

Es gibt jahrelange Rechtsstreitigkeiten darüber, ob die muslimischen Verbände als Religionsgemeinschaften anerkannt werden können. Eine gerichtliche Entscheidung, die das bejaht, gibt es bis heute nicht. Da die Islamverbände keine kirchenähnlichen Strukturen aufweisen, kann ihnen nach der Rechtsprechung bisher auch keine den Kirchen vergleichbare Rechtsposition zugebilligt werden. Deshalb sind auch alle Projekte in den fünf Bundesländern, in denen der bekenntnisgebundene Islamunterricht derzeit noch praktiziert wird, immer nur als Modellversuche auf Zeit angelegt. Solche Behelfskonstruktionen muss man entweder politisch wollen oder eben nicht. Diese fehlende rechtliche Vergleichbarkeit nutzen Bundesländer wie Schleswig-Holstein und Bayern dazu, Religionsunterricht als Islamkunde unter staatlicher Aufsicht zu organisieren.

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